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Musiker-Legende Dave Brubeck:"Jazz konnte dich dein Leben kosten"

SZ: Mit welchen Gefühlen sind Sie später in Nürnberg aufgetreten?

Dave Brubeck bei einem Konzert in Helsinki

(Foto: Foto: dpa)

Brubeck: Seit 1958, wo ich zum ersten Mal seit dem Krieg wieder in Deutschland spielte, hatte ich immer wieder Auftritte in Nürnberg. Nicht nur in der Oper, sondern auch im Karstadt-Kaufhaus, wo mir einer der Angestellten mal erzählte, dass sein Vater mich 1945mit der Wolf Pack Jazz Band gehört habe. Beeindruckt hat mich der Wiederaufbau in den deutschen Städten. In etwas mehr als zehn Jahren schien sich das Land erholt zu haben.

SZ: Woher stammt Ihre Familie?

Brubeck: Meine Großmutter mütterlicherseits stammt aus Hannover, arbeitete aber schon früh für eine deutsche Familie, die sich in Kalifornien niedergelassen hatte. Mein Großvater war Engländer. Die Familie meines Vaters stammt, so weit ich weiß, ursprünglich aus der Nähe von Basel. Sie wanderte schon vor vielen Generationen aus der Schweiz nach Amerika aus.

SZ: Nürnberg war auch die Stadt der Kriegsverbrecher-Prozesse. Haben Sie davon irgend etwas mitbekommen?

Brubeck: Ich wäre gerne zu den Verhandlungen gegangen. Aber ich hatte keine offizielle Berechtigung. Gelegentlich aßen wir jedoch in einem Gebäude, in dem russische und amerikanische Soldaten, aber auch Fahrer und Gerichtsübersetzer verkehrten. Die erzählten mir davon. Ich kann mich an den Architekten Speer erinnern. Man sagte mir, dass er behauptete, die Zerstörung von Paris verhindert zu haben. Es hieß, er hätte vor der dortigen Architektur so großen Respekt gehabt.

SZ: Und haben Sie sich mit den Nürnberger Gesetzen später intensiver auseinander gesetzt?

Brubeck: Ich bin kein besonders politischer Mensch und habe auch im Nachhinein nicht viel über diese Zeit gelesen, von der ich froh bin, dass sie vorüber ist. Dennoch vergeht kein Tag, an dem ich nicht an getötete Kameraden, an das menschliche Leid und die höllenhafte Zerstörung denken muss. Ich war richtig dankbar dafür, dass die Verantwortlichen dieser Verbrechen verurteilt und bestraft wurden. Die menschlichen Geschichten interessierten mich mehr als die politischen.

SZ: Welche?

Brubeck: Ein Beispiel: In Oberammergau bat ein US-Soldat, der in einer Armee-Band spielte, Richard Strauss um ein Autogramm. Der Komponist fragte ihn, welches Instrument er denn beherrsche. Der Soldat antwortete: Oboe. Richard Strauss notierte ein paar Noten und sagte dem jungen Soldaten, man solle sich in ein paar Tagen doch noch einmal treffen. Bei diesem Treffen schenkte Strauss dem Soldaten dann ein Oboen-Konzert. Dabei muss es sich um die letzte Komposition gehandelt haben, die Strauss schrieb, bevor er starb. Oder: Ich erinnere mich an ausführliche Diskussionen über die Qualität der Musik dieser Zeit. Ich verteidigte meine Lehrer Darius Milhaud, Igor Strawinsky und Béla Bartók.

Ein deutscher Lehrer allerdings, der gelegentlich mit uns eine Bar besuchte, regte sich fürchterlich auf und sagte, das sei ja alles schön und gut, doch "der größte Komponist der Welt ist Richard Strauss." Später hörte ich zum ersten Mal Schönberg. Mein deutscher Dichterfreund hatte mich zu einem Privatkonzert mitgenommen. Es saßen nur 30Zuhörer im Raum. Dass Hitler Wagner-Opern liebte, interessierte mich ebenfalls. Als wir einmal in Bayreuth auftraten, durften wir gleich neben dem Festspielhaus übernachten. Wie verrückt: Meine Jazzband und ein paar Musikhallen-Künstler wohnten in den Zimmern von Goebbels oder Göring. Jedenfalls lag da noch eine großartige Plattensammlung mit italienischen Opern herum. Es hat mir Spaß gemacht, sie anzuhören.

SZ: Wie oft haben Sie in dieser Zeit Jazzkonzerte gegeben?

Brubeck: Die Wolf Pack Jazz Band spielte fast täglich. Unter sehr verschiedenen Bedingungen. Manchmal musizierten wir in einem Krankenhaus, das eigentlich ein Schloss war. Das US-Militär hatte es besetzt. Manchmal spielten wir so nah an der Front, dass wir den Lärm der Granaten hörten und nachts den Himmel hell erleuchtet sahen. Manchmal, wenn wir Freiluftkonzerte für die Truppen gaben, sahen wir Flugzeuge im Sturzflug über uns.

SZ: Haben Sie diese Erlebnisse auch musikalisch irgendwie verarbeitet?

Brubeck: Ja. Bereits 1945 schrieb ich zwei Kompositionen. "We crossed the Rhine" und "Weep no more". Es gibt noch ein weiteres Stück, das aber nie aufgenommen wurde.

SZ: Wie politisch ist Jazz?

Brubeck: Jazz kann Gefühle für jedermann verständlich ausdrücken. Und natürlich kann Jazz auch für politische Zwecke missbraucht werden. Sehen Sie: Stalin verbat Jazz, weil er dachte, dass diese Musik lediglich die Dekadenz der Bourgeoisie abbilde. Für Hitler war Jazz Negermusik und Spiegel einer Gesellschaft von Bastarden. Das zeigt, wie sehr Diktatoren den freien Ausdruck fürchten. Unter Hitler und Stalin konnte dich das Hören oder Spielen von Jazz dein Leben kosten. Für viele wurde Jazz zum Symbol, zur Stimme der Freiheit. Aber diese Freiheit ist keine Anarchie. Zu ihr gehört Disziplin und Verantwortung. Jazz kann als Metapher für Demokratie im Spannungsfeld der Freiheit eines Einzelnen und den Bedürfnissen der Allgemeinheit gelten.

© SZ vom 1. September 2005
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