Neubau für das New Yorker Whitney Museum:Eher fein als erhaben

Für Trutzigkeit ist ausgerechnet Renzo Piano der falsche Mann. Zum Lieblingsbaumeister der Museumschefs ist er durch Licht und Flexibilität seiner Räume geworden, nicht durch Wände, gegen die man etwas lehnen wollen würde. (Erklärtes Referenzobjekt der Whitney-Leute soll die Menil Collection in Houston gewesen sein.)

Alles, was am Centre Pompidou noch muskulös wirkt, muss mit Blick auf das jeweilige weitere Werk Pianos damaligem Partner Richard Rogers zugeschrieben werden: Piano ist eher der Dünnhaar-Friseur unter den großen Museumsarchitekten dieser Welt.

Das gilt auch, wenn er beim Entwerfen des Whitney ein wenig in den monumentalen Architekturfantasien seines Landsmannes Sant'Elia geblättert zu haben scheint, der sich seinerseits den dramatischen Kontrast zwischen Vertikalen und steilen Schrägen von Staudämmen und Kraftwerken abgeschaut hatte und damit zumindest indirekt auch die Setback-Architektur der frühen New Yorker Hochhäuser zitiert. Aber bei Piano wirkt selbst das irgendwie gekämmt, eher fein als erhaben.

Und auch im Inneren des Whitney sind die Räume licht und ihre Begrenzungen zweifelhaft. Statt Decken gibt es quasi Schnürböden, von Etage zu Etage unterschiedlich tief und unterschiedlich penetrant mit weißen Gattern zerrastert.

Von hier baumeln die Wände herab, als seien es Figuren aus der Augsburger Puppenkiste. Soll möglicherweise an Schaulager erinnern. Eine andere Assoziation ist, leider: Kunstmesse.

Die eigentliche Attraktion sind die spektakulären Blicke nach draußen

Man wartet beinahe drauf, dass abends dieser Kulissenapparat wieder nach oben geleiert wird und zum Beispiel Esstische auf den Fußboden gestellt werden, der mit seinen recycelten, eigentlich zu weichen und zu hellen Kieferndielen sowieso weniger an ein Museum denken lässt als an die Farm-To-Table-Lokale, die rundherum gerade so in Mode sind.

Es ist ohnehin nicht einfach für die Kunst, gegen die eigentlichen Attraktionen dieses Hauses anzukommen, und das sind die wirklich spektakulären Blicke nach draußen. Auf der einen Seite der Hudson, dahinter Jersey, auf der anderen ein New York wie aus den Panoramen von Saul Steinberg.

Wahrscheinlich gibt es gar keinen hinreißenderen Blickwinkel auf Manhattan als diesen. Man darf es sich aus verschiedenen Höhen von ausladenden Terrassen mit Feuertreppe besehen. Das Whitney kann auf seinen vielen neuen Quadratmetern endlich viel mehr von dem zeigen, was es alles so hat.

Umzug zu den Touristen

Endlich sitzen auch die Kuratoren und Restauratoren, die aus Platzmangel bisher nach Midtown ausgelagert waren, wieder unter einem Dach mit ihrer Kunst. Aber sie werden sich nicht wundern müssen, wenn sie ihre Galerien leerer vorfinden als die Sofas vor den Panoramafenstern.

Man kann sich schon ausmalen, wie an schönen Tagen die Menschentrauben hier an den Brüstungen stehen werden wie auf den Kreuzfahrtschiffen bei der Einfahrt nach Venedig. Das Haus freut sich so sichtbar über seinen Ort, dass es fast schon am Selbstbewusstsein kratzt.

Jetzt ist das Whitney also an die Westside gezogen, zu den Touristen, die am Ende ihres Spaziergangs über die zum Park verwandelten Hochbahngleise der Highline jetzt noch Kunst anschauen können, die überwiegend in der Gegend entstanden ist - oder wiederum die Highline von oben.

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