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Museum:Muskelpakete

Rechts eine griechische Briefmarke aus dem Jahr 1986, anlässlich der Ringer-Europameisterschaften – und links das Vorbild aus der Münchner Sammlung, eine Kleinbronze aus dem 2. Jahrhundert vor Christus

(Foto: Renate Kühling/Staatliche Antiksammlungen und Glyptothek München)

Die Ausstellung "Größer kein Ruhm" in den Antikensammlungen zeigt die Wirkmacht von Bildern des Sports - bis hin zu Originalen aus München auf Briefmarken aus aller Welt

Von Johan Schloemann

Wer die Antike für staubig hält, hat recht. Es gab viel Staub in den Mittelmeerkulturen des Altertums, auf die gnadenlos die Sonne hinabbrannte. Und nicht wenig von diesem Staub wurde vom Sport aufgewirbelt. Schon in der "Odyssee", im achten Jahrhundert vor Christus, heißt es über die Männer, die sich auf der Insel Ithaka um die Nachfolge des irrfahrtenbedingt verhinderten Herrschers und Hausherrn bewerben: "Die Freier aber erfreuten sich vor dem Haus des Odysseus mit Diskuswurf und Speerwerfen auf einem festgestampften Platz."

Ja, die alten Griechen waren verrückt nach Trainingsplätzen und Wettkämpfen. Etwa zur selben Zeit, als Homers "Odyssee" entstand, begann auch die für Archäologen und Historiker fassbare Geschichte der panhellenischen Spiele. Wer bei diesen Götter- und Sportfestivals in einer der Disziplinen den Sieg errang (Silber und Bronze gab es nicht, nur einen ersten Platz, und Frauen durften nicht mitmachen), der wurde in ganz Griechenland ein Star.

In Olympia gab es für den Sieg einen Kranz aus Olivenzweigen, in Delphi einen aus Lorbeer, in Nemea aus Sellerie, in Korinth aus Fichtenzweigen. Und bei den Panathenäen-Spielen in Athen bekam man in der prestigeträchtigsten Disziplin, dem Pferdewagenrennen, 140 bemalte Amphoren, gefüllt mit je 40 Litern Olivenöl. Pokale mit Nutzwert also, aber der Ruhm war noch mehr wert. Manche Athleten wurden von den berühmtesten Dichtern ihrer Zeit besungen - einer von ihnen hieß Pindar -, mindestens so viel Spaß hatte das Publikum aber auch an satirischen Versen über die hochgezüchteten, öligen Muskelpakete in Gedichten, Komödien und Satyrspielen.

Die Münchner Antikensammlungen besitzen in Fülle und Qualität einen der bedeutendsten Bestände an Sport-Darstellungen, besonders auf griechischen Vasenbildern. Zu den Olympischen Spielen in Athen im Jahr 2004 wurden diese Schätze umfassend ausgebreitet in der Münchner Ausstellung "Lockender Lorbeer", deren Katalog nach wie vor ein Standardwerk zum Thema und weiterhin für 33 Euro erhältlich ist. Dieser Katalog wird auch zur Vertiefung einer jetzt laufenden Schau angeboten, die sich wieder dem Sport-Thema widmet, aber auf eine etwas andere, originelle Weise.

Im Hauptgeschoss wird man mit einer besonderen Markierung auf einen Parcours durch die athletischen Elemente der Dauerausstellung geführt. Eine Preis-Vase aus Knidos (an der Spitze der Datça-Halbinsel der heutigen türkischen Westküste, etwa zwischen Kos und Rhodos) erinnert daran, dass es neben den berühmten Wettspielen der Antike noch Hunderte mehr gab, von denen viele nur durch Inschriften oder Münzen belegt sind.

Man erfährt auch von einzelnen Rekordsportlern, die auf Vasen verewigt wurden, so ein gewisser Phaylos von Kroton, der im Diskuswerfen und Weitsprung (mit Gewichten in der Hand, ohne Anlauf) unschlagbar war.

Der eigentliche Clou aber kommt im Untergeschoss: Die weit reichende Wirkmacht der Sportbilder wird zum einen an antiken Münzen und Gemmen (Schmuck- und Siegelsteinen), zum anderen an modernen Briefmarken gezeigt. Auch für Besucher, die für das Hobby der Sportphilatelie vielleicht nicht übermäßig viel Leidenschaft übrig haben, ist es verblüffend zu sehen, wie das antike Athletenideal universell einsetzbar ist.

Dass der leidende Laokoon dann auf einer Briefmarke aus Tonga auch mal zum Speerwerfer wird: geschenkt. Interessant ist, dass häufig in der Ferne Motive aus der Münchner Sammlung verwendet wurden, die man dann in der Ausstellung zum Teil gleich daneben im Original betrachten kann. Auch das berühmteste antike Sport-Motiv hat einen Münchner Bezug: Den Diskuswerfer des Bildhauers Myron, um 460 vor Christus, gibt es hier nicht bloß in einer kaiserzeitlichen Kopie als Bronzestatuette; die bekannte lebensgroße Marmorkopie aus Rom hatte Adolf Hitler 1938 in die hiesige Glyptothek geholt, 1948 kehrte die Statue nach Rom zurück.

Größer kein Ruhm. Kleine Bilder vom Sport. Staatliche Antikensammlungen, Königsplatz, bis 29. Juli. Info: www.antike-am-koenigsplatz.mwn.de

© SZ vom 14.05.2018
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