Museumsstreit Goldschatz sucht Besitzer

Ein Exponat der Krim-Ausstellung im Allard Pierson Museum.

(Foto: AFP)

Der Streit um Museumsleihgaben der annektierten Krim nimmt kein Ende. Nachdem die Russen die Halbinsel besetzt haben, weiß ein Amsterdamer Museum nicht mehr, wem es die geliehenen Exponate zurückgeben soll.

Von Tim Neshitov

Ginge es nicht um Gold, sondern zum Beispiel um Holzschnitzerei oder um Birkenbastschuhe oder ähnliche Artefakte eines Heimatkundemuseums, würden Zeitgenossen wie Alexander Sachartschenko vermutlich einfach schweigen. Aber Gold ist Gold, und Sachartschenko ist ein leicht erregbarer Mensch. Er ist Chef der separatistischen Donezker Volksrepublik im Osten der Ukraine und schlägt etwas ganz einfaches vor: Er und seine Männer nehmen demnächst Kiew ein und sichern die Goldschätze, Punkt, Problem gelöst.

Das Problem, um das es geht, entstand im Frühjahr 2014, als Russland die Krim annektierte. Diese Halbinsel im Schwarzen Meer wurde schon öfter annektiert, die Museen auf der Krim haben reiche Sammlungen, um all diese zivilisatorischen Einflüsse zu dokumentieren. Im 7. Jahrhundert vor Christus kamen die Griechen, es waren schon die Skythen da, die Goten, die Hunnen; auf der Krim kreuzten sich wichtige Wege zwischen Asien und Europa. Im Herbst 2013, noch vor der jüngsten Annexion durch Russland, trugen vier Museen auf der Krim eine gemeinsame Ausstellung zusammen, die dann von Februar 2014 an im Amsterdamer Allard Pierson Museum gezeigt wurde: "Gold und Geheimnisse des Schwarzen Meeres". Schwertscheiden, Halsketten, Helme, Edelsteine, chinesische Lackdosen, die über die Seidenstraße auf die Krim gelangten. Ein fünftes ukrainisches Museum, eins aus der Hauptstadt Kiew, beteiligte sich ebenfalls.

Als der Leihvertrag auslief, gehörte die Krim bereits Russland, und das Allard Pierson Museum wusste nicht, wohin mit den Goldschätzen. Zurück auf die Krim schicken? Oder zurückgeben an den Staat, dem die 565 Artefakte zu Beginn der Ausstellung gehörten, also an die Ukraine?

Die vorsichtigen Holländer delegierten die Entscheidung an ein Amsterdamer Gericht, das vergangene Woche urteilte: Die Schätze (Versicherungswert: 1,4 Millionen Euro) sollen nicht auf die Krim, sondern in die Ukraine zurück, nach Kiew. Die vier Museen von der Krim, denen nun wesentliche Teile ihrer Bestände fehlen, gehen erwartungsgemäß in Berufung, sodass ein endgültiges Urteil erst in einigen Jahren feststehen könnte. Alexander Sachartschenkos Pläne, Kiew einzunehmen, sind also voreilig, denn die Sammlung bleibt erst mal in Amsterdam, wofür der finanziell nicht gerade aufblühende ukrainische Staat übrigens schon mal 111 000 Euro Aufbewahrungsgebühren zu zahlen hat. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko feiert das Amsterdamer Urteil trotzdem als großen Sieg. "Auch die Krim ist ukrainisch", schrieb er auf Facebook. "Die Krim gehört uns und Punkt."

Nach dieser Punkt-Logik müsste die Ukraine allerdings von Moskau alle Kunstwerke zurückverlangen, die nach der Annexion der Krim an Russland fielen. Zum Beispiel die Aiwasowski-Gemälde, die nun in Moskau gezeigt werden. Und auch alle Birkenbastschuhe aus allen Heimatkundemuseen. Poroschenko geht es aber weniger um Kunst, Archäologie und so weiter, es geht ihm um einen symbolischen und sehr politischen Sieg. Die Frage, welches Publikum das Skythengold zu sehen bekommt, hängt also direkt von der Frage ab: Wem gehört die Krim? Die Tatsache, dass die Museen auf der Krim wenig dafür können, wem die Halbinsel gehört, fällt unter den Tisch.

Dabei ist das Urteil aus Amsterdam weniger politisch, als es zuerst erscheint. Die holländischen Richter lassen nämlich die Frage nach dem endgültigen Besitz der Exponate offen. Darüber solle ein ukrainisches Gericht urteilen. Das Urteil regelt lediglich die Rückkehr in die Ukraine. Auffällig laut hört sich in diesen Tagen das Schweigen des Internationalen Museumsrats Icom an. Dieses Gremium hätte eine Plattform sein können, um den Streit um das Skythengold außergerichtlich beizulegen. Museumsleute aus verfeindeten Staaten verstehen sich meistens besser als Politiker. Aber von Icom gibt es bis jetzt nicht einmal eine Stellungnahme.

Für russische Verhältnisse ist wiederum auffällig, wie unmissverständlich sich Jelena Gagarina hinter die Entscheidung der holländischen Richter gestellt hat. Gagarina ist die Generaldirektorin der Moskauer Kreml-Museen, ihr Büro liegt nicht weit entfernt von Wladimir Putins Amtssitz. Sie finde das Urteil "durchaus begründet", sagte Gagarina. "Es ist sehr wichtig zu verstehen, dass alle Museumsbestände einem Staat gehören und nicht einem Museum oder einer anderen Kultureinrichtung." Auch die Kremlmuseen hielten sich bei internationalen Ausstellungen an Garantieverträge zwischen dem russischen und dem empfangenden Staat. Jelena Gagarinas Worte haben Gewicht. Ihr Vater war der erste Kosmonaut Juri Gagarin.