Musik:Schlagendes Beispiel

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edusei

Kevin John Edusei, geboren 1979, ist Chef der Münchner Symphoniker und dazu Chef des Musiktheaters in Bern.

(Foto: Nikolau)

Kevin John Edusei dirigiert Beethovens "Eroica" - und formt die Münchner Symphoniker zu einem immer besseren Orchester.

Von Harald Eggebrecht

Es gehört zu den schönen Erfahrungen, wenn man beobachten kann, wie sich ein bisher nicht sehr hoch eingeschätztes, gleichwohl wichtige Arbeit leistendes Ensemble wie die Münchner Symphoniker unter einem versierten Dirigenten entwickeln, das heißt kultivieren und präzisieren kann. Kevin John Edusei, Jahrgang 1976 und Sieger im Dimitris-Mitropoulos-Dirigentenwettbewerb 2008, leitet seit der Spielzeit 2014/15 das Orchester. Ohne Übertreibung, er ist ein Glücksfall für die Symphoniker. Die Gefahr allerdings droht, dass er nicht allzu lange bleiben wird. Es gibt nämlich nicht viele junge Maestri, die sichere Schlagtechnik, Orchesterübersicht, Konzentration aufs musikalisch Wesentliche, Repertoirevielfalt vom Barock bis in die Gegenwart mit guter Bühnenerscheinung und animierendem Übertragungscharisma auf alle Beteiligten, das Publikum eingeschlossen, verbinden.

An diesem Abend im Münchner Prinzregententheater boten die Symphoniker unter Eduseis Leitung echte Rokoko-Musik von Luigi Boccherini, Variationen in nachempfundener Rokoko-Manier von Peter Tschaikowsky und den kategorialen Beginn einer neuen Ausdruckswelt, wie sie Ludwig van Beethoven mit der "Eroica" revolutionär aufriss mit Folgen bis heute.

Die Qualitäten von Eduseis Arbeit zeigten sich bestens in Boccherinis 6. Symphonie mit dem Sensationstitel "La casa del diavolo", in deren Finale nichts Geringeres als die Hölle klanglich beschworen wird. Christoph Willibald Glucks Ballettmusik zu "Don Juan" inspirierte Boccherini zu einem Finale der Raserei. Das kann leicht ruiniert werden durch ruppiges Fetzen. Hier bewies das Orchester, wie viel es an geradezu fließender Leichtigkeit und klanglicher Genauigkeit hinzugewonnen hat. Auch der Vibratogebrauch geschieht nicht mehr bewusstlos, die Cellokantilene im Andante hatte Klarheit und Noblesse. Edusei dirigierte das bei allem Engagement immer mit jener dosierten Gestik, die expressiv ist ohne Aufdringlichkeit und Effektsucht.

Bei der "Eroica" allerdings stieß man dennoch an die Grenzen: Nur drei Kontrabässe, wohl aus akustischen Gründen direkt hinter den Violinen postiert, bieten zu wenig Fundament, außerdem fehlte es an Intonationssicherheit. So gespannt und federnd Edusei die Tempi anlegte, so straff er dynamische und harmonische Kontraste organisierte, so sehr die Musiker bei der Sache waren und vieles wie etwa die Fugati im Trauermarsch und im Finale transparent und dicht zugleich gelang - es fehlte seinen Symphonikern doch noch an Klangmacht und -tiefe. Trotzdem zu Recht angeregter Beifall, weil Edusei diszipliniert und musikdienlich bleibt und Show vermeidet. Übrigens ging die Uraufführung 1804 im Wiener Palais Lobkowicz nur mit rund zwanzig Musikern über die Bühne.

Eine herbe Enttäuschung gab es aber auch an diesem Abend: die Cellistin Harriet Krijgh. Die 24-jährige Niederländerin, wettbewerbserfolgreich und von manchen Auguren hochgelobt, spielt auf einem herrlichen Instrument von Giovanni Paolo Maggini von 1620. Doch ihr Ton klingt dünn und flach. Trillerprobleme, Unsicherheiten in den hohen Lagen, schleifende Lagenwechsel nach unten und musikalisch befremdende Bedeutungsakzente trübten Tschaikowskys Rokoko-Variationen empfindlich. Da geht es um Eleganz, Virtuosität, Charme, nicht um brave Klanglichkeit und cellistische Bemühtheit, die auch die Bach-Zugabe kennzeichnete. Wie hat doch der legendäre Cellomeister János Starker gemahnt: "Man darf das Cellospiel nicht auf den menschlichen Schwierigkeiten aufbauen."

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