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Musik:E ist U und U ist E

2 Cellos PR Material

„2Cellos“ nennt sich das Duo Luka Šulić (links) und Stjepan Hauser aus Kroatien.

(Foto: privat)

Die Cellisten Stjepan Hauser und Luka Šulić kannten vom Pop kaum mehr als Michael Jackson. Dann wurden sie zu Rockstars. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Karriere.

Von Peter Münch

Lichtblitze zucken durch den Saal, und vorn auf der Bühne tobt das Inferno. Gerade noch hat Stjepan Hauser im Duck Walk von Angus Young die Rampe gerockt, nun robbt er rücklings über die Bretter, das Cello nach oben gereckt. Auch Luka Šulić, den sonst so Ruhigen, Bedächtigen, Konzentrierten, hält es schon längst nicht mehr auf seinem Hocker, er führt den Bogen im wilden Tanz. "Highway to Hell" von AC/DC ist in der Wiener Stadthalle der Höhepunkt des Konzerts. Mehr Ekstase geht nicht, und auch kaum mehr artistische Virtuosität.

Stjepan Hauser, 31, und Luka Šulić, 30, sind zwei exzellente Cellisten mit klassischer Ausbildung, höchsten Ehren, tollsten Preisen. Als "2Cellos" aber haben die beiden Kroaten ihre Klassik-Karriere hinter sich gelassen und touren als Rockstars um die Welt. Wenn das Staunen auslöst oder manchmal auch Befremden, dann ist ihnen das rockstarmäßig ziemlich egal. Sie genießen die neue Rolle. "Großartig ist das, eine total andere Welt, eine Erlösung", findet Hauser. "Keiner sagt dir, wie du zu spielen oder wie du dich zu benehmen hast." Ach ja, jubelnde junge Frauen vorn vor der Bühne findet er auch nicht schlecht. Und Šulić, der Backstage neben ihm auf dem Sofa sitzt, genießt es, "total frei" zu sein und "nur unserem Publikum gegenüber verantwortlich".

Elton John war voll des Lobes und nahm die zwei Cellisten mit auf Tournee

Dieses Publikum füllt mittlerweile überall die größten Hallen: in den USA, in Japan, Australien oder Europa. Auf Wien folgen Konzerte in London und Amsterdam, am 1. Dezember spielen die 2Cellos in Köln, tags darauf in Berlin. Im Repertoire haben sie die Klassiker der Rock- und Pop-Geschichte, von den Rolling Stones über Sting bis zu U2 und Coldplay. Einer spielt auf dem Cello den Part der Rhythmusgitarre, der andere streicht die Melodie. Beide schonen sie ihre Bögen nicht - und zeigen, was alles möglich ist auf dem Cello, das so tief spielen kann wie ein Bass und so hoch wie die Geige. "Es ist ein total komplettes Instrument, mehr als jedes andere", sagt Hauser. Das muss Liebe sein.

Wie es so weit, also genau dazu kommen konnte, ist eine Geschichte voller Zufälle, die vor 15 Jahren an der Musikhochschule in Zagreb begann. Šulić war damals mit 15 Jahren der jüngste Student in der Geschichte der Akademie, Hauser bei allem sein schärfster Konkurrent. "Rivalen waren wir", sagt Šulić, und Hauser nickt. Der eine zog zum Studieren weiter nach Wien, der andere nach England. Hauser arbeitete noch mit dem 2007 verstorbenen Mstislaw Rostropowitsch zusammen. Šulić bewährte sich in zahlreichen Wettbewerben. Konzerterfahrung sammelten sie als Klassik-Jungstars im Wiener Musikverein oder im Amsterdamer Concertgebouw.

2011 trafen sie sich in London wieder und beschlossen, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Das Problem: Das klassische Repertoire für zwei Solo-Cellisten ist begrenzt - und viel anderes kannten sie nicht. "Wir sind ziemlich isoliert in der Klassik-Welt aufgewachsen", sagt Luka Šulić. "Michael Jackson war der Einzige, von dem ich am Anfang wusste", räumt Hauser ein.

Michael Jackson sollte es dann auch werden zum Einstieg: "Smooth Criminal" in der Cover-Version für zwei Celli haben sie als Video aufgenommen und ins Internet gestellt. "Das ist dann explodiert, und es gab keinen Weg mehr zurück", sagt Šulić. Unter den mehr als 27 Millionen, die dieses Video bis heute auf Youtube aufgerufen haben, ist auch ein britischer Sir namens Elton John gewesen, der darob sogar seine adelige Zurückhaltung verlor. "They just kicked our ass", bekannte er. "Ich kann mich nicht erinnern, etwas so Aufregendes gesehen zu haben, seitdem ich Jimi Hendrix in den Sechzigern live erlebt habe." Er nahm die 2Cellos mit auf Welttournee. "Da haben wir die Atmosphäre in einer Band kennengelernt und das Spielen in riesigen Hallen", erinnert sich Hauser, "das hat uns sehr geholfen."

Mittlerweile touren die 2Cellos mit eigenem Begleittross, auf der aktuellen Tournee ist neben einem Schlagzeuger ein Streichorchester dabei, die Zagreb Soloists. Mit dem Pianisten Lang Lang und dem Barden Zucchero waren sie schon im Studio, vier Alben haben sie insgesamt aufgenommen, und wenn man fragt, was sie allgemein von diesem Hype um die Crossover-Musik halten, dann sagt Stjepan Hauser: "Meistens ist das nichts, seien wir doch ehrlich. Das sind billige Arrangements ohne künstlerischen Wert."

Natürlich haben sie sich selbst etwas anderes vorgenommen. "Meisterwerke" wollen sie spielen, das "Cello zum Maximum bringen" und "Crossover auf dem höchsten Level" bieten. "Wir wollen einen neuen Sound kreieren", verspricht Hauser. "Wir wollen eine Revolution", sagt Šulić. Vor allem wollen sie die Grenzen zwischen den Genres, zwischen U- und E-Musik sprengen. "Es gibt gute und schlechte Klassik, so wie es gute und schlechte Rockmusik gibt", lautet ihr Credo.

Der Erfolg gibt ihnen die Freiheit, nur die guten Stücke zu spielen, aus allen Bereichen. Vor einem Monat, bevor es auf die Rockstar-Tournee ging, hat Stjepan Hauser in Zagreb noch ein klassisches Solokonzert gespielt. "Da waren aber auch Special Guests dabei, fast so wie bei André Rieu", sagt er und lacht vorsichtshalber, damit dann doch niemand auf die Idee kommt, diesen Vergleich allzu ernst zu nehmen.

Auf Tour sind sie nun mit dem neuen Album "Score", auf dem sie Filmmusik spielen, natürlich aus den Klassikern von "Game of Thrones" über "Titanic" bis zu "Doktor Schiwago". Im Vergleich zu den Rock-Nummern ist das oft ruhig, romantisch und gern auch mal kitschig. Das Publikum darf die Feuerzeuge zücken oder neuzeitlicher das beleuchtete Handy. Doch natürlich ist Stjepan Hauser und Luka Šulić klar, worauf die Zuschauer wirklich warten. Ungefähr in der Mitte des Konzert nimmt Hauser das Mikrofon: "Ich habe eine gute Nachricht für euch", sagt er. "Es gibt nur noch ein langsames Stück. Danke, dass ihr dageblieben seid." Sie wissen, dass danach sowieso keiner mehr gehen will.

© SZ vom 29.11.2017
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