Favoriten der Woche:Die Karikaturen schlagen zurück

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(Foto: Özgürüz Press)

Erdoğans Leben als Comic, James Bennings Frühwerk, Musik von Christin Nichols, ein neues Pronomen in Frankreich und das Musikfestival "Ultraschall".

Von SZ-Autoren

Recep Tayyip Erdoğans Leben als Comic: Bis zum Gipfel der Macht

Es beginnt mit der Geschichte eines geschundenen Kindes. Eines kleinen Jungen, der in Armut aufwächst und vom Vater verprügelt wird. Eines Jungen, der heimlich Fußball spielt, manchmal Maulbeeren vom Nachbarn klaut oder an warmen Sommertagen vorbeifliegenden Flugzeugen hinterher träumt. Es ist ein Stoff, aus dem Heldengeschichten geschnitzt werden, der Weg von ganz unten nach ganz oben. Doch dies ist kein Heldenepos, sondern die Geschichte vom Aufstieg des mächtigsten Mannes der Türkei: Recep Tayyip Erdoğan. Can Dündar ist wohl einer seiner prominentesten Kontrahenten hierzulande. Der im Exil lebende Journalist hat sich einen Kniff überlegt und legt mit dem Buch "Erdoğan" (erschienen bei Özgürüz Press) eine Graphic-Novel-Biografie des türkischen Staatsoberhaupts vor. Erdoğan sei kein Freund von Karikaturen, wie es im Vorwort heißt. Einen Karikaturisten, der ihn als Katze dargestellt hatte, habe er vor Gericht gebracht. "Dieses Buch soll die Antwort der Karikatur an ihn sein", so Dündar im Vorwort. In Zusammenarbeit mit dem ägyptischen Karikaturisten Mohamed Anwar, der ebenfalls im Exil in Berlin lebt, zeichnen sie in Bild und Wort Erdoğans mühsames Erklimmen des Machtgipfels nach. Es sind markante Schwarz-Weiß-Zeichnungen, großflächig, im ständigen Spiel mit Schatten und Licht und doch nur im weitesten Sinne eine Karikatur. Anwar und Dündar haben jahrelang recherchiert, Bilder und Dokumente durchforstet, sie sind streng journalistisch und faktenbasiert vorgegangen. Und ihr Comic ist ihnen auf eindrückliche und zugleich zugängliche Art gelungen. Mit unermüdlichem Einsatz windet sich der junge Erdoğan aus seinem vorgezeichneten Weg, entdeckt den Islam und die Politik für sich. Beides zusammen wird sein Machtkalkül in einem Land, das vom Laizismus durchzogen ist. Aus dem kleinen Jungen wird ein verbissener und kompromissloser Kämpfer, der unbedingt nach oben will, egal wie oft er fällt, stets wissend, wer ihm gerade nützt, um voranzukommen. Es ist auch die Geschichte des politischen Islams im Nahen Osten, der lange vom Westen instrumentalisiert wurde und dann seine autonome und antidemokratische Kraft entfaltet. Dündar und Anwar greifen diese Ebenen auf und zeigen am Beispiel Erdoğans nicht, wie Helden gemacht werden, sondern Autokraten. Eileen Kelpe

Singende Schauspielerin: Christin Nichols

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(Foto: Freudenhaus/Rough Trade)

Kulturphänomenologisch streng genommen ist Christin Nichols eine singende Schauspielerin wie Zooey Deschanel oder Marilyn Monroe. Wobei man auch sagen könnte: Wer "I'm Fine" hört, das erste Soloalbum der Berlinerin, merkt ihr die Bühnen- und Filmerfahrung bei jeder Songwendung an. Als Teil des Duos Prada Meinhoff hatte sie direkt auf die nervös tanzenden Discoschuhe gezielt. In ihrer neuen Inkarnation pflegt Nichols nun einen Elektropop, der Coolness und Süße, schrofftaktigen Post-Punk und ätherische Wolkenspiele auf eine Art verbindet, die so widersprüchlich und seltsam logisch wirkt wie eine komplexe Filmrolle. Neben vielen großen Melodien und Sounds gibt es mit "Today I Choose Violence" auch noch eine gallige Breitseite gegen das Medienpatriarchat. Eine leuchtende Empfehlung. Joachim Hentschel

James-Benning-Filme auf DVD

Favoriten der Woche: Willem Dafoe in "O Panama"

Willem Dafoe in "O Panama"

(Foto: Edition Filmmuseum)

Das Österreichische Filmmuseum setzt seine Reihe der James-Benning-DVDs fort mit dem frühen "Grand Opera", 1979. Benning, berühmt durch seine Elegien landschaftlicher Leere, zeigt uns hier, wo er herkommt, leibhaftig, er filmt all die Häuser, wo er bislang wohnte, von Milwaukee, 1942, bis Del Mar in Kalifornien, 1978, und filmisch, indem er vier Experimentalfilmkumpel vor seine Kamera holt, Hollis Frampton und George Landow, Michael Snow und Yvonne Rainer. Alles wird hier grandiose Oper, eigene Erinnerungen, amerikanische Soap, mit Liebe und Fehlgeburt, die Gleichmut der Tiefpumpen, die Tragikomödie des William Shanks, der die Zahl π auf 707 Stellen berechnete, aber bei der 527. patzte. Und - Suspense bei Benning! - die Sprengung eines Hauses, die die Stadt in einen Staubpilz hüllt. Außerdem auf der DVD: "O Panama", 1985, ein junger Mann allein in New Yorker Eisigkeit, in einer Art psychischem Lockdown, ihn spielt Willem Dafoe (unser Bild). Fritz Göttler

Gendern auf Französisch: C'est compliqué

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(Foto: Dictionnaires Le Robert)

Wer sich beklagt, Gendern sei kompliziert, soll es mal auf Französisch versuchen. Da reicht es nicht, ein "*innen" anzuhängen. Nein, aus électeurs (Wähler) wird, wenn Männer und Frauen angesprochen werden, électeur.ice.s, ein Mischwort aus électeurs und électrices. Jetzt hat der Wörterbuch-Verlag "Le Robert" ein nicht-binäres Personalpronomen in die Online-Ausgabe aufgenommen. Es heißt iel und setzt sich aus il und elle (er und sie) zusammen. Transgenderaktivisten sind erfreut, konservative Politiker weniger. Eine allgemeingültige Lösung ist das Pronomen jedoch nicht: Im Französischen werden auch Adjektive angeglichen - "schön" heißt belle oder beau, je nach Geschlecht. Und wenn être Hilfsverb ist, muss auch das Partizip Perfekt angepasst werden. Elle est allée, sie ist gegangen, oder il est allé, er ist gegangen. Nun müssten also noch geschlechtsneutrale Verben und Adjektive gefunden werden. Bleibt viel zu tun. Sophie Schröder

Sergej Newskis Kompositionen bei Ultraschall

Favoriten der Woche: Eröffnungskonzert des Ultraschall-Festivals.

Eröffnungskonzert des Ultraschall-Festivals.

(Foto: Simon Detel/rbb)

Der Russe, ein Komponist aus Moskau, der in Berlin lebt, will ausbrechen - raus aus der Kunstblase, die Kluft von Musik und Umwelt einfach aufgeben. Was Sergej Newski, 48, komponiert hat, erblickt gerade beim Berliner Festival Ultraschall das Licht der Welt. Nun liegt das Reich des Ultraschalls, weiß Wikipedia, leider "oberhalb des Hörfrequenzbereichs". Und genau dort arbeiten ja die Avantgardisten der Gegenwartsmusik an ihren verwegenen Ideen und Formaten, außerhalb des Wohlklangbereichs, vulgo: Mozart, Beethoven, Brahms. Ultraschall wird gleich von zwei Medienanstalten organisiert: Deutschlandfunk Kultur und Rundfunk Berlin-Brandenburg. Und es kann sich hören lassen, was die Erfinder des musikalisch Neuen sich ausgedacht haben und live über die Sender schicken.

Manchmal lassen schon die Titel der Stücke aufhorchen. Der Ungar Zsolt Sörés versteht sich als "Ghost Sonic Ontologist" und nennt sein Ensemblestück, zwischen Performance und Konzeptkunst, schlicht "Astro-Noetic Chiasm". Die Chinesin Yiran Zhao strebt gehörig nach "physischer Bewegung", redet von "Lichtchoreographie" und komponierte "Fluctuation". Der Amerikaner George Lewis fokussiert sein Nachdenken, für sechs Stimmen und Live-Elektronik, auf den ersten afrodeutschen Philosophen Anton Wilhelm Amo, der in Halle und Jena lehrte und 1759 starb. Immanuel Kant hätte ihm, sein Außenweltbild erweiternd, begegnen können. Das spektakuläre Sextett der Neuen Vocalsolisten aus Stuttgart sang danach Sergej Newskis auf Briefen basierende Dokumentaroper "Die Einfachen". So nannte sich in den 1920er-Jahren, im nachrevolutionären Leningrad, die queere Subkultur aus Arbeitern, Angestellten und Studenten - "Hommage an eine faszinierende Generation, die unter extremen Herausforderungen ihrer Zeit versucht, ihre Würde zu bewahren". Kunstmusik, Umwelt, Historie im Festival, Ultraschall dauert noch bis Sonntag, das Berliner Szenario der lebenden Komponisten gibt sich unerschrocken, in Präsenzform kampfbetont. Den Vogel schießt, allerdings digital, Stuttgart ab, dort gelangen in der ersten Februarwoche 46 Komponisten an sechs Tagen, in hybrider Form, mit ihrer Musik an die Öffentlichkeit, das Festival nennt sich: Eclat. Wolfgang Schreiber

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