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Musik & "Me Too":R. Kellys letzter Mann

R. Kelly

R. Kelly bei einem Auftritt bei den Soul Train Awards in Orleans im November 2015.

(Foto: Powers Imagery/Invision/AP)

Die Popwelt hat den Sänger wegen Missbrauchsvorwürfen verstoßen. Nur ein schwäbischer Konzertveranstalter hat ihn noch im Programm. Ein Besuch.

Am Flughafen in Dubai, sagt er, war es endgültig zu viel. Er sei aus dem Flieger gestiegen, seine Tochter an der Hand, und habe auf einem Fernseher die Nachrichten gesehen, Al-Jazeera oder CNN. Archivbilder von R. Kelly, dazu eine Textbinde mit den Worten: "Der einzige Promoter weltweit, der noch mit Kelly zusammenarbeitet" - und dann sein Name. Thomas Bernard. Da, sagt Bernard, habe sein Herz "kurz mal ausgesetzt".

Er hat einen doppelten Espresso bestellt und schaut sich nervös um. Der Marktplatz von Schorndorf, einer hübschen Kreisstadt im Rems-Murr-Kreis bei Stuttgart, ist an diesem Montag fast leer. Bernard zippelt an einem Stück Haut, das an seinem rechten Daumen hängt. Alle zehn Fingernägel sind runtergekaut. Die letzten vier Wochen, sagt Bernard, "waren der Horror meines Lebens".

Es ist ein seltsamer, unwahrscheinlicher Vorgang, der diesen Mann, 36 Jahre alt, mit Bomberjacke und umgedrehter Cap auf dem Kopf, zu einer Art weltweitem Medienphantom gemacht hat. "Der letzte Unterstützer des Pädophilen", sagt Bernard mit bitterem Lächeln, so explizit habe das zwar kein Nachrichtensender formuliert. Aber so fühle es sich an.

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Gizem Adıyaman will R-Kelly-Konzerte in Deutschland verhindern. Dass sich Veranstalter auf die Unschuldsvermutung berufen, lässt sie nicht gelten.

Dabei habe er mit niemandem geredet, mache ja keinen Sinn: "Egal was du sagst, es ist falsch." Fox News, die New York Times, die BBC, der Rolling Stone, das Klatschportal TMZ - alle hätten ihn bombardiert mit Fragen. Sogar eine Zeitung aus Ghana berichtete über ihn. Ganz zu schweigen von den deutschen Fernsehteams und noch viel mehr zu schweigen von den Hunderten Botschaften wütender Privatleute.

Seit Wochen hat Bernard deshalb keine Mails von Fremden mehr beantwortet, keine Anrufe von unbekannten Nummern angenommen. Erst nach viel Überzeugungsarbeit hat er sich zu diesem Treffen bereit erklärt. Er will seine Sicht der Dinge jetzt doch auch mal darlegen.

Der unwahrscheinliche Vorgang, der den Konzertveranstalter Thomas Bernard derzeit zur Zielscheibe von Hass, Spekulationen und weltweiter Berichterstattung macht, hat mit sexuellem Missbrauch, Rassismus und Popmusik zu tun. Er zeigt, dass die Welt seit der "Me Too"-Bewegung ein wenig anders tickt als zuvor. Dass sich gewisse Dinge geändert haben, gewisse Strukturen zerbrochen sind. Bernard ist ein Opfer dieser Veränderung, so sieht er das. Er sei absolut selbst schuld, so sehen es andere.

Der Name Kelly ist seit Januar radioaktiv. Auf seinem Tourplan steht jetzt nur noch: Germany

Alles fängt damit an, dass Bernard, der seit elf Jahren Hip-Hop-Partys und -Konzerte im Raum Stuttgart organisiert, einen Tipp bekommt: R. Kelly gehe bald auf Welttournee. Der amerikanische Superstar, mit 60 Millionen verkauften Alben einer der erfolgreichsten Künstler aller Zeiten, komme nach Spanien, Belgien, Großbritannien, Australien. Er spiele zwei Konzerte pro Land. Deutschland steht bislang nicht auf der Liste. Sofort schickt Bernard eine Anfrage raus. Es ist Mitte Dezember.

Zu diesem Zeitpunkt brodelt um Kelly in den USA bereits seit anderthalb Jahren eine Boykottbewegung. Es geht um den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen, der seit mehr als 20 Jahren gegen Kelly im Raum steht. Jetzt sind die Vorwürfe wieder aktuell, seit Buzzfeed in einer großen Geschichte berichtet hat, Kelly halte Frauen gegen ihren Willen in einer Art Sekte fest. Seither melden sich alle paar Monate ehemalige Opfer zu Wort. Unter dem Schlagwort "Mute R. Kelly" fordern Hunderttausende Frauen, Kelly "stummzuschalten", seine Konzerte zu boykottieren.

Der Veranstalter Bernard weiß davon. Aber, sagt er: Kelly sei ja nie rechtskräftig verurteilt worden. Das stimmt. Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs und Kinderpornografie bringen Kelly zwar immer wieder vor Gericht: 1996, 2001, 2002, 2008. Fast immer aber wird die Anklage außergerichtlich beigelegt, mit Geldzahlungen. Einmal wird ein Urteil nachträglich wegen einer unzulässigen Hausdurchsuchung wieder kassiert. Auf dem Papier ist Kelly bis heute ein unschuldiger Mann.

Als Thomas Bernard die Bestätigung von Kellys Agentur bekommt, unterschreibt er den Vertrag sofort - was er heute für einen großen Fehler hält. Aber er will das Weihnachtsgeschäft mitnehmen. Also stellt er die Tourdaten ins Netz: ein Konzert in Ludwigsburg, eins in Hamburg. Der Vorverkauf startet, ein Early-Bird-Ticket kostet 72 Euro. Bernard verkauft allein für den ersten Termin 2500 Stück, Fans aus Holland und Finnland buchen Flüge und Hotel. Bald sucht Bernard eine größere Halle, bucht schließlich den Glaspalast in Sindelfingen. Er ist guter Dinge.

Bis am Freitag, den 4. Januar, eine Art Erdbeben alles erschüttert. Auf dem amerikanischen Pay-TV-Sender Lifetime ist die sechsteilige Dokuserie "Surviving R. Kelly" angelaufen. Darin beschreiben Dutzende Frauen in erschütternden Details, wie Kelly sie systematisch unterdrückt und sexuell missbraucht habe, oft schon als Minderjährige.

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"Mute R. Kelly" verwandelt sich in eine Massenbewegung: Es gibt Demonstrationen, alle Konzerte werden abgesagt, in den USA, in Europa. Künstler wie Lady Gaga und John Legend entschuldigen sich öffentlich für Jahre zurückliegende Zusammenarbeit mit Kelly. Sogar die Plattenfirma Sony, die ihn jahrzehntelang gehalten hat, lässt ihn fallen. Der Superstar ist öffentlich demontiert, sein Name ist jetzt radioaktiv. Nur zwei Veranstaltungen stehen weiterhin auf R. Kellys offizieller Facebookseite: 12. April, Sindelfingen, Germany. Und 14. April, Hamburg, Germany. Veranstalter: die Firma Bernard Events aus Schorndorf.

So landet die große "Me Too"-Bewegung im beschaulichen Rems-Murr-Kreis. Und der Konzertveranstalter Thomas Bernard in den weltweiten Schlagzeilen. Als letzter Unterstützer eines Geächteten. Geht's noch, ist der Ton der Berichte: Endlich kommt alles auf den Tisch, R. Kelly wird doch noch zur Verantwortung gezogen, nur in Deutschland werden mit seinem Namen noch Hallen ausverkauft? Wie gierig muss man eigentlich sein?

"Wir hatten halt Pech", so erklärt es Bernard. "Wir waren zwei Wochen zu früh." Hätte er den Vertrag im Dezember nicht sofort unterschrieben, hätte er noch einen Rückzieher machen können wie die anderen Veranstalter. So aber habe Kellys Management darauf beharrt, wenigstens die geplanten Deutschlandkonzerte noch durchzuführen - andernfalls drohe eine Vertragsstrafe. Ein Viertel der Gage, sagt Bernard. Und dass ihn das ruinieren würde.