Musik-Doku "Mistaken for Strangers" Selfie-Heilung des eingeschnappten kleinen Bruders

Tom Berninger ist hauptberuflich Stubenhocker, bevor er seinen großen Bruder, Sänger der Indie-Band The National, porträtiert. Herauskommt mit "Mistaken for Strangers" kein klassischer Rockstarfilm, dafür aber eine schräge Form der Familientherapie.

Von David Steinitz

Tragen Rockstars auf der Bühne ihren Personalausweis bei sich? Dieser und weiteren Fragen zur endgültigen Entmystifizierung des Rock-'n'-Roll-Mythos geht Tom Berninger in seiner Doku "Mistaken for Strangers" nach.

Der Film ist sein Kinodebüt, zuvor hat Berninger skurrile Horrorkurzfilme im heimischen Garten gedreht - denn hauptberuflich war er in erster Linie: Stubenhocker und kleiner Bruder. Sein großer Bruder Matt ist Sänger der Indie-Band The National, die unter all den melancholischen Gitarren-Schrummelgruppen, die in den letzten anderthalb Jahrzehnten im Windschatten von Coldplay gediehen sind, definitiv zu den besten gehört. Ihre Konzerte sind, nicht zuletzt aufgrund des exzessiven Weingenusses ihres Leadsängers, ziemlich wilde Pop-Feste. Wie aber geht man als jüngerer Bruder mit dem Erfolg des älteren um, wenn man es mit Anfang dreißig selbst noch nicht einmal geschafft hat, daheim auszuziehen? Die Lösung in der Familie Berninger lautet: Selfie-Filmtherapie.

Doku-Projekt mit Digitalkamera

2010, zur Tour ihres Albums "High Violet", das der Band ihren großen Durchbruch bescherte, lud Matt Brüderchen Tom ein, die Band als Roadie zu begleiten. Doch Tom wollte weder das Catering bestücken noch Mikrofonkabel tragen. Stattdessen packte er seine kleine Digitalkamera aus und begann sein Doku-Projekt, dass er nun, vier Jahre später, fertiggestellt hat.

Kurzkritiken zu den Kinostarts der Woche

Horror-Stories und Mitternachtsorgien

Zunächst gab Tom sich noch große Mühe, allen Klischees eines anständigen Rockband-Films gerecht zu werden - was er aber enttäuscht aufgab, als er feststellte, dass im Backstage-Raum von The National weder gekokst noch gevögelt wird. Weshalb "Mistaken for Stangers", benannt nach einem The-National-Song, nun ein sehr tragikomischer Brüderfilm geworden ist. Darüber zum Beispiel, dass die Fünfmanntruppe neben Sänger Matt ausgerechnet aus zwei Brüderpaaren besteht, und Roadie-Bruder Tom sich dadurch besonders stiefmütterlich behandelt vorkommt.

Aus dieser Perspektive des eingeschnappten kleinen Bruders gelingt ihm eine dermaßen anti-ehrfürchtige Annäherung an die Band, dass es inmitten der widerspruchslosen Selbstbeweihräucherung, zu der viele Band-Dokus mittlerweile tendieren, eine große Freude ist.

Langweilige Rockjournalisten-Fragen

Während die cool distanzierten Rockjournalisten von Stadt zu Stadt immer wieder die gleichen, langweiligen Rockjournalisten-Fragen stellen - was Berninger, selber ganz gelangweilt, auch ein paar Mal zeigt -, will er lieber wissen, ob die Jungs ihren Personalausweis bei sich tragen, wenn sie vor 6000 kreischenden Fans spielen (ja, ganz normal, in der Brieftasche). Oder warum sie eigentlich diese weinerliche Mädchen-Musik spielen müssen, wenn sie doch auch herrlichen Metal aus ihren Gitarren prügeln könnten. Rücksicht nimmt er bei diesen Verhören und Beobachtungen vom Bühnenrand aus weder auf die Band noch auf sich selbst - zum Schluss rennt er mit seiner Kamera sogar zu Mama und Papa, um den Bruderkonflikt noch mal aus elterlicher Sicht aufzuarbeiten.

Auch wenn aus diesem stoisch durchgezogenen Selfie-Projekt vor allem wegen des berühmten Bruders ein Kinofilm wurde, ist "Mistaken For Strangers" gerade durch die Wurstigkeit, mit der er gemacht worden ist, auch ein Musterbeispiel für das, was uns im Kino künftig wohl noch häufiger begegnen wird. Denn all die Selbstauswertungskünstler, die nur ihr Ich in den Mittelpunkt ihres Schaffens stellen - so wie es ihnen durch ihre Smartphones beigebracht wurde, die den Subjektivismus zur Leitkultur erklären -, wird man auch ohne Star-Bruder nicht dauerhaft vom Vertrieb ihrer privaten Bildproduktion abhalten können.

Mistaken for Strangers, USA 2013 - Regie, Kamera: Tom Berninger. Schnitt: Carin Besser, Tom Berninger. Mit: Matt Berninger, Tom Berninger. Verleih: Neue Visionen, 75 Minuten.