Musik & "Me Too" "Er hat genau gewusst, worauf er sich da einlässt"

Eine junge Frau, die das für eine faule Ausrede hält, setzt sich jetzt in Berlin-Kreuzberg an einen Cafétisch. Salwa Houmsi muss gleich noch zwei Interviews geben, vorher will sie noch kurz etwas klarstellen: "Er hat genau gewusst, worauf er sich da einlässt", sagt sie. Houmsi ist Musikjournalistin und Moderatorin, sie hat in der deutschen Hip-Hop-Szene eine gewisse Prominenz. Sie spricht schnell und überlegt. Was im vergangenen Monat alles passiert ist, fühlt sich auch für sie surreal an.

Ein paar Tage nachdem Houmsi die Doku über R. Kelly gesehen hat, findet sie zufällig die Ankündigung im Netz, dass er nach Deutschland kommen soll. "Ich dachte, das gibt's doch nicht", sagt sie. Und dass sie gespürt habe, dass sie jetzt etwas tun müsse: Endlich sei da mal was, "das in meinen Einflussbereich fällt". Gemeinsam mit ein paar Freundinnen, ebenfalls gut vernetzt, startet sie eine Onlinepetition. Befreundete Musiker wie Samy Deluxe und Kraftklub unterstützen sie. Drei Tage nachdem Kelly von seinem Label gefeuert wird, ist "R. Kelly stummschalten" geboren.

Der Protest kommt jetzt also auch aus Deutschland. Die Stadt Sindelfingen sagt daraufhin das Konzert ab. Bernard sucht fieberhaft nach einer neuen Halle. Und er startet den Versuch eines Gegenangriffs: In einem Post auf Facebook weist er auf eine Playlist hin, die Salwa Houmsi auf Spotify kuratiert. Darin tauchen, wie Bernard mit Genugtuung aufzeigt, mehrere Songs von verurteilten Künstlern auf, sogar einer von R. Kelly. Man müsse, schreibt Bernard, nun mal Künstler und Privatperson voneinander trennen.

Die Ulmer Konzerthalle stellt sich hinter ihn: Man sei keine "Instanz der sozialen Ächtung"

Die Musikindustrie schien bislang seltsam immun gegen "Me Too" zu sein. Während die Vorwürfe gegen Harvey Weinstein oder Kevin Spacey den quasi sofortigen Ausstoß aus der Branche zur Folge hatten, haben sich die großen Plattenfirmen bisher meist gesträubt, sich von mutmaßlichen oder tatsächlichen Gewalttätern zu distanzieren.

R. Kelly, nachdem er Ende Februar von der Polizei in Chicago in Gewahrsam genommen wurde.

(Foto: AP)

Die extrem erfolgreichen amerikanischen Rapper XXXTentacion und Tekashi 6ix9ine etwa haben noch Monate nach dem Weinstein-Fall jeweils millionenschwere Deals abgeschlossen - obwohl der eine zu diesem Zeitpunkt wegen schwerer Körperverletzung einer schwangeren Frau vor Gericht stand, der andere wegen sexuellen Handlungen an einer 13-Jährigen verurteilt war. Letzterer hätte im Januar ein Konzert in Ludwigsburg spielen sollen - das aber ausfiel, weil er zu dem Zeitpunkt schon im Gefängnis saß. Veranstalter war auch hier: Bernard Events.

Warum die Musikbranche, im Gegensatz zu Hollywood, so nachsichtig mit Sexstraftätern aus den eigenen Reihen ist, dazu gibt es verschiedene Erklärungen. Die eine ist der brutale wirtschaftliche Druck, der seit der Jahrtausendwende auf der schrumpfenden Branche lastet. Um einen populären Künstler der Konkurrenz wegzuschnappen, drücken die Labels gerne mal zwei Augen zu. Die andere Erklärung ist die über Jahrzehnte etablierte Kombination von Rock 'n' Roll mit sexueller Zügellosigkeit. Teenager-Groupies gelten noch immer als Verschleißmasse. Umso mehr, wenn sie dunkle Haut haben.

Am 14. Februar wird bekannt, dass der prominente Anwalt Michael Avenatti der Staatsanwaltschaft von Chicago ein neues Videoband übergeben hat, auf dem Kelly angeblich eine 14-Jährige sexuell missbraucht. In einer Nacht bekommt Bernard 90 Mails.

Er hat den ersten Termin mittlerweile nach Ulm verlegt. Die dortige Ratiopharm-Arena kennt den Protest - und hat sich hinter Kelly und Bernard gestellt. In einem Facebook-Post, der inzwischen gelöscht wurde, fordert die Arena vollmundig jeden, "der die Unschuldsvermutung für obsolet hält", zu "Umsicht" auf. Der Hallenbetreiber sehe sich jedenfalls nicht als "Instanz der sozialen Ächtung".

Die Petition von Salwa Houmsi gewinnt dadurch erst richtig an Fahrt. Sie hat mittlerweile knapp 100 000 Unterschriften, viele Zeitungen und das ZDF berichten. Thomas Bernard hat längst aufgegeben, sich zu erklären. Er fährt Anfang Februar in Urlaub. In Dubai sieht er sich selbst in den Nachrichten und bekommt Herzrasen. "Ich weiß ja, dass das alle provoziert", sagt er. Aber er müsse abwarten, bis Kelly absagt. Sonst könne er nichts tun.

Am Freitag vergangener Woche wird R. Kelly in Untersuchungshaft genommen, sein Reisepass eingezogen. Erst am Montag hat er die 100 000 Dollar zusammen, die er braucht, um die Zeit bis zum Gerichtstermin in Freiheit verbringen zu können. Nach seiner Entlassung geht er, umringt von Paparazzi, zu McDonald's.

Ein fatales Signal an die Opfer von sexueller Gewalt

Seine finanzielle Not ist offensichtlich. Den Aktivistinnen zufolge sind ihm allein durch die abgesagten US-Konzerte etwa 1,7 Millionen Dollar entgangen. Geld, mit dem er seine Klägerinnen wieder außergerichtlich hätte zum Schweigen bringen können.

Am Dienstag dieser Woche verkündet die Ratiopharm-Arena in Ulm, sie habe den Veranstaltungsvertrag gekündigt, aufgrund "neuer und objektiver Fakten". Das Konzert in Hamburg steht offiziell weiterhin. Man könne den Vertrag nicht einseitig kündigen, erklärt das Bezirksamt Nord. Aber es sei ja "offenkundig", dass R. Kelly ohnehin nicht ausreisen könne. Es klingt zerknirscht, aber auch erleichtert.

Salwa Houmsi sagt, sie sei ernüchtert. Klar, die 240 000 Unterschriften seien super. "Aber die Konzerte wurden nicht wegen der vielen missbrauchten Frauen abgesagt, sondern nur weil der Typ keinen Pass hat." Als Signal an die Opfer von sexueller Gewalt sei das fatal: berühmte Musiker dürften im Zweifel trotzdem erst mal noch auftreten.

Thomas Bernard sagt, er zähle die Tage bis zum 22. März. Dann muss Kelly vor Gericht erscheinen. Wenn der Richter ihn dann nicht freilässt, wird Kellys Management den Vertrag mit Bernard hoffentlich auflösen. Dann bekommen die Ticketkäufer ihr Geld zurück, der Sturm wird sich legen. Und Bernard kann weiter arbeiten.

Der ganze Wirbel hat seinem Ruf nämlich nicht nur geschadet. Im Gegenteil: Vor ein paar Tagen hat ihm der Manager eines sehr bekannten US-Rappers geschrieben. Bernard liest die Mail auf seinem Handy vor: "Thomas, ich hab von dir gelesen. Du hast wirklich Eier bewiesen." Loyale Typen, schreibt der Manager, schätze man sehr. Ob er nicht Lust hätte, die nächste Deutschlandtour zu organisieren?

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