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Musik und Antisemitismus:Wink des Schicksals

Ein öffentlich-rechtlicher Sender in Israel spielt Wagner. Dann entschuldigt er sich. Dabei ist es nicht das erste Mal. Sogar Holocaust-Überlebende werben für Wagners Musik.

Zum ersten Mal ist in Israel im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Musik von Richard Wagner zu hören gewesen. Es war am Freitag. Der Sender Kan konzentriert sich in der Sendung Voice of Music auf klassische Musik, doch nun spielte er Teile von Wagners "Götterdämmerung".

Daraufhin gab es zahlreiche Hörerreaktionen, am Sonntag folgte dann eine Entschuldigung einer Sprecherin des Senders: Der Musikredakteur habe einen Fehler in seiner künstlerischen Auswahl begangen, es sei eine falsche Entscheidung gewesen. "Wir entschuldigen uns bei unseren Hörern."

Für viele Menschen in Israel gilt noch immer, was Theodor W. Adorno über den deutschen Komponisten, dessen Familie eine enge Beziehung zu Adolf Hitler unterhielt, so formulierte: "Der Wagner'sche Antisemitismus versammelt alle Ingredienzien des späteren in sich." Zwar gibt es kein Gesetz, das die Aufführung oder Ausstrahlung von Werken Wagners verbietet. Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Israel gibt es aber Direktiven, die untersagen, dass Wagners Musik auf Sendung geht. "Dies geschieht aus dem Verständnis heraus, dass dies unter den Zuhörern, die den Holocaust überlebt haben, großen Schmerz auslösen würde", sagte die Sprecherin.

Als "Wink des Schicksals" bezeichnete sie den Vorfall, dass bei der Ausstrahlung des Wagner-Stücks ein "technischer Fehler" eine Pause von 40 Sekunden bewirkte. Danach war aber der Rest der Aufführung zu hören. Der Grund für diese Panne werde noch untersucht.

Zumindest eine positive Reaktion gab es: Jonathan Livny, der Vorsitzende der israelischen Wagner-Gesellschaft, begrüßte die Ausstrahlung der "Götterdämmerung" im öffentlichen Rundfunk. "Wir geben ja nicht seine Ansichten wieder, sondern die wunderbare Musik, die er komponiert hat. Wer sie nicht hören will, kann ja das Radio ausschalten." Livny, der Sohn eines Holocaust-Überlebenden aus Deutschland, setzt sich mit seiner 2010 gegründeten Wagner-Gesellschaft gegen den Boykott ein. In den vergangenen Jahren wurde der Wagner-Bann immer wieder gebrochen. Livny organisierte 2012 ein vom israelischen Dirigenten Asher Fisch dirigiertes Sonderkonzert, bei dem ausschließlich Wagner-Werke dargeboten wurden. Es wurde mit privaten Mitteln finanziert und von einem Rahmenprogramm begleitet, in dem es unter anderem um Wagners Schrift über "Das Judentum in der Musik" ging.

Auch Daniel Barenboim, der die israelische Staatsbürgerschaft besitzt, wagte sich immer wieder an Wagner. 2001 gab es als Zugabe beim Gastkonzert der Berliner Staatskapelle in Jerusalem das Tristan-Vorspiel als Zugabe. Manche werteten das als Skandal. Aber obwohl Barenboim einen Hinweis darauf gab, nutzten nur wenige die Gelegenheit, den Saal zu verlassen.

Vielbeachtet war auch ein Auftritt des Israelischen Kammerorchesters vor sieben Jahren in Bayreuth auf Einladung von Wagners Urenkelin, Festspielchefin Katharina Wagner. Pannenfrei.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir fälschlicherweise geschrieben, dass Richard Wagner selbst eine enge Beziehung zu Hitler unterhielt.

© SZ vom 04.09.2018/cat

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