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Musik:Rave mit Variationen

"LBT", das Trio des Münchner Pianisten Leo Betzl liebt einen kontrastreichen Sound, der vom Techno bis zum neoklassischen Jazz reicht. Im Ampere stellen die Drei ihr neues Doppel-Album "Stereo" vor

Leo Betzel Trio

Jazzer, die ins Stroboskop-Licht der Techno-Clubs eintauchen: LBT, das Trio mit Sebastian Wolfgruber, Maximilian Hirning und Leo Betzl (von links).

(Foto: Richard Stöhr)

Der schwedische Pianist Esbjörn Svensson hatte sein Trio damals zwar nach sich benannt, aber nicht wie üblich ausgeschrieben, sondern abgekürzt: e.s.t. Er wollte damit den Charakter als Band mit gleichberechtigten Mitgliedern betonen. Ganz ähnlich ist das bei LBT, dem Trio des Münchner Pianisten Leo Betzl. Dahinter verbergen sich genau genommen zwei Bands: Einmal ein Contemporary Jazz Trio, gespeist von den Kompositionen von Betzl selbst, der ein Melodiker ist mit Vorliebe für Romantisches, Impressionistisches, Hymnisches. Die Liebe zur klassischen Musik verbindet sich in seinen Stücken mit der Klarheit von bewunderten Pop- und Rockbands von Led Zeppelin bis Toto und mit einer Blue-Note, die vor allem dem Einfluss von Helden seines Zweitinstruments Gitarre entstammt wie Jimi Hendrix oder Steve Vai. Die Liebe zum klassischen Jazz-Kanon brachte ihm sein Lehrer am Jazzinstitut der Münchner Musikhochschule, Tizian Jost, nahe. LBT ist darüberhinaus aber auch ein revolutionäres Techno-Jazz-Projekt - das "Minimal Techno Jazz Piano Trio", wie es auf der Homepage heißt. Und dessen Material stammt aus der Feder des Bassisten Maximilian Hirning.

Daran sind alle drei, Betzl, Hirning und Schlagzeuger Sebastian Wolfgruber als Mitglieder des Musikerkollektivs der Jazzrausch Bigband bestens geschult, und vor allem mit diesem neuen Konzept von im klassischen akustischen Klaviertrio gespielten technoiden Sounds haben sie in den vergangenen drei Jahren Aufsehen erregt und Preis um Preis gewonnen: vom Hansjürg-Henzler-Preis über den Europäischen Nachwuchs-Preis der Jazzwoche Burghausen bis zum BMW Welt Jazz Award. Da ist es nur konsequent, dass das neue Album der Drei unter dem bezeichnenden Titel "Stereo" beide Seiten vereint und eine Doppel-CD ist.

Die erste Scheibe präsentiert also Hirnings fünf neueste Electro-Techno-Anverwandlungen, die - wie bei einem ordentlichen Rave - ineinander übergehen. Noch druckvoller, noch ausgetüftelter, noch überzeugender als bisher rollen die dahin. Die Drei haben ihre Stilinnovation von Konzert zu Konzert, von Stück zu Stück konkretisiert, weiterentwickelt und perfektioniert. Haben Spraydosen, diverse Dämpfer für die Klaviersaiten, mit dem Bogen gestrichene Metallplatten oder diversen Perkussionsgerätschaften als erweiternde Klangfarben eingebaut. Sie streuen so viele minimale, im Fluss zunächst kaum merkliche Changes, Fills oder Voicings ein, dass trotz des typischen Techno-4/4tel-Kickbeats und den langen minimalistischen Melodieschleifen letztlich kein Takt dem anderen gleicht. Die Magie der Wiederholung trifft hier bezwingend auf den Zauber der Variation.

Die zweite Scheibe knüpft an das 2016 erschienene Debütalbum "Levitation" an. Klingt swingender und groovender, lässt dem Klavier wie der Improvisation viel Raum. Hat mit "Elegien" auch ganz ruhige, schwelgerische Töne und mit "Slow Hot Wind" auch einen Coversong zu bieten. Allerdings ist schon da Henry Mancinis Vorlage kaum wiederzuerkennen, so heftig ist das Stück mit rauem Bogenstrich, wuchtigem Schlagzeug und mächtiger dynamischer Steigerung verfremdet. Und auch die anderen Kompositionen Betzls, vom neoklassisch und neoromantischen "Changing Moods" über die beboppige, mitunter an Monk erinnernde Tempo-Nummer "Faroeric" bis zum Feature für den Gast-Saxofonisten Moritz Stahl ("9to5 Paradigm") sind hörbar vom anderen Gesicht der Band beeinflusst. Seine ganze kontrastreiche Qualität wird das Programm live, bei der CD-Präsentation im Ampere entfalten.

LBT: "Stereo" (Enja yellowbird); live: Samstag, 15. Februar, Ampere, Zellstraße 4

© SZ vom 14.02.2020
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