Musik Gute Unterhaltung

Nur Operette? Der brillante Komponist Jacques Offenbach wurde vor 200 Jahren in Deutschland geboren und eroberte dann Paris. Es gibt bei ihm noch viel zu entdecken.

Interview von Michael Stallknecht

Am 20. Juni vor zweihundert Jahren wurde Jacques Offenbach geboren. Geboren in Köln als Sohn eines jüdischen Kantors, ging er mit 14 Jahren nach Paris, wo er das Musikleben über Jahrzehnte entscheidend mitprägte - als Erfinder der Operette oder der "Offenbachiade", wie Karl Kraus seine Stücke zur Unterscheidung von späteren Ausprägungen der Gattung genannt hat, aber auch in zahlreichen anderen Genres wie der Opéra-comique oder dem märchenhaften Ausstattungsstück. Bis hin zum letzten Werk "Les Contes d'Hoffmann" ("Hoffmanns Erzählungen"), das häufig fälschlicherweise noch immer als Offenbachs einzige große Oper gehandelt wird.

Wenn Theater heute diese Werke spielen, dann kommen sie um die "Offenbach Edition Keck" (OEK) kaum herum, die im Verlag Boosey & Hawkes erscheint. Seit dreißig Jahren unermüdlich auf den Spuren Offenbachs, legt der Dirigent und Musikwissenschaftler Jean-Christophe Keck hier Ausgaben vor, die nicht nur einen unverstellten Blick auf das Werk Offenbachs ermöglichen, sondern gerade in jüngeren Jahren das Bild des Komponisten auch um zahlreiche Facetten bereichert haben.

SZ: Herr Keck, warum sollte man Offenbach heute spielen?

Jean-Christophe Keck: Weil er lebendig ist. Er ist der humanste Musiker, den es gibt, der europäischste, der feministischste, der pazifistischste - und für mich natürlich der genialste.

Sie haben viele Werke im Urtext neu herausgegeben. Inwieweit hat sich damit unser Bild von Offenbach verändert?

Zu Beginn seiner Karriere in Frankreich war Offenbach vor allem der Unterhalter des Zweiten Kaiserreichs, was einhergeht mit dem Bild von Leichtigkeit, Komik, französischem Esprit. Heute kennen wir auch Stücke, die eine andere Seite Offenbachs zeigen und vor allem belegen, dass er eine der wichtigsten Musikerpersönlichkeiten des 19. Jahrhunderts war. Leider sind die Opernhäuser oft wenig neugierig und kreativ, man spielt fast immer nur vier bis sechs Werke.

Jacques Offenbach, Erfinder der Operette – und viel mehr. Er wurde am 20. Juni 1819 in Köln als Sohn eine jüdischen Kantors geboren und eroberte dann Paris. Von seinen 140 Bühnenwerken sind "Hoffmanns Erzählungen" und "Orpheus in der Unterwelt" am bekanntesten.

(Foto: imago)

Worin besteht die andere Seite?

Offenbach ist nicht nur Humorist, er ist ein vor allem ein sehr komplexer Musiker. Bei ihm gibt es ein perfektes Gleichgewicht zwischen zwei Kräften: der geistigen der Tollheit, des Wahnwitzes, der überquellenden Fröhlichkeit, aus der eine tiefe Freude an der Kommunikation spricht, und parallel dazu einer der extremen Sensibilität, mit einer Musik voller Zartheiten. In diesem Wechselspiel ist er als Musiker innerhalb des 19. Jahrhunderts einzigartig. Ich persönlich liebe an Offenbach vor allem die Kehrseite, die eine melancholische, nostalgische, romantische, ultrasensible Persönlichkeit zeigt.

Einige der von Ihnen wiederentdeckten Werke haben zuletzt große Erfolge gefeiert: "Fantasio" in Paris und Karlsruhe, "Le Roi Carotte" ("König Karotte") an der Oper in Lyon und kürzlich in Hannover, "Barkouf" in Straßburg, das im Herbst auch in Köln gezeigt werden wird. Wie sind Sie auf diese Stücke gestoßen?

Ich hatte das Glück, Zugang zu den verschiedenen Archiven der Familie zu haben. Damit sind Quellen zugänglich geworden, die unterschlagene Aspekte Offenbachs überhaupt erst wieder sichtbar machen konnten. Daneben hatte ich Zugang zu den Archiven von Radio France, wo es besonders zwischen 1945 und 1970 eine intensive Offenbach-Pflege gab. Man kann in den Archivaufnahmen die große Tradition von Dirigenten kennenlernen, die in diesem Repertoire zuhause waren, und die des singenden Darstellers mit dieser speziellen Doppelbegabung von Schauspiel und Gesang, die es für Offenbach braucht. Das hat mir viele Schlüssel für ein stilistisches Verständnis geliefert, das auch auf meine Editionspraxis rückwirkt.

Wie geht es derzeit der Offenbach-Rezeption in Frankreich und Deutschland?

Da tut sich wieder einiges. Was mir aber nach wie vor Schmerzen bereitet und nicht spezifisch für Frankreich oder Deutschland ist, ist die Diskographie. Einige kleinere Labels wie CPO geben sich viel Mühe mit Offenbach, aber die großen Labels tun leider gar nichts. Es gibt nur von ganz wenigen Werken echte Referenzaufnahmen, außerdem wird auch in neueren Aufnahmen häufig noch massiv in die Werke eingegriffen. Das gilt gerade für die Texte, bei denen man sich fast immer Kürzungen und Änderungen erlaubt.

Der französische Dirigent und Musikwissenschaftler Jean-Christophe Keck ist dem Werk von Jacques Offenbach seit dreißig Jahren unermüdlich auf der Spur. Er verantwortet die maßgebliche Ausgabe „Offenbach Edition Keck“.

(Foto: Russell Duncan)

Die Sprechtexte werden bei Bühnenproduktionen häufig auch deshalb geändert, weil sich Regisseure schwer damit tun, die politischen Anspielungen Offenbachs für die Gegenwart zu übersetzen.

Würde man deshalb bei Rossini oder bei Mozart so eingreifen? Offenbach schrieb Musik in einer Epoche und für eine Epoche, das ist normal. Er arbeitete mit Librettisten zusammen, die politische Aussagen machen, aber das war nicht sein vordergründiges Ziel. Seine Leidenschaft galt der Musik. Es ging ihm darum, funktionierendes Theater zu schaffen.

Wie tagespolitisch sind denn die Anspielungen, wie allgemeingültig bleiben sie?

Offenbach war kein politisch engagierter Komponist. Das zeigt auch sein Leben. Der Taufpate seines Sohns war der Herzog von Morny, der Halbbruder von Kaiser Napoleon III. Offenbach war also auch sehr nahe an der Macht, an der kaiserlichen Familie. Er betrachtete das Leben als Spiel, aber nicht als aggressives oder brutales. Ich würde ihn einen Opportunisten nennen, was ich durchaus nicht negativ meine. Das gilt für sein Verhältnis zur Politik, aber etwa auch zur Religion. Offenbach stammte aus einer jüdischen Familie, aber weil er in Paris eine katholische Frau heiraten wollte, konvertierte er. Das war kein Problem für ihn, auch nicht für seine Familie. Wir haben keine Spuren, dass es deshalb Streit zwischen ihm und seinem Vater gegeben hätte.

Dennoch spottet Offenbach oft über Napoleon III., etwa mit der Figur des Jupiter in "Orpheus in der Unterwelt".

Natürlich gibt es diese Anspielungen, aber sie sind dazu da, die Leute zum Lachen zu bringen, nicht um anzugreifen. Oft ändern Dramaturgen heute die Texte, um Dinge verständlicher zu machen. Dabei funktionieren die originalen Texte noch immer sehr gut, wie aktuell Laurent Pellys Inszenierung von "Barbe-Bleue" ("Blaubart") an der Oper in Lyon zeigt, in der nichts geändert wurde. Auch die Neuproduktion von "Le Roi Carotte" ("König Karotte") im vergangenen Herbst in Hannover ist mit den Originaltexten ausgekommen, die nur gekürzt wurden. Sie stammen immerhin von Victorien Sardou, Offenbach hat mit einigen der besten Dichter seiner Zeit zusammengearbeitet. Seien wir also ein bisschen bescheiden und lassen zuerst die großen Dramaturgen der Epoche sprechen, die mit einem enormen Können absolut hinreißende und außergewöhnliche Dinge tun.

Es gibt 140 Bühnenwerke von Offenbach, der damit der produktivste Theaterkomponist des 19. Jahrhunderts sein dürfte. Was harrt noch der Entdeckung?

An "Les Bergers" ("Die Schäfer") zum Beispiel ließe sich zeigen, wie brillant Offenbach als Komponist war. Das Stück ist geradezu eine Demonstration seines Könnens, weil Offenbach die drei Akte bewusst in verschiedenen Stilen komponiert hat: den ersten als Opera seria, den zweiten im Stil des 18. Jahrhunderts und den dritten als Opéra-bouffe. Häufig übersehen werden auch seine Beiträge zum Ballett, "Le Papillon" zum Beispiel wäre hier ein wichtiges Stück. Echte Urtext-Ausgaben braucht es noch für viele Stücke aus der letzten Periode seines Lebens wie "Madame Favart", "Maître Péronilla" oder "Madame L'Archiduc". Es gibt also noch viel Arbeit. Unsere Arbeit als Herausgeber der Noten besteht darin, eine Grundlage zu schaffen für die nachhaltige Beschäftigung mit diesem Komponisten, dessen Potenzial alles andere als erschöpft ist. Je mehr Werke wieder zur Verfügung stehen, umso besser das Fundament für einen Blick auf Offenbach, der von Rezeptionsklischees, Ressentiments und Vorurteilen befreit ist.