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Musical:Bipolare Gesangsstörung

Renaissance-Theater Berlin 'FAST NORMAL'

Guntbert Warns und Katharine Mehrling in "Next to Normal".

(Foto: Barbara Braun)

"Next To Normal" im Deutschen Theater

Von MICHAEL STALLKNECHT

Fröhlich verkündet Mutti, sie werde gleich Sex mit Papa haben, am Morgen schmiert sie die Frühstücksbrote auf dem Fußboden. "Fast normal" eben nur ist diese Familie - oder, wie der Originaltitel des nun am Deutschen Theater gezeigten Musicals heißt: "Next To Normal". Die Tochter spielt Klavier und lernt vom Freund das Kiffen, der Vater liebt seine Frau und schleppt sie von einem Psychiater zum nächsten. Bei Diana Goodman wurde vor 16 Jahren eine bipolare Störung diagnostiziert, doch weder Pillen noch eine rüde Elektroschocktherapie können sie heilen. Sie muss erst die verdrängte Trauer um ihren Sohn aufarbeiten, bevor es am Ende doch noch heißen kann: "Es gibt ein Licht".

Das ist gut freudianisch gedacht und erinnert an amerikanische Psychodramatik à la Eugene O'Neill oder Tennessee Williams. Am Broadway hat das von Brian Yorkey getextete Stück neben mehreren Tony Awards den selten an Musicals verliehenen Pulitzer-Preis gewonnen. Es ist innerhalb der Gattung so ungewöhnlich wie mutig, wenn Songtitel "Mein Arzt, die Psychopharmaka und ich" heißen oder die Schocktherapie auch musikalisch "electric" ausfällt. Doch der Part der fünfköpfigen Band, den Komponist Tom Kitt in für das Genre ebenfalls avancierter Form auch den Sprechtexten unterlegt, bleibt oft Hintergrundgeblubber.

Vielleicht rührt der Eindruck auch daher, dass Guntbert Warns als Vater kaum über Gesangsqualitäten verfügt, während Sophia Euskirchen als Tochter darstellerisch eindimensional bleibt. Und der Inszenierung von Torsten Fischer gelingt es nicht, dem Plot die Ingmar-Bergman-Qualitäten zu entlocken, die im Geheimnis um den verlorenen Sohn liegen könnten (charmant geführte Stimme: Dennis Hupka). So bleibt es bei einem interessanten Ansatz - und einer tatsächlich großartigen Katharine Mehrling als Diana Goodman, die zwischen Zerbrechlichkeit und Überlebensstärke pendelt und die Störfalle nie an psychiatrische Klischees verrät, sondern als integralen Teil eines Charakterporträts zeigt. Fast normal eben.

Next To Normal, bis Sa., 23. Juli, Dt. Theater

© SZ vom 16.07.2016

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