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Museumsgeschichte:Licht ins Dunkel

Zum ersten Mal wird in einem Buch die Entstehungsgeschichte des Museums des 20. Jahrhunderts in Berlin aufgearbeitet. Doch bei vielen Objekten weiß man nicht sicher, woher sie stammen.

Von IRA MAZZONI

Es ist erstaunlich, wie spät sich die Museen bewusst werden, wie viel Zeitgeschichte in ihren Archiven schlummert. Die Geschichte der Westberliner Galerie des 20. Jahrhunderts, deren Sammlung den Grundstock für Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie bildete, läge wohl immer noch nicht vor, wenn nicht ein von der Stadt Berlin und den Staatlichen Museen (SMB) gemeinsam finanziertes dreijähriges Provenienzforschungsprojekt die Quellen erschlossen hätte. Jetzt stellen Christina Thomson und Petra Winter die Galerie, die 1945 als Großberliner Wiederaufbauprojekt begann und nach der Teilung der Stadt im Westen neu gegründet werden musste, im Deutschen Kunstverlag vor. Dabei machen die Autorinnen deutlich, wie sehr die beiden Gründungsväter, der Generaldirektor der Staatlichen Museen Ludwig Justi und Kulturamtsleiter Adolf Jannasch, einem Mythos verpflichtet waren: Die neue Sammlung sollte die "Galerie der Lebenden", die Justi 1919 im Kronprinzenpalais etabliert hatte, "ersetzen". In diesem ersten Museum für zeitgenössische Kunst hatte Justi den Expressionisten breiten Raum gewidmet. Bei der Beschlagnahmungsaktion "Entartete Kunst" verlor die Nationalgalerie dann 1937/38 mehr als 500 Werke.

Aber wie kommt man in einer zerbombten, in vier Sektoren geteilten und schließlich halbierten Inselstadt zu einer Modernen Sammlung von Rang? Bestand nicht die Gefahr, bei der Jagd nach Verlorenem auch Raubkunst aus ehemals jüdischem Besitz zu erwerben? Ein besonders krasser Fall machte hellhörig: 2012 sah sich das Land Berlin veranlasst, das schwere Bronzerelief "Frau mit Rindern" von Ewald Mataré an die Erben des Architekten Erich Mendelsohn zurückzugeben. Das Relief stammte aus dem Haus der Mendelsohns, war dort nach deren Emigration 1933 aus der Wand gerissen worden und tauchte 1950 im Kunsthandel auf.

Die Wissenschaftlerinnen haben die Herkunft von 518 Kunstwerken erforscht: 70 Prozent der untersuchten Werke haben nun eine nahezu lückenlose, verdachtsfreie Biografie. Bei 120 Objekten konnte die Werkidentität nicht geklärt werden. Gerade bei Druckgrafik, die vom sparsamen Magistrat in Sammelmappen gekauft wurde, kommt die Forschung nicht weiter. 37 Objekte hat der nominelle Eigentümer der städtischen Sammlung, der "Regierende Bürgermeister von Berlin", bei der Datenbank Lost Art gemeldet.

Geradezu mysteriös liest sich die Geschichte einer Prag-Ansicht von Oskar Kokoschka, die Jannasch 1965 bei Marlborough Fine Arts erwarb. Die Londoner Kunsthandlung hatte das Werk kurz zuvor bei einer Kornfeld-Auktion in Bern ersteigert. Einlieferer war Albert F. Daberkow, der intimste Beziehungen zur Familie des Kunsthändlers Bernhard A. Böhmer hatte, der als Verwerter der als "entartet" beschlagnahmten Kunst gegen Ende des Krieges Restbestände des Schönhauser Depots in sein Lager nach Güstrow transferierte. Daberkow übernahm den Nachkriegsverkauf und verfügte über weitere dubiose Einkaufsquellen, zum Teil mit NS-enteignetem Privatbesitz. Ähnlich spannende Geschichten erzählt die vom Zentralarchiv der SMB eingerichtete Web-Site www.galerie20.smb.museum.

© SZ vom 17.03.2016

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