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Musikgeschichte:Himmlische Maßstäbe

Viele Noten für ein Alleluja: Perotins Jubelgesang.

(Foto: Gemeinfrei/Wikipedia)

Kirche als Gesamtkunstwerk: Die Proportionen des Gebäudes prägten die Musik einer ganzen Epoche. Ihre Wirkung entsprach der Wucht der Naturgewalten.

Die Kathedrale von Notre-Dame in Paris war im frühen 13. Jahrhundert das geistige Zentrum der Welt. In der Musikgeschichte bezeichnet sie eine eigene Epoche. Keine andere wurde je nach einem Bauwerk benannt. Aber beim Stichwort Notre-Dame-Epoche weiß jeder Musiker, was gemeint ist.

Musik war nicht nur Spielerei, sondern Wissenschaft, wurde gemeinsam mit Arithmetik, Geometrie und Astronomie gelehrt. Hohes Handwerk, Kunst und Wissenschaft waren eins, inspirierten sich gegenseitig, stellten ihre Meisterwerke aus zum Lobe Gottes und manchmal auch ihrer selbst. Dombaumeister verewigten sich in steinernen Wasserspeiern, und die Notre-Dame-Schule brachte die ersten namentlich genannten Komponisten hervor: Leonin und Perotin. Ihre Musik spiegelte sich im Bauwerk und umgekehrt. Heute kann die Musikwissenschaft nachweisen, wie tonale und rhythmische Proportionen dem Aufbau einer gotischen Kathedrale metrisch entsprechen. Sowohl in der Musik, als auch in der Baukunst ging es um vollkommene und unvollkommene Unterteilungen, um himmlische Maßstäbe.

Im Musterbuch des Architekten Villard de Honnecourt aus dem 13. Jahrhundert findet man nicht nur Grundrisse und Gewölbeformen, sondern auch Regeln musikalischer Proportionen. Was die Romantiker im Bezug auf Architektur als Stein gewordene Musik bezeichneten, Schopenhauer als "gefrorene Musik", was Goethe in antiken Bauwerken erspürte und in Palladios Villen als Universalharmonien erforschte, war in der Kathedrale von Notre-Dame und ihrer Musikkunst konkrete Wirklichkeit. Notre-Dame war ein Gesamtkunstwerk. Die schiere Größe des Bauwerks drängte den musikverantwortlichen Teil des Klerus, die Kanoniker, Succentores und Clerici, nun auch ihre Kunst auszubauen, zu vergrößern, den Klang in alle Richtungen zu erweitern, den Raum auszufüllen. Komposition wurde zur Baukunst, Musik zu Architektur, Klangräume ausmessbar. Statt den Bibeltext so auf eine Melodie zu singen, dass jeder Wortsilbe wie bisher je ein Ton zugewiesen wird und höchstens am Ende mal etwas weitschweifender zu werden, schmückte man die Oberstimmen plötzlich an allen möglichen und manchmal auch unmöglichen Stellen aus, der Bass bewegt sich nur noch sehr langsam vorwärts, sodass die Oberstimmen Zeit haben, scheinbar frei improvisiert zu jubilieren und den ganzen Kirchenraum in allen hörbaren Frequenzbereichen mit himmlischen Klängen zu füllen. Gleichzeitig entwickelten Theoretiker rhythmische Bassmodelle, die das Ganze selbst bei ausschweifendster Melodik im Grunde zusammenhalten. Ganz so, wie die Stützpfeiler einer gotischen Kathedrale die sich darüber entfaltende Ornamentik ermöglichen. Was aus der natürlichen Praxis entstand, zu einer Melodie aus dem Stegreif eine zweite Stimme etwa zu singen, fand im Mittelalter seine kompositorische Entsprechung. In der "Notre-Dame-Epoche" schmückte man alles noch viel großräumig aus. Ein "Amen" oder "Alleluja" konnte dabei länger dauern als das ganze Stück. Aber so frei wie sich das anhörte, war es dann doch nicht. Schon damals galt: Grundlage der Freiheit ist eine valide Ordnung. Und doch: Dass heute die meisten Ensembles für mittelalterliche Musik so klingen, als wären sie selbst zu Stein geworden, beruht auf einer eigentümlichen, oft akademisch verbrämten Ästhetik.

Wenn man das Musizieren in den Vordergrund rückt, wie dies die Gruppe "Graindelavoix" praktiziert, dann kann man nachvollziehen: Diese Musik hat die Menschen schlichtweg überwältigt. So, wie später die Opern Richard Wagners und, schlichter aber lauter, Gruppen wie "Rammstein". Aber schon in Notre-Dame wähnten sich die Menschen in Trance, hatten Erleuchtungen, Erweckungserlebnisse, apokalyptische Visionen. Die Gewalt der Musik entsprach mit der psychischen Wirkung den Naturgewalten.

Klar, dass die Kleriker-Elite darin die Chance sahen, die Menschen so zu manipulieren, dass diese glaubten, kirchliche Macht sei Gottesmacht und ihre Würdenträger, wenn nicht göttlich, so zumindest doch gottgleicher als der Rest der Welt. Musik wurde ein auch ideologisch wirksames Medium. Was sie aber nicht schlechter macht und auch künftige Weiterentwicklungen nicht aufhalten konnte.

Wenn wir heute darüber nachdenken, wie frei ein Jazzmusiker improvisiert und was die rhythmischen und harmonischen Rahmenbedingungen dafür sind, damit nicht alles in Beliebigkeit zerfällt, dann finden wir uns in dem gleichen Denkraum wieder, den schon die Theoretiker und Praktiker der Notre-Dame-Schule kreativ durchschritten haben. In beiden Fällen entstand eine Musik, die, wenn sie von wirklichen Musikern praktiziert wird, scheinbar spontan entsteht und uns schon deshalb emotional mitnimmt. Und die doch hochartifiziell ist und im keineswegs düsteren Mittelalter stolz und bunt zu Papier und Pergament gebracht wurde. Notre-Dame hat die Musik unendlich bereichert und zu weiteren Entwicklungsschüben ermuntert.