Museum:Schafft die Eintrittsgelder ab!

Lange Schlangen vor Museen

So lange Schlangen wie vor dem Neuen Museum in Berlin könnte es häufiger geben, wenn der Museumseintritt kostenlos wäre.

(Foto: dpa)

In unseren restlos kommerzialisierten Städten könnten Museen Zufluchten für eine gehetzte Öffentlichkeit sein - wenn der Eintritt endlich kostenlos wäre.

Von Catrin Lorch

Der Herbst ist die Saison der Blockbuster-Ausstellungen. Doch während sich die Besucher um die Werke von Francis Bacon oder Alberto Giacometti drängeln, herrscht in den Dauerausstellungen oft gähnende Leere. Die Antwort vieler Museumsmacher darauf ist so radikal wie logisch: Sie schaffen das Eintrittsgeld ab. Diesen Schritt kündigte Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, an, zumindest für Dauerausstellungen zu bestimmten Zeiten. Auch Neil MacGregor, Intendant des Berliner Humboldt-Forums, will dem Publikum dort freien Eintritt gewähren. Das Essener Folkwang-Museum ist seit zwei Jahren kostenlos. Das Ergebnis: Die Besucherzahlen haben sich vervierfacht - vor allem durch andere, jüngere Menschen.

Zeitgenössische Kunst gilt nicht länger als sperrig und kompliziert

In den großen Museen in Paris, London oder Edinburgh ist das schon lange so. Frankreich und England haben nach der Jahrtausendwende vielerorts den Eintritt für die Dauerausstellungen abgeschafft. Dabei stiegen die Besucherzahlen erstaunlicherweise auch in jenen Häusern, die immer schon gratis waren, wie in der Tate Gallery. Deren Ableger, die glamouröse Tate Modern, wurde von Besuchern förmlich überrannt. Zeitgenössische Kunst gilt nicht länger als sperrig und kompliziert - im Eingangssaal in einer ehemaligen Turbinenhalle verabreden sich Eltern mit Kinderwagen zum gemeinsamen Museumsbesuch, man verbringt im Museum seine Mittagspause oder lässt sich zum Plaudern auf den Bänken vor Abstraktion, Minimal und Ready Made nieder.

Gut die Hälfte der Besucher will sich nicht unbedingt ästhetisch bilden oder intellektuell fordern, sondern im Museum einfach Zeit verbringen. Ähnlich wie die Bibliotheken werden in den restlos kommerzialisierten Städte auch Museen zu Zufluchten für eine gehetzte Öffentlichkeit.

Aber ist der kostenlose Eintritt dann womöglich eine Entwertung der Bildungsinstitution? Eine neue Generation von Museumsmachern sieht das anders. Sie begreift diese Entwicklung als gesellschaftliche Verpflichtung. Was ist ein Kanon wert, den keiner kennt? Und die meisten Kuratoren und Wissenschaftler hoffen natürlich, dass ihre Sammlungen anziehend genug sind, damit das neue Publikum sich in Kenner und Liebhaber verwandelt.

Die junge Generation hat sich schon für die Aura des Originals entschieden

Lange war das öffentliche Museum ein Schatzkästchen für Bildungsbürger und meist eher wohlhabende Akademiker. Dabei sollte man sich durchaus fragen, warum Sammlungen, die mit Steuergeldern angekauft, restauriert und verwahrt werden, nicht generell frei zugänglich sind. In Großbritannien konnten die Museen den Anteil ethnischer Minderheiten unter ihren Besuchern verdreifachen. Eine Quote, um die man sich hierzulande vor allem mit Museumspädagogik bemüht. Old School. Immerhin, das Frankfurter Städel kooperiert seit Längerem nicht nur mit Mäzenen, sondern auch mit dem Jugendamt. Und erste Häuser bieten ihre Führungen nicht länger nur auf Deutsch und in den Sprachen der Touristen an, sondern - mit viel Erfolg - auch auf Türkisch oder Kroatisch.

Die junge Generation hat sich nämlich schon entschieden - gegen die heruntergekühlten Rundgänge oder den Besuch der Online-Museen und für die Aura des Originals, seien es Gemälde , Bronzen, Video- und Installationskunst oder eben auch Bücher und Bildbände in den Regalen der Bibliotheken. Der Moment ist da, sich dem zu öffnen. Wer den Eintritt abschafft, nicht nur in bestimmten "Zeitfenstern", sondern dauerhaft, der zeigt, dass er die neue Öffentlichkeit nicht nur als vorübergehenden Besucher betrachtet.

© SZ vom 05.11.2016/luc
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