Musikgeschichte:Swing den Joseph Goebbels

Jazz galt den Nazis als "Entartete Musik". Doch für ihre Auslandspropaganda gründeten sie eine Bigband

Von Renate Frister

Die Nationalsozialisten verteufelten den Jazz als "Entartete Musik" - trotzdem nutzten sie ihn zur Propaganda im Ausland. Mitten im Krieg ließ Reichspropagandaminister Joseph Goebbels die Bigband Charlie And His Orchestra zuerst mit den besten deutschen, später mit den besten europäischen Jazzmusikern zusammenstellen und beauftragte sie, heißen Swing für den Auslandsrundfunk zu spielen. Das NS-Dokumentationszentrum und die Hochschule für Musik und Theater informieren über die immer noch wenig bekannte Geschichte der Band in einer Lesung mit Fotografien, zu der das Jazzorchestra der Musikhochschule live die damalige Musik spielt. Die Konzeption dazu stammt von Oliver Hochkeppel und Peter Wortmann.

Der von Schwarzen und Juden erfundene, ab den Zwanzigern in den Metropolen immer beliebtere Jazz war den Nationalsozialisten naturgemäß suspekt. Von 1935 an galt für den gleichgeschalteten Reichs-Rundfunk das "endgültige Verbot des Nigger-Jazz". Zwei Jahre später folgte mit der "Anordnung über unerwünschte und schädliche Musik" ein generelles Spielverbot. Dass aber mit dem Kriegsbeginn die Nationalsozialisten selbst Jazz ins Radio brachten, bekamen die meisten Deutschen gar nicht mit. Der lief im ins feindliche Ausland ausgestrahlten Deutschen Kurzwellensender (KWS); die üblichen Volksempfänger aber konnten nur Lang- und Mittelwelle empfangen.

Zweckdienlichkeit übertrumpfte auch in diesem Fall die Ideologie: Swing und Jazz wurden für den Auslandssender genutzt, weil das eben die populärste Musik war. Goebbels Propagandaapparat beauftragte deshalb 1939 den Saxofonisten Lutz Templin, die neue Berliner Bigband zu leiten. Dafür gewann Templin die besten Jazzmusiker Deutschlands, etwa den Schlagzeuger Fritz Brocksieper aus München und den Trompeter Charlie Tabor aus Wien. Sänger und Namensgeber der Band wurde Karl Schwedler, Künstlername "Charlie", ein Beamter des Propagandaministeriums. Er dichtete amerikanische Standards um - in hetzerische Texte gegen Juden, Kommunisten und die Alliierten. Der britische Premier Winston Churchill etwa wurde als Säufer und Feigling verunglimpft, US-Präsident Franklin D. Roosevelt als geldgieriger Plutokrat beschimpft.

Tatsächlich fand der Auslandsrundfunk Gehör: Laut einer Umfrage der BBC verfolgten mehr als ein Viertel der britischen Radiohörer auch Sendungen des KWS. Berühmt wurde vor allem das "Germany Calling", dessen Sprecher aufgrund seines vornehmen britischen Akzents "Lord Haw Haw" genannt wurde. Meistens übernahm der britische Nationalsozialist William Joyce diese Rolle. "Charlie And His Orchestra" lieferten die musikalische Untermalung der Sendungen.

Ihre Arbeit konnte die Musiker in einen Gewissenskonflikt bringen: Einerseits wurden sie von den Nationalsozialisten instrumentalisiert, andererseits liebten sie den Jazz und genossen eine privilegierte Verpflegung und Bezahlung. Oft entkamen sie sogar dem Kriegsdienst. Dennoch wurden von 1940 an einige Bandmitglieder zur Wehrmacht eingezogen; ersetzt wurden sie durch Musiker aus Belgien, Italien und den Niederlanden. Die Produktion des Rundfunks wurde ständig ausgeweitet; bis 1943 die Bombenangriffe der Alliierten den Radiobetrieb so sehr störten, dass der Sender nach Stuttgart umzog. Im April 1945 nahm die Bigband zum letzten Mal auf. Nach Kriegsende spielten viele der deutschen Musiker für die Amerikaner; später machten die meisten in der Bundesrepublik Karriere.

Charlie And His Orchestra - Swing im Dienst der NS-Propaganda, Lesung und Konzert. Samstag, 16. Mai, 19 Uhr, Hochschule für Musik und Theater München, Arcisstraße 2, 21 83 73 00

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