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Museumskultur:Blick ins Herz der Finsternis

'Afrika'-Schau öffnet im Leipziger Grassi-Museum

Der Mensch als Objekt? Eine Museumsbesucherin betrachtet eine Figur mit traditioneller afrikanischer Tanztracht.

(Foto: Peter Endig/dpa)

Die Kuratorin Clémentine Deliss kritisiert in ihrem neuen Buch den Umgang der ethnologischen Museen mit ihrem kolonialen Erbe und skizziert ihre eigenen Ideen für eine zeitgemäßere Ausstellungskultur.

Von Jörg Häntzschel

Im Jahr 2010 wurde die Ethnologin und Kuratorin Clémentine Deliss zur Direktorin des Frankfurter Völkerkundemuseums ernannt, 2015 wurde ihr wegen einer Lappalie fristlos gekündigt. (Ein Gericht erklärte die Kündigung später für nichtig.) In Wahrheit wollte man sie aber ohnehin aus anderen Gründen loswerden. Mit den Ideen für das Haus, das sie in "Weltkulturenmuseum" umbenannte, brachte die 1960 in London geborene Deliss die alteingesessenen Mitarbeiter gegen sich auf. Es war Deliss' Pech, dass sie ein paar Jahre zu früh nach Frankfurt kam. Heute würde man sie wohl feiern statt sie zu verjagen.

Die Kontroversen um das Humboldt-Forum und der Bericht von Bénédicte Savoy und Felwine Sarr für Emmanuel Macron haben den ethnologischen Museen in den letzten drei Jahren mehr Aufmerksamkeit eingebracht, als sie in den Jahrzehnten zuvor hatten. Überall in Europa wird über das Erbe des Kolonialismus nachgedacht. Und mit Black Lives Matter und den Forderungen nach mehr gesellschaftlicher Diversität bekommt die Debatte weiteren Schub.

Kann eine Institution, die Teil der Gewalt war, jemals wieder glaubwürdig sein?

Dass Deliss die Fragen, die heute breit diskutiert werden, schon vor Jahren in Frankfurt stellte, muss für sie eine frustrierende Erfahrung sein. Wohl auch deshalb hat sie nun "The Metabolical Museum" geschrieben, das gleichermaßen ein nachgeliefertes Manifest für ein "post-ethnologisches Museum" ist und der Bericht von ihrem Versuch, es in Frankfurt zu realisieren. Dass das Buch auf Englisch erscheint, ist als Statement zu verstehen: Die Abschottung der deutschen ethnologischen Museen, besonders gegenüber den früheren Kolonisierten, beginnt bei der Sprache.

Savoy, Jürgen Zimmerer und den anderen Kritikern der ehemaligen Kolonialmuseen geht es um Grundsätzliches. Nicht nur um die Objekte aus der Kolonialzeit, sondern auch um die Kolonialzeit selbst. Nicht nur um die Rückgabe an die Nachfahren der Beraubten, sondern um eine bessere, neue Beziehung zu diesen, die durchaus in den Museen beginnen könnte. Vor allem die Politik hielt sich aber an der Restitutionsfrage fest. In den Museen geht es indes meist weiter wie bisher.

Deliss' Einwurf trägt nun hoffentlich dazu bei, den Blick wieder zu weiten. Am Anfang steht für sie die Frage, der die Museen seit Jahrzehnten aus dem Weg zu gehen versuchen: Kann eine Institution, die Komplizin der Gewalt des Kolonialismus war, jemals wieder Glaubwürdigkeit erlangen?

Um es zumindest zu versuchen, holt sie Künstler und Wissenschaftler, die die verstaubten Sammlungen mit Zeitgenossenschaft aufmischen und das Interpretationsmonopol der hauseigenen Experten brechen sollen. Sie lässt "Feldforschung" in den Depots betreiben, die inzwischen zu ebenso exotischen und schwer zugänglichen Orten geworden sind wie Dschungeldörfer. Sie reißt falsche Wände heraus und baut verlogene Kulissen ab, sie zieht das Museum nach und nach aus.

Je länger sie durch das Haus streift, desto ominöser werden ihre Beobachtungen. Erst fallen ihr die Muffigkeit auf, die spärlichen Besucher, die vergreisten Ausstellungen. Dann das Chaos im Depot, die verlorenen Objekte, deren Herkunft und Zweck niemand kennt und niemand je kennen wird. Immer tiefer arbeitet sie sich in die Eingeweide der Institution hinein, bis ins Herz der Finsternis. Ihr geraten Stapel mit Fotos männlicher Geschlechtsorgane in die Hände, die der Gründungsdirektor des Museums Ende des 19. Jahrhunderts in Sumatra aufgenommen hatte, ebenso von weiblichen, die Missionare in den Fünfzigerjahren in Afrika machten. Schockierend, pervers, aber auch nicht viel perverser als die Sammlungen von Knochen und Schädeln, von Bildern Toter, die ebenfalls zu Forschungszwecken gesammelt wurden und bis heute in den Kellern deutscher Institutionen lagern. Während die Museen so taten, als ließe sich der Mensch aus Objekten verstehen, reduzierten sie Menschen zu Objekten, schreibt Deliss.

Den pathologischen Zustand der Museen erklärt sie damit, dass die ethnologische Forschung seit den Sechzigerjahren, seit Lévi-Strauss, ihren Blick weg von den Objekten und hin zur immateriellen Kultur gelenkt habe, zu Oral History, Sprachen, Riten, und dass diese Forschung fast ausschließlich an den Universitäten stattfindet. Die Museen blieben übrig, erdrückt von den Hunderttausenden von Artefakten in ihren Depots, mit denen sich immer weniger anfangen ließ. Was zum Teufel wollen die Museen nur mit dem ganzen "Zeug"?, fragt Deliss immer wieder.

Spöttisch beschreibt sie, wie die Kuratoren mit ihren Lieblingsobjekten, mit Trommeln und Speeren, Thronen und Masken suggestive Exotikwelten inszenieren. Weil die Gegenstände nach der kolonialen Logik keine Urheber haben, erscheint ihr Gebrauch als Spielmaterial für die westliche Imagination legitim. Als Vorbild dient die Szenografie von Kaufhaus und Schaufenster: "Hier kann man sehen, wie andere Menschen schlafen, Essen zubereiten, Kleider tragen, Rituale durchführen". Ein anderer Trick, dem schwindenden Interesse für die Objekte entgegenzuwirken, stammt ebenfalls aus der Methodik des Verkaufes: Man enthebt sie Geschichte und Kontext und mystifiziert sie zu auratischen Meisterwerken wie im Auktionskatalog.

Die Autorin dokumentiert auch ihren Mailverkehr mit Werner Herzog

Und Deliss' eigene Ideen? Manche von ihnen - etwa das "Befragen" historischer Werke durch zeitgenössische Künstler - sind ihrerseits Klischees geworden und liefern nicht immer die versprochenen Einsichten. Andere sind aktueller denn je, etwa ihre Forderung, die Depots zu öffnen und die Museen zu Forschungsstätten zu machen. Was von ihren Frankfurter Reformprojekten wirklich funktioniert hat, was nicht, lässt sich anhand ihres Texts aber nicht sagen. Selbstkritik liegt ihr fern.

Sehr wohl verrät ihr Text aber, wie Deliss, die inzwischen unter anderem als Kuratorin an den Berliner Kunstwerken (die als Herausgeber fungieren) arbeitet, denkt und operiert. Eloquent, undiplomatisch und unbefangen rumpelt sie durch ihren Stoff. Nach ein paar Seiten Essayismus dokumentiert sie ihren Mailverkehr mit Werner Herzog, um dann Anekdoten über die Frankfurter zum Besten zu geben, die ihr ihren Safari-Nippes andrehen wollten. Sie macht denselben Punkt mehrfach, wenn er ihr wichtig ist. Und am Ende wiederholt sie alles in Gedichtform - oder ist es eine To-Do-Liste? Es ist genau diese respektlose Energie, die in den Museen so fehlt.

Clémentine Deliss: The Metabolic Museum. Hantje Cantz Verlag, Berlin 2020. 128 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 29.09.2020

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