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Musik:Sarah Maria Sun

Sarah Maria Sun
(Foto: Thomas Jauck)

"Krieg". 1988 kam die Trilogie von Rainald Goetz am Theater Bonn heraus. Erster Teil Krieg im Großen, in Geschichte und Gesellschaft, zweiter Teil in der Familie, dritter Teil im Ich. Dieser dritte Teil heißt "Kolik" und ist ein Monolog, fiebrig mäandernd zwischen Zynismus, Euphorie, tiefster Depression und völliger Zersetzung. Die Frontlinien verlaufen im Kopf. Man kann den Text lesen als Trip durch die Nacht bis zum Morgengrauen, als Resümee eines Lebens voller Wut und Sehnsucht, als die Anhäufung der letzten Fragen kurz vor dem Sterben. Nun ist "Kolik" Musiktheater geworden, und die Uraufführung am herrlichen Gare du Nord in Basel, einem Refugium der Neuen Musik, bringt alle diese Lesarten zusammen und verweist noch auf einige mehr.

Der Raum ein ehemaliger Wartesaal, die Bühne voller Gestänge, ähnlich denen, mit denen Francis Bacon die Figuren auf seinen Bildern einsperrt. Darin eine Kapelle, die ausschaut, als wäre sie in geliehenen Klamotten der Nacht entstiegen, die vier Streicher des Solistenensembles Kaleidoskop, Geige, Bratsche, Cello, Bass, und vier Bläser, Horn, Posaune, Bassklarinette und Kontraforte, eine Art Kontrafagott, abgründig tief. Zwischen den Musikern, die ebenso singende, murmelnde, wandernde Performer sind: Sarah Maria Sun, strahlende Sopranistin und Stimmakrobatin, extrem wach, extrem präzise, zu jeder Form der Expression aus dem Nichts heraus fähig und dabei jedes Wort in seinem Gehalt denkend.

Das Großartige an diesem Abend: Er wirkt wie der Ausdruck eines gemeinsam gedachten Gedankens. Goetz zerlegt das Ich mit dem Bewusstsein der Geschichte, Jannik Giger komponiert Musik mit dem Wissen von Jahrhunderten. Bach etwa, aber nicht als Zitat, sondern als vorbeiziehendes Klangaroma einer Erinnerung. Noch mehr Erinnerungen tauchen auf, eingebettet in eine Struktur sich wiederholender Figuren. Giger hört exakt auf Goetz, Leo Hofmann baut dazu einen Klanghintergrund aus elektronischen Sounds und Aufnahmen von Suns verfremdeter Stimme. Benjamin van Bebber inszeniert. Drei junge Männer, die Sun auf einen letzten Nachtflug durch dunkle, große Sätze schicken: "Denken denkt nichts als Tod."

© SZ vom 20.10.2018
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