bedeckt München 20°

Musik-Phänomen "Scooter":Poesie der Stupidität

Lady Gagas Musik klingt ganz ähnlich, aber nur bei "Scooter" gibt es sie noch garantiert ohne Meta-Ebene: Die deutsche Band mit den meisten Top-Ten-Hits feierte vor 20.000 Fans in Hamburg 25. Jubiläum mit "The Stadium Techno Inferno".

8 Bilder

Scooter Konzert in Hamburg

Quelle: dpa

1 / 8

Lady Gagas Musik klingt ganz ähnlich, aber nur bei "Scooter" gibt es sie noch garantiert ohne Meta-Ebene: Die deutsche Band mit den meisten Top-Ten-Hits feierte vor 20 000 Zuschauern in Hamburg 25. Geburtstag mit "The Stadium Techno Inferno". Die Bilder.

Hans Peter Geerdes alias H.P. Baxxter muss sich warm anziehen. Nach 17 Jahren unermüdlichem Grölen ins Megaphon, nach 14 Studioalben und 25 Millionen verkauften Tonträgern, scheint die Eskalationslogik seines Trios Scooter an ein Ende gekommen zu sein. Zwar lieferten die letzten beiden Scooter-Singles, "The Only One" und "Friends Turbo", gewohnt hemmungsfrei bollernden Hardtrance und raffiniert tumbe Nonsens-Parolen. Trotzdem schafften sie es gerade mal unter die Top 50 der Single-Charts - beinahe demütigend für Männer, die in ihrer Heimat mehr Top-10-Hits hatten als jeder andere deutsche Musiker: 20 insgesamt seit 1994. Aber inzwischen ist der Sound, den Scooter mit ihrem ersten Hit "Hyper Hyper" einführten, erfolgreich adaptiert worden.

Text: Jan Kedves/SZ vom 28.6.2011/sueddeutsche.de/rus

MTV Video Music Aid Japan - Show

Quelle: Getty Images

2 / 8

Der zuletzt sehr erfolgreiche stadiontaugliche Prolltechno der Berliner Atzen ("Hey, was geht ab? Wir feiern die ganze Nacht!") wäre beispielsweise ohne die Vorarbeit von Scooter undenkbar. Und auch wenn man Lady Gaga wohl kaum in eine Linie mit H.P. Baxxter stellen kann: Auch deren jüngste musikalische Erfolge (im Bild bei ihrem Auftritt ebenfalls am 25. Juni 2011 bei den MTV Video Music Awards in Japan) basieren auf einer Mischung aus Breitbeinrock und Nasenblutentechno. Mit dem Unterschied freilich, dass Scooter  diesen Sound noch heute als feisten Stilclash zelebrieren - samt Stinkefinger und hochgezogener Lippe -, während er bei Lady Gaga längst zu einem Sample unter vielen geworden ist, beliebig abrufbar und kaum prolliger als Geigenteppiche oder mexikanische Mariachi-Bläser.

Scooter Konzert in Hamburg

Quelle: dpa

3 / 8

Wider den eigenen Anachronismus! Zurück zum einzigen, unbeirrbaren, faustdicken Hardcore! - so lautete der Schlachtruf zur Effekthölle, die Scooter  am Samstagabend in der Hamburger HSV-Arena mit 140.000 Watt Boxenverstärkung und gleißender Lasershow vor etwa 20.000 hüpfenden Fans zündeten. "The Stadium Techno Inferno", das einzige Scooter-Konzert des Jahres in Deutschland, sollte zum einen feiern, dass sich die beiden Scooter-Hauptverantwortlichen H.P. Baxxter und Rick J. Jordan (Hendrik Stedler) vor 25 Jahren in Hannover kennengelernt haben, zum anderen sollte dem drohenden Machtverlust getrotzt werden. Tatsächlich freuten sich einige der Scooter-Fans so stark, dass sie sich, bevor H.P. Baxxter überhaupt mit erhobenen Armen die Showtreppe heruntergefedert kam, bereits volltrunken zur Aufwärmmusik in Vertigo gejumpt hatten und von Ordnern hinausbegleitet werden mussten.

Scooter Konzert in Hamburg

Quelle: dpa

4 / 8

Auch sonst lief an diesem Abend alles rund. Der Großteil des Publikums war nach zwei Stunden Dauerbestampfung mit 26 Scooter-Hits noch immer nicht niedergerungen. Die vier Bühnentänzerinnen, die zuletzt noch in silbernen Catsuits mit Lena Meyer-Landrut beim Eurovision Song Contest auftraten, gaben sich, jetzt verkleidet als goldglitzernde Playboy-Bunnies, beste Mühe, mit den Scooter-Beats mitzuhalten. Die Rotten von Männern im Publikum hatten es einfacher: Sie rissen sich die neonorangefarbenen Bauarbeiterwesten vom Leib und bewiesen erstaunliches Geschick darin, sich grölend in den Armen zu liegen und dabei synchron im Kreis zu springen. 

Scooter Konzert in Hamburg

Quelle: dpa

5 / 8

Immer noch ist bemerkenswert, dass die Scooter-Musik überhaupt im Stadion funktioniert - Baxxter (im Bild mit dem Hamburger Kollegen Jan Delay als Gast) ist kein Sänger, sondern eher ein Anfeuerer. Die Refrains der meisten Scooter-Stücke werden von anonymen, in absurde Höhen gepitchten Mädchenstimmen gesungen. Während deren Urheberinnen auf der Bühne absent bleiben, gibt Baxxter gestisch den blondierten Ostfriesen-Billy-Idol, klanglich wird dazu das Konzept des britischen Rave-Duos The KLF verfolgt. Letztere entwickelten schon Anfang der Neunziger das Konzept des Stadion-Techno und unterlegten ihre Tracks mit Getöse euphorisierter Massen. Auch sonst waren The KLF keine Puristen: Im Video zu ihrer Single "Justified And Ancient" tauchte 1991 plötzlich die amerikanische Country-Sängerin Tammy Wynette auf und sang den Refrain - ein Schock damals! "We're justified and we're ancient", grölt nun H.P Baxxter in der jüngsten Scooter-Single "The Only One", die später einsetzenden "Yeeeaaah!"-Chöre erinnern deutlich an Kurt Cobains "Yeeeaaah!" aus "Lithium". The KLF kombiniert mir Nirvana? Künstlerischen Frevel gibt es im Scooter-Universum nicht.

Scooter Konzert in Hamburg

Quelle: dpa

6 / 8

Wobei es wohl trotzdem falsch wäre, die versammelten Zwanzigtausend in der Hamburger HSV-Arena deswegen pauschal zu Post-Au-thentizisten zu erklären. H.P. Baxxter brüllt, grölt und shoutet die zwei Stunden am Stück, ohne wacklig in den Beinen zu werden. Am erstaunlichsten jedoch ist, dass er seine Texte, in denen sich keine Zeile sinnhaft auf die jeweils vorhergehende bezieht, sondern die Worte flippermäßig frei flottieren, nicht ein einziges Mal durcheinander bringt. "Love, peace and unity / Siberia the place to be." Baxxter liest solche Zeilen nicht ab. Er kann sie alle auswendig.

Scooter Konzert in Hamburg

Quelle: dpa

7 / 8

Ausgerechnet Irm Hermann war es ja, die die Öffentlichkeit für die Scooter'sche Poesie der Stupidität sensibilisierte. Beim Kremser Donaufestival im Jahr 2008 deklamierte sie, auf Einladung der Hamburger Altpunks Die Goldenen Zitronen, deutsche Übersetzungen von Scooter-Texten: "Ich liebe es, eure Hände in der Luft zu sehen. Wir wollen harte Party machen. Die technologische Musik bekommt, was sie braucht. Springt alle hoch und nieder. Hüper, hüper", sprach die Schauspielerin, und wenig später fragte H.P. Baxxter in einem Spex-Interview: "Sind wir jetzt Hochkultur, oder was?" Das klang, als sei er sich bewusst, dass Scooter nichts Schlimmeres passieren könnte, als plötzlich von Theater- und Literatur-Instanzen zum deutschen Kulturerbe (und er selbst zum Großlyriker) erklärt zu werden.

Scooter Konzert in Hamburg

Quelle: dpa

8 / 8

Die Fans, von Baxxter kumpelhaft "Posse" genannt, würde so etwas sicher vergraulen - Fans, die immer noch hordenweise zu Konzerten kommen; Fans, die einem merkwürdigen Verständnis von Rebellion nachhängen: Je krasser der Sound brettert, je abstruser Baxxters Shouts sind und je heftiger Umwelt und Kritik über all dies den Kopf schütteln, desto besser lässt sich abfahren. Von Scooter zum Deppen machen lässt man sich aber natürlich nur dann gerne, solange auch die Typen auf der Bühne Deppen sind. Dazu passt weder Irm Hermann noch, dass sich Baxxter vor einigen Monaten mit seinem Freund Albert Oehlen in einem Gespräch eloquent über Stumpfheit, Drastik und die Auflösung jeglichen Sinns austauschte. Man kann es nur wiederholen: Hans Peter Geerdes, der Techno-MC ohne Botschaft, das Mensch gewordene "Yeeeaaah!", muss sich warm anziehen.

© SZ vom 28.6.2011/rus

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite