Musikgeschichte:Jedes Jahr ein neues Wunder

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Wolfgang Amadeus Mozart (1756 - 1791) auf einem Porträt aus dem Jahr 1819. (Foto: picture alliance/dpa)

Mozarts Werkverzeichnis, von ihm selbst geführt, ist in einer Faksimile-Ausgabe erschienen.

Von Helmut Mauró

Je weiter man zurückgeht in der Editionsgeschichte des Werks von Wolfgang Amadeus Mozart, umso überschaubarer wird das Ganze. Das nun als Faksimile erschienene Werkverzeichnis, das Mozart selber führte, umfasst 60 Seiten, die erste Auflage des von Ludwig Ritter von Köchel erschlossenen Verzeichnisses von 1862 bringt es auf 551 Seiten, dessen achte Auflage von 1983 auf 1024 Seiten. Wie kann das sein? Hat sich die Anzahl seiner Werken nach Mozarts Tod heimlich vermehrt?

Nein und Ja. Zum einen haben sich die Vorworte und wissenschaftlichen Kommentare vermehrt, ein Personenregister ist hinzugekommen, ein Verzeichnis der Gesangstexte aller Liedtitel und ein ausführliches Konkordanzverzeichnis. Spätestens seit zahlreichen Umdatierungen, Änderungen und Ergänzungen des Gesamtverzeichnisses in der zweiten und dritten Auflage von Paul Graf von Waldersee 1905 und Alfred Einstein 1946 hat sich dieser Teil des Köchelverzeichnisses enorm ausgedehnt. Mit eigenen Köchelnummern hinzugekommen sind Kadenzen aus den Klavierkonzerten, Abschriften und Bearbeitungen fremder Werke, auch bis dato unbekannte, meist frühe Stücke.

Die Mozart-Forschung will nicht nur neu ordnen und kommentieren, sondern auch verschüttetes Gut auffinden. Auch Musikwissenschaftler suchen den Glamour philologischer Entdeckungen, der Antiquitätenmarkt besorgt das übrige. Arien, Kammermusik, Violin- und Klavierkonzerte - alles ist dabei, auch Skizzen von Vater Leopold. Mehr als 200 neue Stücke konnten so dem Mozart-Werkverzeichnis einverleibt werden. Jedes Jahr, pünktlich zur Vorberichterstattung der Festspiele, taucht ein neues Stück von Mozart auf. In der Regel ist es ein kleines Klavierstück, vorgestellt von der Stiftung Mozarteum. Die kauft regelmäßig komplette Nachlässe der Mozart-Zeit, um darin nach Kompositionen zu fahnden. Und, was soll man sagen, das Glück ist mit dem Tüchtigen.

Man könnte glauben, Vater Leopold habe die Fehler selber werbewirksam eingefügt

Wolfgang Amadeus Mozart hat auf Anraten des Vaters schon früh damit begonnen, ein eigenes Werkverzeichnis zu führen. Kaum ein Musiker hat so penibel Buch geführt über das eigene Werk. Dass dieses Verzeichnis nun als bibliophil gestaltetes Faksimile vorliegt, ergänzt durch einen englisch-französisch-deutschen Kommentarband, ist ein erfreuliches Beispiel für gesamteuropäische Verlegerkultur. Es ist eine erstrangige Quelle zur Erforschung von Urheberschaft, Datierungen und Fälschungen in Mozarts Werk. Dass es kein vollständiges Verzeichnis ist und selber allerlei Grund zu Spekulationen gibt, ist allerdings ebenso wahr. Allein die Tatsache, dass Mozart nur vollständig abgeschlossene Kompositionen in sein Verzeichnis aufnahm, sodass also etwa das Requiem nicht vorkommt, ist ein Problem. Auf 29 Doppelseiten hat er jeweils linkerhand ein neu komponiertes Stück detailliert beschrieben und mit Datum versehen, auf der rechten Seite die ersten Takte in Notenschrift hinzugefügt.

Den Anstoß zur künstlerischen Buchhaltung hatte der Vater gegeben, um Ordnung in das rasch überquellende Schaffen des Sohnes zu bringen, mehr noch vielleicht, um die Begabung seines Kindes zu demonstrieren. Mit unverhohlener Koketterie beschwert sich Leopold über Druckfehler, "sonderheitlich in dem allerletzten Trio 3 Quinten, die mein Junger Herr gemacht, ich dann corrigiert, und die alte Md: Vendomme aber hat stehen lassen. Einestheils ist es eine Probe, daß unser Wolfgangerl es selbst gemacht hat; welches wie billig vielleicht nicht jeder glauben wird. Genug, es ist doch also."

Man könnte glauben, der Vater habe die Fehler selber werbewirksam eingefügt. Es ging aber auch um Vermarktungsrechte. Raubdrucke waren ein Problem, man war auf seriöse Verleger angewiesen. Nach dem Tod Mozarts profitierte der Verlag André vom engen Kontakt zur Familie. Als André senior 1799 starb, übernahm sein Sohn Johann Anton die Verlagsgeschäfte. Noch im selben Jahr kaufte er 270 Manuskripte aus dem Nachlass Wolfgang Amadeus Mozarts für 3150 Gulden. Dessen Witwe Constanze hatte schon lange mit dem Verlag Breitkopf und Härtel in Leipzig verhandelt, aber den Verantwortlichen dort war die geforderte Summe zu hoch, das Geschäft ein zu großes Risiko. Johann Anton André, der wie sein Vater über ein breites musiktheoretisches und -historisches Wissen verfügte, studierte vor der Publikation der Werke die Autografen, katalogisierte sie und wurde so zum ersten Mozart-Forscher der Geschichte. Seine Arbeit diente als Grundlage für die Mozart-Biografie von Otto Jahn wie für das Köchel-Verzeichnis. Vier Jahrzehnte lang blieb der Nachlass Mozarts im Besitz der Familie André. Vor seinem Tod wollte Johann Anton André ihn geschlossen verkaufen. Aber Mitte des 19. Jahrhunderts war das Interesse an Mozart-Handschriften so gering, dass der Verkauf scheiterte. Auch die Münchner Hofbibliothek hatte abgelehnt. Und so wurde das Werk Mozarts unter den vier Erben aufgeteilt und in alle Winde zerstreut- ein Geschenk an die Welt.

Wolfgang Amadeus Mozart: Musical Diary ("Verzeichnüss aller meiner Werke "). Zwei Bände. Faksimile ca.70 Seiten. Kommentar 90 Seiten. Édition des Saint Pères. Cambremer 2018. 350 Euro.

© SZ vom 03.05.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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