Musik von "Kraftklub" Ihr Leben, ein Arschloch

Wer die Band bei einem ihrer jetzt schon legendären Live-Auftritte mal erlebt hat, kann sich kaum erwehren, Fan zu werden. So viel Spaß an der Musik und an ihrer neuen Rolle als Superstars der Newcomerszene ist schlicht ansteckend - da wird auch der härteste Kritiker weich. Wem anfangs noch auffallen mag, dass der Frontmann etwas zu plakativ Achtziger-Jahre-mäßig den rechten Unterarm schwenkt, dass mit Hosenträgern, Poloshirts und Collegejacken hier eine Arbeiterjugend posiert, die noch nie gearbeitet hat - außer an ihrem Image als Rockstars -, dass der Sänger auf der Bühne zwar die Rampensau rauslässt, ein paar Schritte abseits der Bühne aber schon sehr klein und blass wirken würde, wenn da nicht die Heerscharen weiblicher Fans wären, die sich bereits um ihn ranken - spätestens mit dem zweiten Song werden all diese kleinkarierten Überlegungen schier weggefegt. Denn diese Details können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kraftklub mit ihrer Bühnenshow den wohl hinreißendsten Auftritt des Jahres 2011 ablieferten - zumindest bei ihrem Konzert in München.

Die Band Kraftklub sorgte mit ihrem Lied "Ich will nicht nach Berlin" für ordentlich Furore.

(Foto: Philip Weiser)

Das neue Album vereint nun den Berlin-Song und weitere Lieder, die Fans schon seit Monaten auf den Konzerten mitgrölen, mit ein paar neuen Perlen. Kraftklubs Sprache ist genauso einfach und kraftvoll wie ihre Musik, dazu mit steilen Thesen und einem Wortwitz unterlegt, der nicht allzu hintersinnig, dafür umso überraschender ist - und immer eingängig.

Es braucht gar keine angestrengten Werbesätze wie den Ihrer Plattenfirma Universal: "Kraftklub sind das Sprachrohr einer ganzen Generation. Denn man muss sich nur mal umgucken. Nicht nur der Osten, nein, das ganze Land ist voll von Verlierern, die Sinnsuche, Mittellosigkeit und hedonistische Entgleisung in Lebensentwürfe übersetzen. Diese Band zeichnet Generationenportraits zwischen historischer Dekontextualisierung und Analfixierung, zwischen Über-Ironisierung und schonungslosem Realismus." Die Band benötigt diese Überhöhung nicht. Kraftklub hat selber die besten Lyrics verfasst, um sich selbst zu beschreiben. Das klingt mal nach Hybris, mal nach Downsizing, mal nach der üblichen Rapper-Haltung und mal nach Verweigerung - und genau zwischen diesen Antipoden ist ihre Musik auch anzusiedeln.

Wenn eine ihrer Liedzeilen lautet, "Die besten Witze sind die, die keiner versteht", ist das ihrer Attitüde geschuldet, die da lautet: Ihr müsst uns nicht vergöttern, wir sind sowieso die Loser aus dem Osten, aber wir sind stolz darauf, nicht zum hirnlosen Mainstream zu gehören.

Dein Leben läuft gut, mein Leben läuft Amok

Weitere Zeilen wie "Glückliche Menschen sind nicht interessant" oder "Mein Leben bringt mich irgendwann um" gehören zu den so schlichten wie eingängigen Weisheiten, die die Band zu verkünden hat. Die zeigen, dass sie die Welt recht genau beobachten - und ein paar traurige Wahrheiten mit Humor nehmen. Darüberhinaus gibt es eine ganze Reihe teils skurriler Formulierungen, die mit dem Loser-Image der Band aus dem Osten spielen und es bisweilen prächtig in sein Gegenteil verkehren: "Bin ich allein, weiß die Welt nicht, wie ich heiß', liege ich in einer Badewanne voller Selbstmitleid". "Dein Leben läuft gut, mein Leben läuft Amok." "Ihr druckt uns nicht ab, weil wir zu oft Scheiße sagen." Aber auch: "Heidi Klum castet die Groupies für uns." Oder: "Es tut mir leid, aber MTV ist nicht meine Religion - beziehungsweise wenn, dann ist Gott ein Klingelton."

Was noch einigermaßen pubertär klingt, wenn man die Zeilen nur liest, verliert seine Unschuldigkeit und Naivität, wenn Frontmann Felix es in die Welt schreit. Unterlegt mit peitschendem Indierock kommen manche Lieder so gewaltig daher, dass man schon fast erwarten würde, dass die Texte darin untergehen - aber das ist nicht der Fall.

Und so grölen die Fans euphorisiert mit oder fühlen sich persönlich angesprochen, wenn der Frontmann ganz unromantisch aber sehr begeistert von seiner aggressiven kleinen Schwester singt ("Deine Schwester isst ein bisschen Salat, meine Schwester ist ein bisschen verrückt"), von Liebeskummer über die Freundin, die zum Studieren nach Frankfurt gezogen ist, vom elenden Winter, in dem man draußen keinen Döner essen kann, oder einfach davon, wie es ist, als junger Mensch in Karl-Marx-Stadt zu leben, zwischen Rentnern und Neonazis - nämlich abgesehen davon durchaus lebenswert.

Mit einem Wort: Man darf die inzwischen schon fast berühmt gewordene Anti-Berlin-Hymne ruhigen Gewissens mitgrölen, selbst wenn man ein Berliner ist. Die Berlin-Auftritte der Band haben übrigens gezeigt, dass ihr auch dort keiner irgendetwas übelnimmt. Und wenn die Bandmitglieder ihr ungestümes Wesen erhalten und es schaffen, ihre Frische zumindest noch eine Zeitlang zu konservieren, dürfte einer guten Zeit für alle Beteiligten wohl nichts im Wege stehen.

Nur in einem Punkt, da muss man Kraftklub widersprechen: So ein richtiges Arschloch scheint ihr Leben doch gar nicht zu sein. In einem Interview dazu befragt, wo die Band sich in fünf Jahren sehe, antwortete Felix Brummer, das sei doch klar, sie würden dann ganz viel Geld verdient haben, drogenabhängig gewesen sein, in RTL-II-Bussen durch Deutschland tingeln, sich gegenseitig verklagen und jeder eine eigene Band gründen. Warten wir's mal ab. Ob sie am Ende nicht doch nach Berlin oder New York oder sonstwohin ziehen und so angepasst werden, wie sie nie sein wollten. Schade wär's.

Poesie der Stupidität

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