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Musiker-Legende Dave Brubeck:"Jazz konnte dich dein Leben kosten"

Der 84 Jahre alte Pianist erzählt im SZ-Interview von seinen deutschen Wurzeln, den Erlebnissen als US-Soldat im vom Krieg zerstörten Bayern und erklärt, warum Hitler und Stalin Jazz-Musik fürchteten.

SZ: Sie waren vor mehr als 60 Jahren als GI unter anderem in Nürnberg stationiert. Was sind Ihre Erinnerungen?

Dave Brubeck am Flügel

Der Meister in Aktion: Dave Brubeck am Flügel

(Foto: Foto: AP)

Brubeck: Mit 21 Jahren bin ich zur US- Armee gegangen. Das war 1942. Zwei Jahre später entsandte man mich nach Europa. Ich landete als Grenadier in General Pattons dritter Armee. An der Front in Frankreich angekommen, bat man mich, eine Jazzband aufzubauen. Zur Unterhaltung der amerikanischen Truppen. Die Band, wir nannten sie ironischerweise "Wolf Pack", bestand größtenteils aus verwundeten Soldaten, die sich von ihrem Aufenthalt an der Front erholten. Sofern es sich bei ihnen um Musiker handelte, wurden sie in meine Band gesteckt.

Zunächst brachte man uns in der Nähe von Frankfurt unter. In einer großen Fabrik, in der die Waffen englischer Soldaten aufbewahrt wurden, die in Dünkirchen am Strand zurückgelassen worden waren. Dann ging es nach Nürnberg, Erlangen, München, Oberammergau und nach Regensburg, wo ich das Kriegsende erlebte. Manchmal kauften wir in der Tschechoslowakei Instrumente oder Noten. Wir waren ja keine offizielle Armee-Band - unsere Instrumente waren alt und eher zufällig zusammengesucht.

SZ: Und wann kamen Sie nach Nürnberg?

Brubeck: Dorthin kamen wir, nachdem die US-Armee die Stadt gesichert hatte. Ich erinnere mich an die Bulldozer, die den Schutt von der Straße kehrten. Man erklärte uns, dass die Gegend rund um die Oper deshalb so zerstört worden sei, weil die Nazis bis zum Schluss in der Altstadt ausharrten. Wir durften in der Oper proben, und ich bin mir ziemlich sicher, dass dies der erste Jazz war, der hier gespielt wurde. Zunächst brachte man uns in einer Schule unter, ein paar Kilometer vom Stadtzentrum entfernt.

Gleich neben einer Fabrik, in der Kabel und offenbar auch Saiten für Klaviere hergestellt wurden. In einem Kellerraum der Fabrik standen etwa 20 Klaviere herum, und ich durfte mir eines auswählen. In einem anderen Kellerraum, daran erinnere ich mich auch noch, sah ich eine Art Vorläufer des Kassettenrekorders. Ein paar Wochen probten wir in der Oper. Dann wies man uns einen Raum in der Fabrik als Probenkammer zu. Auch der amerikanische Filmkomiker Bob Hope war übrigens zu dieser Zeit in der Stadt. Ich traf ihn einmal in einem Hotel.

SZ: Wann erfuhren Sie zum ersten Mal von Konzentrationslagern?

Brubeck: Wenn man in der Armee ist, machen ja ständig Gerüchte die Runde. Besonders die jüdischen Musiker unserer Band diskutierten jede Neuigkeit. Doch wie schrecklich es tatsächlich zuging, ahnten wir lange nicht. Einer meiner Leute, Leon Poberesky - später bekannt als der Komponist Leon Pober -, wurde fast wahnsinnig, wenn es um dieses Thema ging. Er hasste alles, was deutsch war. Er wollte Rache um jeden Preis. Gleichzeitig war er der Allererste von uns Soldaten, der eine deutsche Freundin hatte. Wir hänselten ihn, beschuldigten ihn, sich mit Hitlers Tochter zum Rendezvous zu treffen. Doch er redete sich heraus, er würde versuchen, sie zu bewegen, kein Nazi zu sein. Das war zu der Zeit, als amerikanische Soldaten sich mit Deutschen nicht privat treffen durften. Doch als erst einmal Frieden war, ignorierten viele Amerikaner diese Anweisung.

SZ: Hatten Sie persönlichen Kontakt zu Opfern des Dritten Reichs?

Brubeck: In einer Fabrik nahe Frankfurt fanden wir Zwangsarbeiter aus ganz Europa und befreiten sie. Es bedrückte mich sehr, als ich sah, dass wir für einige von ihnen zu spät eingetroffen waren. Sie waren zu schwach zum Überleben. Diejenigen, die noch stark genug waren, freuten sich, dass sie Freunde trafen oder Menschen, die ihre Sprache sprachen. Nach meiner Rückkehr in die Staaten traf ich Juden, die die Konzentrationslager überlebt hatten. Sie zeigten mir die Nummern, die man ihnen unauslöschlich auf die Arme tätowiert hatte. Schon bevor ich in die Armee eingetreten war, hatte ich mir Gedanken über das gemacht, was wohl in Europa passierte. Zahlreiche Juden waren ja bereits früh nach Amerika geflohen. Unter ihnen auch mein Lehrer, der Komponist Darius Milhaud.

SZ: An welche Begegnungen mit Deutschen denken Sie zurück?

Brubeck: In Nürnberg lernte ich einen jungen deutschen Soldaten kennen, der an der russischen Front ein Bein verloren hatte. Er war Dichter und liebte Jazz. Oft hörte er bei den Bandproben zu. Wir verstanden uns sehr gut und hatten auch nach dem Krieg noch guten Kontakt. Nun ist er tot. Seine Tochter aber besuchte unlängst eines meiner Konzerte in Deutschland. Während der Okkupation jedenfalls holte ich oft deutsche Musiker in meine Band. Überall, wo wir auftraten, forschte ich nach Spielern. Besonders Posaunisten und Flötisten waren gefragt. Wir gewöhnten uns schnell aneinander. Und wenn ich die Musiker fragte, wie ich sie bezahlen soll, so sagten sie: Was wir brauchen, ist Seife, Essen oder Zigaretten. Das war wichtiger als Geld.