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Kunst:Turbane über Holland

Rembrandt Harmensz. van Rijn; David übergibt Goliaths Haupt dem König Saul; 1627

Rembrandts Gemälde "David übergibt Goliaths Haupt dem König Saul" von 1627. Das biblische Personal trägt so prächtige Gewänder, wie das im calvinistischen Amsterdam nicht möglich gewesen wäre.

(Foto: Kunstmuseum Basel/Vermächtnis Max Geldner, Basel)

Das Museum Barberini in Potsdam brilliert, belehrt und irritiert mit der opulenten Ausstellung "Rembrandts Orient".

Von Peter Richter

Eines kann man Rembrandt und seinen Zeitgenossen wirklich nicht vorwerfen: fehlende Einsicht in die Tatsache, dass die Menschen da, wo die Bibel spielt, deutlich anders angezogen waren als zum Beispiel in Amsterdam oder Rotterdam. Biblisches Personal trägt auf niederländischen Bildern des 17. Jahrhunderts oft dermaßen voluminöse Turbane, dass einem um die Belastbarkeit der Hälse bange werden kann. Auch die Gewänder sind in aller Regel so farbenprächtig gemustert, wie das in der strengen calvinistischen Mode zu Hause undenkbar gewesen wäre, wo alles am liebsten schwarz war und nur manchmal der Kragen weiß.

Es gibt in der Ausstellung "Rembrandts Orient" im Museum Barberini in Potsdam ein Gemälde von Bartholomeus van der Helst, das heißt "Die Vorsteher des Schützenhauses" und zeigt rund um einen als Tischdecke eingesetzten Perserteppich versammelt eine Reihe von Herren, die sich mit ihren schwarzen Wämsen und Hüten in diesem Kontext ausnehmen wie Sargträger in einem botanischen Garten. Denn nicht nur das biblische Personal, sondern auch die zu Geld gekommenen Barockholländer tragen hier mehrheitlich zum Beispiel "japanische Röcke" von einer Farbenfreude und knisternden Seidigkeit, dass sie einem mitunter vorkommen wie exaltierte Rockgitarristen in Morgenmänteln von, sagen wir, Gucci.

Die holländischen Kaufmänner, die im Osten reich geworden waren, wollten das auch zeigen

Dabei sind es in der Regel nur langhaarige Kaufmänner, die durch Geschäfte im Nahen wie im Fernen Osten reich geworden waren und das irgendwie zeigen wollten, ohne dass die calvinistischen Sittenwächter ihnen wegen pseudokatholischer Prunksucht zu Leibe rückten. Oder sie posieren eben unter golddurchwirkten Schmuckturbanen, die solchen Porträts die Grundform einer Acht geben, oft sogar mit dem kleineren Kreis unten. Manchmal sind auf diesen Porträts unbekannter Männer die Gesichter regelrecht verschattet von Stoffbällen, die wie eben aufgegangene Sonnen aus einem an nasskalten Grachten herbeiimaginierten Osten aus den Bildern leuchten.

Rembrandt Harmensz van Rijn (1606âÄ"1669); Selbstbildnis mit Säbel; 1634

Rembrandts Radierung "Selbstbildnis mit Säbel", 1634.

(Foto: Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett, Schenkung Eberhard W. Kornfeld)

Es ist schon eine außergewöhnlich opulente Ausstellung, die Michael Philipp vom Museum Barberini mit dem großen Rembrandt-Experten Gary Schwartz als Gastkurator da eingerichtet hat. Außerdem ist sie auch noch sehr lehrreich (oft genug hat man ja nur eins von beidem). Gerade wenn man sich fragt, wieso eigentlich ausgerechnet in Holland die hohe Kunst des Turbanbindens unter den Malern so blühte, sieht man, wie auf einem Rembrandt zugeschriebenen "Brustbild eines Mannes in orientalischer Kleidung" aus dem Rijksmuseum in Amsterdam der Wickel sich hinten gerade auflöst, und lernt, dass es hier interessante Formüberschneidungen mit der Mode im europäischen Spätmittelalter gab: "Ähnlich fällt die Sendelbinde (cornette) aus der Gugel (chaperon), was auf zahlreichen altniederländischen Gemälden detailliert wiedergegeben ist."

Im Kontrast zu derart informativen Höhen ist es mitunter ein bisschen irritierend, wenn die Besucher zwischendurch angesprochen werden, als halte man sie für ein bisschen einfältig und/oder politisch rückwirkend empörte Bilderstürmer: "Wie uns heute auffällt, wurde die Kehrseite dieser Weltaneignung nicht dargestellt: das Machtgefälle zwischen den Kulturen, das sich auch in Sklaverei, Gewalt, Ausbeutung und Handelskriegen zeigte." Die Schau bietet aber die Möglichkeit, "diesen bis heute andauernden Eurozentrismus zu befragen". Es gibt aber auch eine Entwarnung: Rembrandts orientalisch ausstaffierte Porträtköpfe "weisen keinerlei Züge von Fremdenfeindlichkeit auf".

Rembrandts "Büste eines alten Mannes mit Turban", um 1627/29. Das Museum Barberini gibt Entwarnung: Dieser Porträtkopf weist "keinerlei Züge von Fremdenfeindlichkeit" auf!

(Foto: The Kremer Collection)

Gut, dass das geklärt ist. Denn daran schließt sich tatsächlich die interessante Frage an: Warum eigentlich nicht? Aus der zwangsläufig eurozentrischen Perspektive Amsterdams spielten Sklaverei und Gewalt, wie die Ausstellung im Folgenden ausführt, nämlich sehr wohl eine gewisse Rolle. Nur waren es halt die Holländer, die als Seeleute die sogenannten Barbaresken fürchten mussten - muslimische Kaperfahrer, die ihre Beute auf die Sklavenmärkte Nordafrikas warfen. Man erfährt, dass zwischen 1600 und 1800 schätzungsweise 1,25 Millionen Niederländer dort versklavt waren, während daheim in "Sklavenkassen" Geld für ihren Freikauf gesammelt wurde. Von Rembrandt selbst weiß man, dass er 1642 mit 1200 Gulden für einen nach Tunis verschleppten Seemann aus Edam bürgte. Zugleich bekommt man hier die fast schon zärtliche Hingabe vor Augen gestellt, mit der nicht nur von Rembrandt das orientalische Sujet behandelt wird.

Der Orient war dann letztlich doch mehr Freund denn Feind

Nun ist Furcht ein bekanntes Motiv für kulturelle Auseinandersetzung, und mit den sogenannten Türkenkriegen kam auch die sogenannte Türkenmode. Für die Holländer der Barockzeit stellt sich die Sache aber noch eine Schraubenwindung komplexer dar. Etliche Schlachtengemälde in der Potsdamer Schau zeigen deutlich mehr Sympathie für die muslimischen Kämpfer als für die katholischen, und der Katalog lehrt den schönen Begriff "Calvinoturkismus". Neben dem furchterregend anderen ist der Orient dem Holländer der Rembrandtzeit als Feind eines noch ärgeren Feindes demnach fast schon wie ein lieber Freund - und schließlich ist er der exotische Stellvertreter für daheim nicht auslebbare Pracht- und Repräsentationsbedürfnisse.

Simson, an der Hochzeitstafel das RâÄ°tsel aufgebend

Auf seinem Gemälde "Simson, an der Hochzeitstafel das Rätsel aufgebend" stellt Rembrandt die Gäste nach orientalischer Sitte sitzliegend dar.

(Foto: Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden/bpk)

Nun geht es in dieser Ausstellung nur zur Hälfte darum, kulturhistorische Phänomene mit Bildern von oft auch nur durchwachsener künstlerischer Qualität zu illustrieren. Es geht auch darum, gleich eine ganze Reihe von Spitzenwerken der europäischen Kunst vor dem Hintergrund dieser kulturhistorischen Phänomene neu zu betrachten. Immerhin wirbt das Museum Barberini mit Rembrandt und hat eine beeindruckende Auswahl an sowohl sehr bekannten als auch eher überraschenden Werken von ihm zusammenbekommen. Und für einen so sesshaften Maler wie Rembrandt gab es offensichtlich auch gute Gründe beruflicher Natur für die Beschäftigung mit dem Orient und dem Orientalischen. Einer zeigt sich da, wo Philips Angel in seinem Buch "Lob der Malerei" 1642 die Richtigkeit lobt, mit der Rembrandt in dem heute in Dresden befindlichen Gemälde von "Simson, an der Hochzeitstafel das Rätsel aufgebend" die Gäste nach orientalischer Sitte sitzliegend zeigte. Gerade bei seinen vielen alttestamentlichen Themen konnte sich Rembrandt hier sozusagen als Pictor doctus profilieren. (Das Großartige an dieser Ausstellung und ihrem Katalog ist unter anderem, dass sie nebenher gleich noch miterzählt, wie es diesen Philips Angel später selbst gen Osten zog, und zwar bis nach Batavia, wo er allerdings wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten Ärger bekam.)

Das andere ist das, was man seit Heinrich Wölfflin das "Malerische" nennt. Der Schweizer Gelehrte hatte diese Kategorie seiner "kunstgeschichtlichen Grundbegriffe" ja explizit an Rembrandt entwickelt, dem Stimmungsideal dunkler Wohnzimmerpracht im 19. Jahrhundert. Und wer vor allem nach Potsdam kommt, um dort die Augen in wogende Wellen aus tiefen Brauntönen zu tauchen, auf denen immer wieder Schaumkronen aus Gold und Diamant aufgleißen: Für den müssen vor allem die orientalischen Szenen und Porträts des reiferen Rembrandt ein regelrechtes Kurbad sein.

Das malerische Potenzial solcher Motive zeigt sich aber bezeichnenderweise fast noch prononcierter in der Grafik: In seinen Radierungen alter Männer in orientalischem Kostüm haben die wuchernden Vollbärte oft geradezu etwas von Wurzelwerk, die bauchigen Turbane etwas von Baumkronen, und die Gesichter dazwischen gleichen tief zerfurchter Rinde - das Porträt als freie Landschaftsmalerei. Manchmal lässt das schon an Tiepolo denken, der ein Jahrhundert später solche urwüchsigen Rembrandt-Orientalen zum Standard-Assistenzpersonal machte, das vom Bildrand aus skeptisch die heiligen oder mythologischen Szenen kommentiert. Aber das wäre vielleicht mal eine eigene Ausstellung im Museum Barberini wert; die Beschwichtigungsformulierungen gegen mutmaßliche Bilderstürmer könnten dann vermutlich gleich wiederverwendet werden.

Rembrandts Orient: Westöstliche Begegnungen in der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts. Museum Barberini Potsdam, bis 27. Juni.

© SZ/lor
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