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Museum der Moderne:Unverschämtheit in Backstein

Dr. Bisky, Jens

Jens Bisky hat 2008 Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ euphorisch besprochen.

Scheune? Lagerhalle? Bierzelt? Herzog & de Meurons Entwurf bricht mit den Selbstverständlichkeiten Berliner Stadtplanung.

Von Jens Bisky

Der Metapherngenerator läuft auf Hochtouren, seit der Siegerentwurf für das Berliner Museum der Moderne bekannt ist (SZ vom 28. November). "Kunstscheune", "Lagerhalle", "Bierzelt", "Skihütte", "Pferdestall mit der Anmutung einer überdimensionierten Wellblechhütte" hat man das Haus schon genannt, das Herzog & de Meuron für das Kulturforum planen. Das Basler Architektenbüro schlägt obendrein kokett "Tempel" vor, oder auch "Haus aus Backstein". Das passt wohl am besten für diesen überraschenden, viele Erwartungen enttäuschenden Entwurf: ein einfaches Haus, doppelt so lang wie breit, unter einem breiten Satteldach, mit durchbrochenen Ziegelwänden. Gut 10 000 Quadratmeter werden bebaut. Schlichtheit gepaart mit Größe - das erfüllt die Definition von Monumentalität.

Es hat für diesen Museumsneubau vorab keinen städtebaulichen Wettbewerb gegeben, obwohl das Haus für die Kunst des 20. Jahrhunderts ein Wunder vollbringen und das Kulturforum aus architektonischen Solitären und Missgeschicken zu einem urbanen Ensemble zusammenbinden sollte. Herzog & de Meuron scheint dies nun gelungen, gerade weil sie mit den Selbstverständlichkeiten der Berliner Stadtplanung gebrochen haben. Dazu gehörte die Kritik an Solitären und Stararchitekten, gehörten Behutsamkeit gegenüber der Nachbarschaft, Sehnsucht nach Einbindung, Verneigung vor dem Überlieferten. Der Siegerentwurf dagegen verzichtet auf Verbeugungen vor den Nachbargebäuden, vor der Nationalgalerie Mies van der Rohes oder vor Scharouns Philharmonie, vermeidet zärtliche Umarmungen der Tradition. An der Potsdamer Straße wird das wuchtige Haus nachts leuchten als Solitär unter Solitären. Und gerade weil hier mit dem Selbstbewusstsein und der Keckheit gebaut wird, die auch Mies van der Rohe und Hans Scharoun auszeichneten, werden städtebauliche Verbindungen und Rückeroberungen des Urbanen auf neue Weise möglich.

An solchen Nicht-Orten hat sich Berlin nach 1989 neu erfunden

Städtische Strukturen prägen das Innere, an dessen Details gemeinsam mit den Kuratoren weitergearbeitet werden soll. Unter dem Satteldach, durch das Licht bis in die unterirdischen Geschosse fällt, kreuzen sich zwei Boulevards. Sie führen in Nord-Süd-Richtung von der Philharmonie zur Neuen Nationalgalerie, in Ost-West-Richtung von der Staatsbibliothek zu den Museen am Kulturforum. Diese inneren Straßen, eine Freitreppe, Terrassen, Balkone inszenieren das Gebäude als transitorischen Ort. Es bleibt auf den ersten Blick eine Unverschämtheit, wirkt zu groß, zu einfach, erinnert zu sehr an Stadtrandarchitektur, unterläuft Erwartungen an ein harmonisches Gesamtbild. Diese Unverschämtheit aber könnte jenen Zauberschlag bewirken, den das Kulturforum braucht, um zum Stadtraum zu werden. Herzog & de Meuron denken diesen Raum weniger von der Bildwirkung her, sondern entwickeln ihn aus der Funktion. Sie erschließen Wege, ermöglichen Verbindungen, Getümmel. Sie haben keine Angst vor scharfen Kontrasten, überfordernden Ansichten, die nun einmal dazugehören, wenn man Großstadt sein will.

"Bierzelt", "Wellblechhütte", "Lagerhalle" - das trifft etwas Entscheidendes. An eben solchen Nicht-Orten hat sich Berlin nach 1989 neu erfunden. Seine Lebendigkeit verdankte es der Improvisationskunst, dem Inszenierungsgeschick der kreativen Milieus. Auch daran erinnert das neue Museum, für das der Bund 200 Millionen Euro zahlt. Die bange Frage, ob die Baustelle dieses Mal ordentlich gemanagt wird, vermag die Freude über diesen Entwurf vorerst nicht zu schmälern.

© SZ vom 29.10.2016
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