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Musikedition:Der Notenkavalier

An der Ludwig-Maximilians-Universität in München entsteht die erste Kritische Ausgabe der Werke des bis heute viel gespielten Richard Strauss - nun sind die ersten zwei Bände der seit Jahren überfälligen Edition erschienen.

Von Michael Stallknecht

"Sie dürfen aber nicht in die Noten schauen, denn ich spiel's ganz anders", sagte Richard Strauss einmal bei einem Liederabend zu einem Musikwissenschaftler, der ihm am Klavier die Noten umblättern sollte. Als Pianist tat Strauss bei den eigenen Werken gern, was sich heute nur die Jazzer oder allenfalls noch manche Musiker aus der barocken Aufführungspraxis trauen: Er schmückte den Klavierpart aus. Notiert hat er die Verzierungen nur in einem einzigen Fall; beim Lied "Breit über mein Haupt dein schwarzes Haar" op. 19 Nr. 2 aus den Jahren 1886/87, das Strauss 1944, fast sechzig Jahre später, noch einmal in einer Zweitfassung aufschrieb.

Publiziert ist diese zweite Fassung jetzt erstmals in einem Band mit frühen Liedern, dessen Erscheinen, gemeinsam mit der frühen Tondichtung "Macbeth", die erste historisch-kritische Werkausgabe des Komponisten eröffnet (Lieder mit Klavierbegleitung op. 10 bis op. 29. Hrsg. von Andreas Pernpeintner, Verlag Dr. Richard Strauss, Wien 2017, Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe, Serie II Band 2). Seit 2011 wird sie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München erarbeitet, wo Strauss auch 1864 geboren wurde. Man kooperiert mit dem Richard-Strauss-Institut in Garmisch-Partenkirchen, das Projekt wird von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen des Akademienprogramms für 25 Jahre finanziert.

Für ein Editionsprojekt dieser Größe ist das knapp, die im Jahr 1955 begonnene Ausgabe der Werke Joseph Haydns etwa ist bis heute noch nicht abgeschlossen. Unbedeutendere Werkkategorien wie Klavier- oder Chormusik werden deshalb erst mal außen vor bleiben, mit der Edition von mehr als siebzig Prozent der etwa fünfhundert Strausschen Werke gilt das Projekt wissenschaftlich dennoch als Gesamtausgabe. Doch der Zeitdruck ist hoch, eigentlich hätten die ersten Bände schon im Jahr 2014 zum 150. Geburtstag des Komponisten erscheinen sollen.

Überhaupt kommt eine nach philologischen Maßstäben erarbeitete Ausgabe in diesem Fall überraschend spät. Schließlich ist Strauss der meistgespielte klassische Komponist des 20. Jahrhunderts, und das weltweit. Strauss begriff sich selbst als letzten Handwerker des Komponierens, der mit einer für einen Komponisten dieser Epoche fast schon unschicklichen Leichtigkeit schrieb. Was er komponierte, ging meistens sofort in den Musikbetrieb ein und ist in vielen Fällen bis heute darin geblieben.

Theodor W. Adorno nannte ihn böse eine "Komponiermaschine"

Gleichzeitig aber war die "Komponiermaschine", wie ihn Theodor W. Adorno einmal böse nannte, intellektuelleren Musikliebhabern lange suspekt. "Bis in die 1990er-Jahre hinein galt Strauss nicht als seriöses Objekt wissenschaftlicher Forschung", sagt Hartmut Schick, der Editionsleiter der Richard-Strauss-Ausgabe. Fraglos war immer, dass der frühe Strauss mit Werken wie "Elektra" oder "Salome" die erste Phase der Moderne maßgeblich mitgeprägt hatte. Ab dem "Rosenkavalier" aber, von den späteren Werken zu schweigen, wurde Strauss häufig als konservativer Komponist gehandelt, der den Fortschritt an die Publikumsgunst verraten habe.

Erst in den letzten Jahren haben sich die Lager hier deutlich entspannt, sind neue Deutungsmuster entstanden, wie zuletzt etwa die Neuerscheinungen zu Straussens 150. Geburtstag zeigten. Dennoch ist die Zahl wissenschaftlicher Publikationen über den Komponisten bisher kaum üppig zu nennen. Eine historisch-kritische Ausgabe der Werke dürfte auch hierfür eine wichtige Grundlage schaffen.

Da die Edition weitgehend chronologisch vorgeht, haben es die sechs Mitarbeiter der Forschungsstelle momentan sowieso erst mal mit dem jungen Revolutionär zu tun, der sich mit der Gattung der Tondichtung der damaligen Avantgarde anschloss. Der Band zur ersten Tondichtung "Macbeth" macht in nuce nachvollziehbar, wie der Mittzwanziger sich gleichzeitig von allen Autoritäten lossagte und doch schon auf den souveränen Handwerker zusteuerte. Erstmals publiziert ist hier neben der endgültigen dritten die zweite, 1890 in Weimar uraufgeführte Fassung. Die nicht erhaltene Erstfassung hatte Strauss nach einer Kritik des Dirigenten Hans von Bülow umgearbeitet. Dabei ließ sich der junge Komponist durchaus konzeptionelle Ratschläge geben, die zahlreichen von Bülow kritisierten Dissonanzen aber ließ er stehen. Nachdem er die so entstandene Zweitfassung bei der Uraufführung gehört hatte, überarbeitete er die Instrumentation noch mal aus eigenem Antrieb. Dabei gestaltete er den Orchestersatz transparenter, ließ die motivische und strukturelle Arbeit damit klarer werden. Vergleicht man die nun synoptisch einander gegenübergestellten Fassungen, kann man dem jungen Strauss sozusagen beim Lernen über die Schulter schauen.

Dabei bereiten die Dissonanzen den Herausgebern noch immer Bauchschmerzen, wenngleich philologischer Natur. In dieser "spannenden Phase der Musikgeschichte", so Editionsleiter Hartmut Schick, gelten die traditionellen Regeln nichts mehr. Will heißen: Ein Fis ist nicht mehr notwendig falsch, nur weil in einer anderen Stimme gleichzeitig ein F gespielt wird.

Hinzu kommt, dass Strauss selbst nicht gerade ein akribischer Korrektor war. Legendär sind die Fehlerlisten, die sich bei den Verlagen inzwischen angesammelt haben. Manche Orchester spielen bis heute aus dem Material, das schon bei der Uraufführung benutzt wurde. Etwa die Hälfte der Quellen zu Strauss befinden sich noch immer im Besitz seiner Familie. Eine erste Orientierung bietet den Herausgebern der Strauss-Ausgabe ein Quellenverzeichnis, das auch erst im Jahr 2012 fertig geworden und im Internet vollständig einsehbar ist (www.rsi-rsqv.de).

Mit der digitalen Welt fremdelt auch die neue Edition nicht, im Gegenteil. In Kooperation mit der IT-Gruppe Geisteswissenschaften der Ludwig-Maximilians-Universität wird der Notentext nach neuesten Verfahren so erstellt, dass er vom konkreten Medium und Layout unabhängig ist. Das bietet nicht nur die Möglichkeit, die Bände zu überarbeiten, falls neue Quellen auftauchen oder die Herausgeber doch einmal ein Fis mit einem F verwechselt haben sollten.

Es eröffnet theoretisch für die Zukunft auch die Option einer gänzlich digitalen Ausgabe. Integraler Bestandteil der Ausgabe ist schon jetzt eine Onlineplattform, die Textvergleiche etwa zum Liederband, Kritiken zu den Uraufführungen, Korrespondenzen zwischen Strauss und seinen Verlegern und Interpreten sowie den gesamten kritischen Bericht zu den Bänden bietet. (www.richard-strauss-ausgabe.de) "Wir sind die erste Gesamtausgabe, die alles bis auf den Notentext online freigibt", sagt Hartmut Schick. Er ist sich sicher, dass hier auch die Regisseure, Dirigenten, Sänger und Dramaturgen stöbern werden, die es in der Gegenwart mit Strauss zu tun bekommen.

2019, siebzig Jahre nach Strauss' Tod, sind die Werke zum Nachdruck frei

Schließlich möchte man den Musikpraktiker Strauss nicht in den musikwissenschaftlichen Seminaren einsperren, sondern gerade auch für eine erneuerte Praxis in den Theatern und bei den Symphonieorchestern verfügbar machen. Ein kooperierendes Verlagskonsortium erstellt zugleich mit den wissenschaftlichen Ausgaben immer auch spielpraktische Ausgaben. Hartmut Schick hofft, dass die Qualität dieser Ausgaben ihnen nach 2019 zur Durchsetzung verhelfen wird.

Dann nämlich ist Strauss siebzig Jahre tot. Nach dem - maßgeblich von Strauss mitgestalteten - Urheberrecht sind alle Werke dann zum Nachdruck frei. Viele Verlage könnten sich am lukrativen Geschäft um Strauss beteiligen wollen. Für die Strauss-Forscher in München aber steht auch nach 2019 noch sehr viel Arbeit an.

© SZ vom 30.05.2017
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