"Donaueschinger Musiktage":Das Sousaphon soll raus

Donaueschinger Musiktage 2021

Das populärste Festival für Neue Musik wird 100 Jahre alt und feiert sich in Donaueschingen in einen Rausch der Begeisterung.

(Foto: Ralf Brunner)

In Donaueschingen feiert das dienstälteste Avantgardemusikfestival der Welt den 100. Geburtstag mit dem Open-Air-Spektakel "Donau / Rauschen".

Von Reinhard J. Brembeck

Sie sind überall. Sie stehen hinter Säulen, auf Vordächern und in den vielen geöffneten Fenstern der sonnendurchfluteten Hauptstraße. Sie schlagen auf Donnerbleche und verfolgen konzentriert die Wassergeräusche, die aus den unzähligen Lautsprechern erklingen. Sie spielen Haltetöne auf Posaunen oder Virtuoses auf Trompeten. Jeder scheinbar autistisch für sich. Eine ergriffene Menschenmenschenmenge flaniert an diesen Straßenmusikern vorbei, staunt mit fragenden Blicken, verfolgt neugierig das rätselhafte Geschehen in der Hauptstraße Donaueschingens, die von der Donauquelle bis zum Rathausplatz führt. Ein kleiner Junge dirigiert traumverloren mit, zwei Hunde versenken sich tiefenentspannt in eine Trance.

Was sonst nur verborgen und von der Alltagswirklichkeit abgeschirmt in den vielen Turnhallen und Sälen der Stadt passiert, drängt an diesem herrlichen Herbstnachmittag ins Freie, Hölderlins Aufforderung "Komm! Ins Offene, Freund!" Folge leistend. Wie viele Musiker mögen das jetzt sein aus den Anrainerstaaten, die die Donau von ihrer Donaueschinger Quelle auf ihrem langen Weg bis zum Schwarzen Meer tangiert? Viele sind Volksmusiker in ihren Uniformen, die meisten spielen Trompete, Sousaphon, Tuba, Horn, Flügelhorn, Posaune. Dann ist da noch eine Combo von Schlagzeugern in Fantasielivrees. Damit erinnern sie zum 100. Geburtstag der "Donaueschinger Musiktage" daran, dass 1921 nicht nur die hiesigen Musikfreaks dieses weltweit einmalige und dienstälteste Avantgardemusikfestival gründeten, sondern auch das ortsansässige, seit dem 16. Jahrhundert Bier brauende Fürstenhaus, dessen Firmenbau das Stadtbild beherrscht.

Wenn die Ohren ein E-Bike brauchen

Die Musiktage sind nicht nur bei diesem von Daniel Ott und Enrico Stolzenburg für und mit der Stadt ersonnenen Open-Air-Spektakel "Donau / Rauschen" ein Publikumsmagnet, sie sind es auch in den stets vollen Hallen, wo Uraufführung auf Uraufführung folgt, wo Szeneneulinge und arrivierte Komponisten und Spitzenensembles sich drängen. Das Publikum ist auch wegen der vielen in die 21 000-Einwohner-Stadt im Schwarzwald angereisten Musikstudenten jung und interessiert und unersättlich und wohlgesinnt und aufmerksam. Was für eine Wohltat, zusammen mit solchen Menschen Musik zu hören! Auch wenn der Parcours irrsinnig ist, wenn die Überfülle herrscht, kaum Zeit zum Hallenwechsel oder einem profanen schnellen Imbiss bleibt. Wohl der Hörerin, die ein E-Bike hat. Aber auch ihr schwirrt bald der Schädel, sie fühlt sich versunken in einer unendlichen Symphonie mit unendlich vielen Sätzen, die von begeisternden Gesprächen garniert wird.

Komponieren können sie alle. Viel gelingt leichtgängig, musikantisch. Manchmal sind die Stücke zu lang, weil die Möglichkeiten des Materials längst erschöpft sind: kürzen! Manches wirkt allzu sicher beherrscht, weil die Komponistinnen (von ihnen gibt es viele, im Gegensatz zum fast nur in männlichen Händen befindlichen Dirigiergewerbe) und ihre Männerkollegen den Kampf mit der Tradition, dem Material, den Instrumenten, der Hörerträgheit nicht existenziell forcieren.

Das aber macht geradezu altmeisterlich Rebecca Saunders in ihrem 20-minütigen Saxophon-Klavier-Schlagzeug-Stück "That Time". Saunders ist Klangforscherin, sie trotzt den vertrauten Instrumenten immer wieder verblüffend neue Klänge ab, sie beginnt im archaisch Tastenden, steigert die Musik furios, sinkt zurück ins Dunkle, Leise, Verklingende. Diese Musik kennt alle Seelenzustände, sie ist formal stimmig, riskiert alles - und packt einen deshalb. Das Trio Accanto besteht aus drei virtuosen Klanghandwerkern, die bei diesem Stück dennoch sicht- und hörbar an ihren Grenzen muszieren und so die Wirkung ins Maßlose steigern. Was für eine Sternstunde.

Ähnlich exzessiv tobt auch Milica Djordjević in ihrem Orchesterstück "Čvor", das eine gute Viertelstunde am eruptiv Vulkanischen festhält und alles Kontrastierende und Gemäßigte ausschließt. Während Misato Mochizuki in "Intrusions" zwar genauso kompromisslos die Grenzen der Klangkunst belagert, aber doch Schatten und Gegengewichte in ihren Orchestertumult einfließen lässt. Wie die meisten der in Donaueschingen gespielten Stücke schreiben auch Saunders, Djordjević und Mochizuki jene Tradition der Vielstimmigkeit und der mit Tradition und Musikantentum spielenden Musikidee fort, wie sie im mittelalterlichen Paris formuliert wurde und seither das Markenzeichen der mitteleuropäischen Kunstmusik ist. Diese sich gern dem Komplizierten, Widersprüchlichen und Ambi- bis Polyvalenten hingebende Kunstmusik übt nach wie vor weltweit einen großen Reiz auf Musiker aus, die, aus ganz anderen Denk-, Gefühls- und Musiziertraditionen kommend, diese Kunstmusik verändern, verwandeln oder herausfordern.

Festgekrallt im Hörerhirn

Die aus Australien stammende Liza Lim hat diese herausfordernde Befragung in "World as Lover, World as Self" auf die Spitze getrieben. Schon die altbackene Gattung Klavierkonzert provoziert, ist sie doch die romantische Form par excellence. Dass sie sich dabei auf Sergej Rachmaninows Schmachtkonzerte bezieht, verschärft die Situation. Die Solistin Tamara Stefanovich ist diesen Herausforderungen spielend gewachsen, sie muss im zweiten Satz singen, die Folgesätze zerbröseln. Liza Lim stochert frech in der europäischen Tradition herum, sie hat keine Angst vor Verpöntem. Das provoziert Widerspruch, bringt zum Nachdenken, stempelt das Stück zum Außenseiter, das die Hörerin aber lang beschäftigen wird.

Wo viele ihrer Kolleginnen virtuos die Erwartungen bedienen und gerade deshalb leicht aus dem Gedächtnis verschwinden, krallt sich Liza Lim mit ihrer Unbotmäßigkeit im Hörerhirn fest. Ehrlich und unbefangen im Umgang mit dem Herkommen: Diese Eigenschaften fehlt einigen von Liza Lims Kollegen und Kolleginnen. Provokant ist nichts in Donaueschingen, Buhs bleiben zumindest in den vom Kritiker besuchten Konzerten aus. Das Publikum ist womöglich pandemiebedingt glücklich darüber, dass nach den zuletzt ausgefallenen Musiktagen endlich wieder in vollbesetzten Sälen musiziert werden darf. Wenn auch mit der lästigen Maske im Gesicht.

Mittlerweile haben sich die "Donau / Rauschen"-Musiker und ihr Publikum auf der Donaueschinger Hauptstraße in Bewegung gesetzt. Alles strömt zum Rathausplatz. In der Platzmitte klöppelt die Schlagwerker-Combo, an den Ausfallstraßen nehmen die Kapellen Aufstellung. Viele diese Musiker dürften das erste Mal in ihrem Leben Avantgardemusik spielen, aber sie machen das genauso selbstverständlich gekonnt wie ihre Kollegen in den weltberühmten Ensembles und Orchestern. Es gibt keinen sich fuchtelnd zum Mittelpunkt aufspielenden Solodirigenten, die Koordination wird durch Zeituhren besorgt.

So kann demokratische Musik funktionieren. Das Zusammenspiel von Elektronik, Raumklang, Zuspielungen, Livemusik, Klangkomposition und Schlagwerkerorgasmen ist in vielen Donaueschinger Stücken zu erleben. Aber selten fügt sich das so organisch und begeisternd mit einer Idee zusammen wie in "Donau / Rauschen". Das Stück ist eine Aufforderung an die im nächsten Jahr antretende neue Leiterin Lydia Rilling, sich von den atavistischen Konzertformen zu verabschieden, von der Dirigentengläubigkeit, den Konzertpausen, der strikten Raumtrennung zwischen Musikern vorne und dem davorsitzenden Publikum. Das alles gehört zum weltweit gängigen Klassikgeschäft, auf das Donaueschingen schon immer antwortete mit einem Löcken wider den Stachel des Alltäglichen. Schließlich ist dieses Publikumsfestival nach den auch schon bald einhundert Jahre alten Worten Alfred Einsteins "eine kleine Oase in der Wüste des Musikbetriebs von heute".

Zur SZ-Startseite

Klassik
:Zeithäckseleien

Was passiert, wenn ein Algorithmus ein Klavier-Recital kuratiert? Die Donaueschinger Musiktage 2019 positionieren sich zwischen künstlicher Intelligenz, Scheu vor Weltanschauung und existenzieller Emphase.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB