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Musikforschung:Jäger und Sammler

Der Musikwissenschaftler Ludwig Finscher (1930–2020) gab die Enzyklopädie „Musik in Geschichte und Gegenwart“ heraus.

(Foto: imago)

Die "Musik in Geschichte und Gegenwart" ist mit 27 gewichtigen Bänden das größte und erschöpfendendste deutsche Musiklexikon. Der Musikforscher Ludwig Finscher, einer ihrer wichtigsten Herausgeber, ist jetzt mit 90 Jahren gestorben.

Von Harald Eggebrecht

Wenn man Ludwig Finscher begegnete, dann strahlte er nicht so sehr professorale Würde aus als vielmehr unmittelbar teilnehmende Neugier und eine gewinnende, von angenehmem Witz getragene Bonhomie. Neugier war die treibende Kraft in all seinen Unternehmungen, deshalb nannte er sich selbst gern einen "Jäger und Sammler" und lieber einen Musikhistoriker als einen Musikwissenschaftler. Er konnte zwar singen, aber kein Instrument spielen: "Ich spielte in der Jugend vor allem Radio". Auch daher hatte er zum sinnlichen Klanggeschehen ein entspannteres und lustvolleres Verhältnis als viele Fachkollegen. Außerdem sprach er gern über gutes Essen und feinen Wein.

Finscher, 1930 in Kassel geboren, begann in Göttingen bei Rudolf Gerber zu studieren, in dessen Vorlesungen und Seminaren auch Carl Dahlhaus, Rudolf Stephan und Joachim Kaiser saßen. Solche Konkurrenz spornt an. Finscher wurde mit einer Dissertation über Loyset de Compère, einen Zeitgenossen des großen Josquin de Prez, promoviert. Die Musik des 15. und 16. Jahrhunderts blieb einer seiner Schwerpunkte. Finscher vertrat die Position, dass man nicht einfach der Perlenkette großer Namen folgen, sondern vielmehr deren Hintergrund und musikalisches Umfeld erforschen sollte, dann würden Josquin, Bach, Haydn, Mozart jeweils ganz anders in ihrer ganzen Tiefenschärfe und epochalen Bedeutung erkennbar. Mit seiner Habilitationsschrift über die Entstehung des Streichquartetts wurde er zu einem der wichtigsten Deuter von Joseph Haydns Werken, über den er eine grundlegende Monografie geschrieben hat, wobei er sich nicht so sehr an den spärlichen biografischen Fakten von Haydns Existenz als vielmehr an der universalen Ausstrahlungskraft seines Œuvres orientierte.

Seine Vielseitigkeit prädestinierte Finscher dazu, die 27-bändige Neufassung der Enzyklopädie "Musik in Geschichte und Gegenwart" über viele Jahre hin zu organisieren und das Riesenwerk auch zu Ende zu bringen. Sein letzter großer Forschungsanstoß galt der gattungsgeschichtlichen Erkundung der Triosonate und ihre Wirkung für die Entstehung der Kammermusik überhaupt. Orden und Preise aus aller Welt haben diesen großen Musikkundigen geehrt, der in Frankfurt und Heidelberg als Professor gelehrt hat und nun am Dienstag, dem 30. Juni, in Wolfenbüttel im Alter von neunzig Jahren gestorben ist.

© SZ vom 02.07.2020

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