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Musik:Prince' unveröffentlichte Songs - als spiele er immer weiter

Prince

US-Sänger Prince 2010 bei einem Auftritt in Antwerpen.

(Foto: dpa)

Zum Jahrestag seines Todes erscheinen unbekannte Songs von Prince. Auf einem winzigen Label, wie er es gewollt hätte. Und sie klingen, als wäre ihm nie etwas zugestoßen.

Gleich nach seinem viel zu frühen Tod hatte man sich im letzten Jahr die vielen Mega- und Gigabytes an unveröffentlichtem Songmaterial von Prince Rogers Nelson vorgestellt, die er zu Hause in seinem Heimstudio-Imperium Paisley Park in Minneapolis aufgenommen hatte und die nur auf irgendwelchen Festplatten ruhten. Man ahnte, früher oder später würden unbekannte Stücke posthum in die Welt hinausgeschickt werden. Was Prince, der seit den Neunzigerjahren gegen die Musik- und Vermarktungsindustrie rebellierte, wohl selbst dazu gesagt hätte, dass nun am Freitag pünktlich zu seinem ersten Todestag eine EP mit sechs unveröffentlichten Songs erscheinen soll?

Es hat schon seine Richtigkeit, dass Musik aus seinem Nachlass nicht bei einem Konzern erscheint

"Deliverance", Erlösung - so der Titel der Platte - schwebt zielsicher zwischen Opulenz, Power-Grooves und der spirituellen Programmatik von Prince' letzten Jahren. Neben dem Titelsong, den man bereits seit gestern hören kann, enthält die EP ein mehr als achtminütiges, vierteiliges Medley-Stück und eine alternative Version eines dieser Songs ("I Am").

Entstanden sind die Lieder zwischen 2006 und 2008 mit dem Produzenten Ian Boxhill, der sie nach Prince' Tod fertigstellte und die Veröffentlichung vorantrieb. Sie erscheinen nun nicht beim Musikkonzern Universal, der sich erst im Februar für 30 Millionen Dollar einen großen Teil der Lizenzrechte an Prince' Musik sicherte, sondern stattdessen auf RMA, einem recht unbekannten Indie-Label aus Vancouver mit einer verschwindend kleinen Webpräsenz. Prince habe ihm einmal gesagt, so Boxhill, er gehe jede Nacht zu Bett, und überlege, wie man die Musik an Major-Labels vorbei direkt ans Publikum bekomme. Dass "Deliverance" nun auf den mehr als unübersichtlichen Flickenteppich aus Lizenz- und Rechtelagen fällt, den Prince bei diesem Versuch hinterließ, das hat in der Logik des unbedingt selbstbestimmten und eigensinnigen Künstlers seine Richtigkeit.

Viel wichtiger aber erscheint es, über die Musik zu sprechen: Die klingt nicht so futuristisch wie auf den letzten Alben "Art Official Age" oder "HITnRUN", sondern verweist tief in die Achtziger - wie vieles auf seinem letzten Nummer-eins-Album "3121", das in dieselbe Entstehungszeit fällt. Die Single "Deliverance" beginnt mit einem hitzigen Blues-Riff, bevor sie als schwelgerische, mit Gospel-Gesängen spirituell aufgeladene Funkballade eingroovt. Auch sonst ist alles dabei, was man von einer guten Prince-Nummer erwartet: das markerschütternde Schmerzensfalsett, das irrwitzig aufbrausende Gitarrensolo gegen Ende, ein esoterisches Pathos in den Textzeilen über Gott, Religion, Erlösung. Und ganz kurz scheint es, als wäre diesem Prince Rogers Nelson nie etwas zugestoßen, als spiele er einfach immer weiter. Die vielen anderen unveröffentlichten Songs auf den Festplatten sollen gerne kommen.

© SZ vom 20.04.2017
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