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Musica Viva:Die Stimmungen in einer Stadt

Die Musica Viva in München verweigert sich der klassisch-romantischen Tradition und spannt den weiten Bogen von der eher meditativen Ars Nova bis zu den nervösen Kompositionen der Gegenwart.

Von Michael Stallknecht

Die Bürgersaalkirche in der Münchner Fußgängerzone ist an diesem Abend fast komplett verdunkelt, und auch die Klänge sind durchaus erst einmal karg. Auf nur einer Geige und einem Kontrabass spielen Helge Slaatto und Frank Reinecke Bearbeitungen von Vokalmusik des vierzehnten Jahrhunderts, kurze, dennoch in sich perfekt geformte Stücke von Philippe de Vitry und Guillaume de Machaut.

Solche Late-Night-Formate haben sich in München fast schon als fester Bestandteil der Musica Viva etabliert. Sie bilden den stärker sensualistischen, auf eine gute Weise esoterischen Kontrapunkt zu dem meist am Abend zuvor im immer etwas überhellen, ansonsten atmosphäre-armen Herkulessaal stattfindenden Konzert. Passend zum umgebenden Kirchenraum spielt das Duo Slaatto Reinecke die Musik der sogenannten Ars Nova in der damals üblichen pythagoreischen Stimmung, die als Abbild göttlicher Ordnung galt.

Auf einem paradoxen Umweg wird das Stück so doch noch zum klassischen Virtuosenkonzert

Im Gegensatz zur der aus Klassik und Romantik vertrauten wohltemperierten Stimmung auf reinen Quinten beruhend, wird sie in den letzten beiden Stunden des langen Abends tatsächlich zu etwas wie einer körperlichen Erfahrung von Reinheit. Das Ohr wird durchgeputzt, der Geist frei. Kein Wunder also, dass auch Gegenwartskomponisten immer wieder nach solchen anderen Stimmungen suchen, wenn sie die Ohren neu sensibilisieren wollen.

Slaatto und Reinecke beweisen es in ihrem Konzert unter anderem mit einem Stück des 1953 geborenen Komponisten Wolfgang von Schweinitz, der nicht mit der pythagoreischen, aber mit der sogenannten reinen, auf den Obertönen beruhenden Stimmung arbeitet, die in der frühen Neuzeit aufkam. Seine "Plainsound Study No. 1" ergeht sich in langen meditativen Linien. Jeder Zusammenklang zwischen dem höchsten und dem tiefsten gebräuchlichen Streichinstrument wird hier zu einer bewussten Hörerfahrung.

Schon für den 2006 verstorbenen Komponisten György Ligeti war der Rückgriff auf epochengeschichtlich frühere, aber auch auf außereuropäische Musikformen ein Weg, um der simplen Fortsetzung der klassisch-romantischen Tradition entgehen zu können. Ein Hoquetus genanntes mittelalterliches Formmodell klingt da zum Beispiel in seinem multistilistisch angelegten Violinkonzert an, das zuvor beim Konzert im Herkulessaal mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks erklungen war.

Der russische Geiger Ilya Gringolts spielte den Solopart mit bestechender Präzision in schnellen Passagen, vor allem aber mit einem sehr besonderen, weil überaus schlanken, aber dennoch enorm dichten Ton. Damit erreicht er auch an leisen Stellen eine Präsenz, mit der er die in diesem Stück teilweise sehr solistisch agierenden Orchestermusiker auszustechen vermag. Auf einem seltsam paradoxen Umweg wird das Stück so doch noch zum klassischen Virtuosenkonzert, das Ligeti laut einer im Programmheft nachzulesenden Selbstaussage durchaus auch hat schreiben wollen. Nur geschieht dies eben mit Gegenwartsmitteln wie zum Beispiel einer mikrointervallischen Beugung einzelner Töne, die von der wohltemperierten Stimmung abweicht.

In dieser Großstadtsymphonie assoziiert man Motoren, Hupen und sanfte Melodiefetzen

Solche Abweichungen sind so fest in die DNA der Neuen Musik übergegangen, dass auch die beiden Uraufführungen des Abends sie ganz selbstverständlich verwenden. Für sein neues Werk "Der goldene Steig" greift der Komponist Nikolaus Brass auf einen Textausschnitt aus einem Roman von Peter Kurzeck zurück, in dem der Vater des Ich-Erzählers auf der Suche nach Arbeit und Brot durch Böhmen wandert.

Entgegen der Geschlechtererwartung hat ihn Brass der Vokalartistin Sarah Maria Sun anvertraut, die hier vom Sprechen über geräuschhafte Laute bis zur Gesangslinie wieder einmal die ganze Bandbreite ihres Könnens zeigen kann. Dass man den Text aufgrund einer schlecht ausgesteuerten Verstärkung der Solistin im Herkulessaal nicht versteht, ist dann allerdings peinlich.

Dem Komponisten war er ja immerhin so wichtig, dass er die Gesangslinie zuerst vertonte, bevor er den Orchestersatz schrieb. Genau das aber wäre auch ohne die hier misslungene Verstärkung ein Problem des Stücks geblieben. Die Komposition hoppelt dem Text nur hinterher, gewinnt keine formale Eigenständigkeit.

Wie man eine Form in musikalische Bausteine meißelt, bewies dagegen Milica Djordjević mit ihrem Stück "Quicksilver". Dabei klingt das wie jedes Stück im Herkulessaal von Peter Rundel dirigierte Werk zu Beginn wie viele Orchesterwerke der Neuen Musik, wenn Djordjević glissandierende oder geräuschhafte Streicherklänge mit ein paar heftigen Akzenten aufmischt.

Doch die Akzente steigern sich mit einem Sinn für Dramaturgie bis zu einer heftig perkussiven Entladung, die Djordjević noch einmal in eine Reminiszenz an den leisen Anfang zurücknimmt, bevor eine weitere Steigerung die wirkungsstarke Schlussexplosion herbeiführt. In München wurde die 1984 in Belgrad geborene Komponistin in diesem Jahr bereits mit einem Förderpreis der Ernst von Siemens Musikstiftung ausgezeichnet. Ihr neues Stück ist nicht nur mustergültig klar instrumentiert, es besitzt auch eine ganz eigene Atmosphäre. In der Partitur finden sich immer wieder Anweisungen wie "hektisch", "roh", "hysterisch". Gehört wirkt es wie eine Großstadtsymphonie, man assoziiert gedämpft rauschende Motoren, dazu Hupen und herüberwehende Melodiefetzen. Es entsteht eine nervös sirrende, diffus erregte, manchmal auch untergründig bedrohliche Stimmung, die das perfekte Gegenstück zur meditativen Klarheit am Ende des Abends in der Bürgersaalkirche ist.

© SZ vom 19.12.2016
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