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Musikkritik:Witz und Konzentration

Die junge Violinistin Clara Shen in Nymphenburg

Viele junge Talente können sehr gut Geige spielen, so viele und so junge, dass man manchmal meinen könnte, die Violine sei ein Kinderinstrument. Bei einigen dieser erstaunlichen Begabungen ahnt man allerdings vom ersten Ton an, dass hier ein anderer, nämlich unmittelbarer musikalischer Impetus alles technisch so Beeindruckende hinter sich lässt. Das heißt, die Beherrschung des Instruments ist dann zuallererst Bedingung dafür, der Musik gerecht werden zu können und sie im besten Sinne entstehen lassen zu können.

Eine solche herausragende und ungewöhnliche Musikerin ist Clara Shen, 2005 in Puchheim geboren, durch ihre internationalen Wettbewerbserfolge den Geigen-Aficionados längst bekannt. Das Besondere manifestiert sich bei ihr nicht in Allüren oder Rampenkoketterien, sondern in kluger Ernsthaftigkeit, Konzentration und einer natürlichen Grazie in ihrem leichtfüßigen, doch nie leichtgewichtigen Spiel, das schon jetzt unverwechselbar wirkt. Im Hubertussaal von Schloss Nymphenburg bot sie mit der manchmal allzu geradlinigen Klavierbegleitung von Susanna Klovsky ein Recital mit Felix Mendelssohn Bartholdys F-Dur Sonate, vier Sätzen aus Johann Sebastian Bachs Solopartita d-Moll, Antonín Dvořáks Romantischen Stücken und Pablo de Sarasates Carmen-Fantasie. Dass das Publikum meinte, unbedingt nach jedem Satz, ja, Sinkenlassen der Geige sofort klatschen zu müssen, focht Clara Shen nicht an. Mendelssohns späte Sonate ist geprägt von federndem Glanz, geschwinder Beredsamkeit und Schönheit der Kantilene, genauso realisiert von Clara Shen. Die Bach-Sätze überzeugten durch Klarheit und genaue Artikulation, während sie die drei Dvořák-Stücke charakteristisch ausspielte. Sarasates Carmen-Fantasie legte sie mit so viel Vergnügen an dieser eleganten, fast intimen Virtuosität hin, dass der Saal tobte. Die Kreisler-Zugabe zeigte erneut Außergewöhnliches in Clara Shens Kunst: hintergründigen Witz und zarten Charme