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Musik:Klassikkolumne

Ein Trio, dessen Musikalität jeden Rahmen sprengt, eine junge Cellistin, Klavier-Zyklen - und eine Orgelfantasie, die schon megaloman klingt.

Von Julia Spinola

Es ist durchaus nicht selbstverständlich, dass drei große Solisten bereits ein gutes Trio ausmachen. Sie könnten auch genial aneinander vorbeispielen. Im Falle dieser jungen Trio-Formation jedoch scheint das Ensemblespiel die solistischen Fähigkeiten jedes Einzelnen geradezu zu potenzieren. Wenn der Pianist (und Dirigent) Lahav Shani, der Cellist Kian Soltani und der Geiger Renaud Capuçon zusammen spielen, sprengen sie mit ihrer geballten Musikalität schier den Saal. Jetzt haben sie ihre erste gemeinsame CD veröffentlicht mit zwei Hauptwerken des 19. Jahrhunderts: Peter Tschaikowskys Klaviertrio op. 50 in a-Moll und Antonín Dvořáks Klaviertrio Nr. 3 op. 65 in f-Moll. Man kann die Sensation dieser Live-Aufnahmen vom Osterfestival in Aix-en-Provence 2018 kaum fassen. Vom warmen Streichergesang im Kopfsatz des Tschaikowsky-Trios, über die Anmut der tänzerischen Passagen bis zu den glitzernden pianistischen Solostellen des Finalsatzes im Dvořák: Die Musiker scheinen einander in Farbenreichtum, Phrasierungs- und Charakterisierungskunst, Inspiriertheit und Lebendigkeit ihres Spiels überbieten zu wollen. Bei aller elektrisierenden Präsenz scheint ihr Ensemblespiel zugleich doch bis ins Letzte ausbalanciert und präzise auf einander abgestimmt (Erato).

Gegen diesen Ausbund einer schier überbordend fantasievollen Musikalität klingen die Interpretationen der jungen russischen Cellistin Anastasia Kobekina beinahe noch ein wenig brav. Dabei zählt die Absolventin der Kronberg Academy, die seit paar Jahren einen Preis nach dem anderen einsammelt, durchaus zu den vielversprechenden Talenten. Mit Dmitri Schostakowitschs Cellokonzert Nr. 1, der Fantasie für Cello und Orchester op. 52 von Mieczyslaw Weinberg und einem kurzen, effektvollen Stück ihres Vaters Vladimir Kobekin hat sie jetzt ihre erste CD mit Orchester eingespielt. Sympathisch an ihrer Schostakowitsch-Interpretation, die von der kraftvollen Wärme ihres Cello-Ton durchflutet wird, ist ihre Aufrichtigkeit. Hier klingt nichts aufgesetzt oder manieriert. Bei aller Charakteristik meidet Kobekina auch im exzentrischen Finale jenen Ton einer schwarzen, schrillen Verzweiflung, der eine Abgrund-Erfahrung prätendieren würde, die der Interpretin nicht zu entsprechen scheint. Einfühlsam und nuanciert singend gelingt ihr auch die Fantasie von Weinberg. Das Berner Symphonieorchester unter Kevin John Edusei ist dabei nicht mehr als ein verlässlicher Partner (Claves).

Eine komprimierte Kompositionsweise, die den Ausdruck in kurzen und kürzesten Stücken kondensiert, ein eigensinniger, leicht schräger Blick auf Tanzcharaktere und Folklore - diese Gemeinsamkeiten entdeckt der Pianist Herbert Schuch in zwei Klavier-Zyklen von György Ligeti und Ludwig van Beethoven, die knapp zweihundert Jahre auseinander liegen. Satz für Satz ineinander verschränkt werden Ligetis durchkonstruierte Musica Ricercata und Beethovens 11 Bagatellen op. 119. Dadurch ergeben sich zum Teil verblüffende Korrespondenzen - etwa zwischen den beiden gegensätzlichen Walzerszenerien des 3. Beethoven- und des 4. Ligeti-Stücks. Dennoch: So idiomatisch wie Schuch diese Miniaturen spielt, würde man die Zyklen lieber für sich allein hören. Gerade die frühe Ligeti-Komposition aus den Jahren 1951-1953, in der jedes Stück mathematisch präzise auf dem vorangegangenen aufbaut, entfaltet ihren Ausdruckssinn eines miniaturhaften Dramas erst im Zusammenhang. Die CD dokumentiert ein Experiment, das stilsicher, prägnant und voller Witz gelingt. (BR Klassik)

Ein Experiment wagt auch der amerikanische Organist Cameron Carpenter auf der von ihm entwickelten Digital Touring Organ. Begleitet vom Konzerthausorchester Berlin und dessen designiertem Chefdirigenten Christoph Eschenbach hat er den Klavierpart von Sergej Rachmaninows Paganini-Variationen für sein digitales Monsterinstrument adaptiert, man möchte sagen: es dem megalomanen Kosmos der eigenen Orgelklangfantasie einverleibt. Das Ergebnis ist effektvoll, hat aber etwas von einer dreisten Übernahme. Denn Carpenter wechselt beinahe in jedem Takt die Register und überfrachtet das Werk mit spektakulären Klangmischungen, der brillant instrumentierte Orchesterklang wird von dem des chamäleonhaften Überinstruments geschluckt. Stimmiger gelingt die Balance zwischen Orchester und Soloinstrument in Francis Poulencs Orgelkonzert, in dem man endlich einen Eindruck von Eschenbachs ausdrucksstarker und präziser Orchesterführung bekommen kann. (sony)

© SZ vom 30.04.2019
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