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Streit um MoMa:Ärger in der Lobby

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Aktivisten träumen schon von einer Zukunft, in der die Kunstgeschichte nicht mehr vom Museum of Modern Art geprägt wird.

(Foto: Hrag Vartanian/Hyperallergic)

Das Museum of Modern Art in New York ist rührend um vorbildliche Diversität bemüht. Manchen reicht das aber nicht.

Von Peter Richter

Vor dem Museum of Modern Art, MoMA, in New York wird jetzt gestreikt. Nicht im MoMA. Der Betrieb dürfte schon weiterlaufen wie gewohnt. Aber davor hängen jetzt halt manchmal Plakate, die "Strike MoMA" verkünden, wobei das englische Wort nicht nur mit dem deutschen "Streiken" übersetzt werden kann, sondern auch mit "Schlagen" - und auf "criticality" spezialisierte Online-Kunstmagazine wie hyperallergic.com lassen die ganze Welt daran teilhaben. Machen sie die Sache größer, als sie ist? Vielleicht. Vielleicht aber nicht. Sie lassen, wie gesagt, eine ganze Welt daran teilhaben, in der solche Themen zunehmend auf gespitzte Ohren stoßen. Und wenn die nämliche Website nun auch noch einen internen Brandbrief des MoMA-Direktors Glenn Lowry an die Belegschaft leakt, dann zeigt das immerhin, welche Nervosität diese Proteste auslösen.

Dafür reichen dann auch die 50 Leute, die es vergangenen Freitag gewesen sein sollen, also einerseits deutlich weniger, als zu jeder Tageszeit in der Schlange vor den Kassen stehen. Andererseits hatten diese 50 aber unmissverständliche Botschaften: "Dieser Ort hier repräsentiert Kolonialismus, weiße Vorherrschaft und den Grund, warum unsere Vorfahren sterben mussten." Denn zuvor wurde mit einer rituellen Wasserausgießung der Lenape gedacht, die einst da zu Hause waren, wo jetzt Midtown Manhattan ist. Das Ganze war der Auftakt einer auf zehn Wochen angelegten Protestkampagne von einer "Koalition von Aktivisten" unter dem Namen "Anti-National Anti-Imperialist Feelings (IIAAF)". Das mag in vielen Ohren zwar klingen wie eine Parodie, aber sie meinen es ganz offensichtlich sehr, sehr ernst, wenn sie jetzt schon über die Zeit "Post-MoMA" nachdenken. Denn das berühmte Museum sei "auseinanderzunehmen", wie die Aktivisten zu Beginn ihrer Kampagne selbstbewusst kundtaten, "damit etwas anderes daraus erwachsen kann, etwas unter der Kontrolle von Arbeitern, Communities und Künstlern statt von Milliardären".

Der Gruppe "MoMA Divest" gehen die Reformen nicht weit genug

Das alles ist deswegen so erwähnenswert, weil sich das MoMA eigentlich gerade erst vorsorglich selbst auseinandergenommen hatte, um genau dieser Art von Kritik zuvorzukommen. Als vor zwei Jahren die beträchtliche bauliche Erweiterung eingeweiht wurde, wurde das für eine komplette Neupräsentation der Bestände genutzt, die radikal mit bisherigen Prinzipien zu brechen versprach. Das neue Prinzip nämlich lautete, mit den Schlagworten von heute gesagt: Diversität statt Kanon. Die alte Heldengeschichte der modernen Kunst an weißen Wänden (und von in der Regel kaum weniger weißen Künstlern) müsse auf der Stelle neu geschrieben werden. Das war deshalb eine so geradezu erheiternde Volte, weil ausgerechnet das MoMA diese Heldengeschichte ja wesentlich miterfunden hatte. Der Kanon war der Kern des Hauses, und die Versuche von Gründungsdirektor Alfred Barr, die ihm wichtigen Namen in grafische Entwicklungsmodelle zu bannen, sind Kunststücke von eigenem bizarren Reiz. Diskutiert und kritisiert wurde das schon immer. Aber als eine Art oberste Kanonisierungsanstalt wurde den Amerikanern das MoMA am Ende eben doch ungefähr zu dem, was dem alten Frankreich seine Akademie war. Die wichtigste Prestigefrage alternder amerikanischer Kunstgrößen war bis in die allerjüngste Vergangenheit jedenfalls immer diese: Wer kriegt seine große Retrospektive im MoMA, wer nur im Whitney, wer muss ins Guggenheim?

Und jetzt das: Das massiv größer gewordene Haus wirkte nach der Neueröffnung verstopfter denn je. Mehr Säle, mehr Menschen. Und mehr Kunstwerke natürlich. Die ganz kanonischen schon vorsichtshalber immer noch, angesichts Millionen erwartungsfroher Touristen und 25 Dollar Eintritt. Aber eben auch vieles vorher seltener Gezeigtes. Die meisten Pressestimmen zeigten sich angemessen beeindruckt und lobten es als starkes Zeichen für den Fortschritt, dass beispielsweise Picassos "Demoiselles d'Avignon" jetzt nicht mehr nur in Nachbarschaft von Braque und Matisse hängen, sondern auf ein Gemälde der afroamerikanischen Künstlerin Faith Ringgold blicken, die 1967 einen blutigen Rassenkonflikt gemalt hat. Gemessen an den Tönen, die rund um diese Neuhängung angeschlagen wurden, war es beinahe überraschend, dass für die kubistische Bordellszene des sehr alten weißen Mannes (immerhin Sexismus sowie kulturelle Aneignung afrikanischer Kunst) überhaupt noch Platz sein sollte.

Museum of Modern Art reopening in New York The Museum of Modern Art in New York on Thursday, August 27, 2020, the first

Das MoMa im August 2020.

(Foto: Richard B. Levine/imago images/Levine-Roberts)

Nicht so beeindruckt von all der demonstrativen Progressivität des Hauses zeigten sich allerdings schon damals die Aktivisten von Gruppen wie "MoMA Divest". Sie monierten noch während der Vorbesichtigungsparty für die VIPs, dass in Person des Blackrock-CEOs Larry Fink ein Mann im MoMA-Vorstand sitze, der Geld mit privatwirtschaftlich geführten Gefängnissen verdiene. Später forderten sie den Rückzug von Steven Tananbaum, weil dessen Hedgefonds von der Schuldenkrise in Puerto Rico profitiere. Die wichtigste Prestigefrage alternder amerikanischer Finanzgrößen war bis in die allerjüngste Vergangenheit schließlich immer diese: Wer ist Trustee vom MoMA, wer nur im Whitney, und wer hält mit seinen Zuwendungen das Metropolitan Museum am Laufen?

Und jetzt dies: Ein Großteil des MoMA-Boards ist inzwischen Ziel von wütenden Protesten, auch Großsammler wie Steven Cohen oder Ronald Lauder. Leon Black musste als Chairman zurücktreten, nachdem Künstler Anstoß an seinen Kontakten zu Jeffrey Epstein und Donald Trump genommen hatten. "Die Leute in diesem Board machen Waffen, sie besitzen Söldnerfirmen, die Kriegsverbrechen begangen haben, sie haben Verbindungen mit Sexualstraftätern und besitzen Firmen, die Leute in Käfige sperren", erklärte ein Aktivist von MoMA Divest: "Die kommen in das Museum, um ihr Geld und ihre Reputation zu waschen." Das MoMA sei eine Waschmaschine. Harte Worte für ein Haus, das sich selbst gern in der Avantgarde sieht.

Aber wer kurz nach der Wiedereröffnung erstmals durch den massiv größer gewordenen Gebäudekomplex ging, konnte sich schon auch damals fragen, ob mit all der geradezu beflissenen, ausgestellten Wokeness nicht auch übertönt werden soll, dass da grundsätzlich etwas knirscht. Denn wo war denn eigentlich die Architektur geblieben, von der vorher, als das Bauprojekt durchgesetzt wurde, so viel die Rede gewesen war?

Der Ursprungsbau von Edward Durell Stone und Philip Goodwin galt als rares Beispiel klassischer Moderne in Amerika. Heute sitzt es wie eine kleine, weiße Spolie in dem großen schwarzen Glasdings, das Anfang des Jahrtausends von Yoshio Taniguchi darüber und drumherum getürmt wurde. Für sehr viel Geld würde er die Architektur zum Verschwinden bringen, hatte der Japaner damals versprochen. Ganz gehalten haben das Versprechen aber erst Diller, Scofidio und Renfro aus New York, die nun für den neuerlichen Anbau zuständig waren. Gelitten hat darüber nicht nur die Freundschaft der Architektenehepaare Liz Diller und Ricardo Scofidio einer- sowie Billie Tsien und Todd Williams andererseits. Denn Letztere hatten erst knapp zwei Jahrzehnte zuvor das bei den New Yorkern äußerst beliebte American Folk Art Museum geschaffen, das dem expansiven Nachbarn schließlich weichen musste. Man bemerkt den Neubau von außen eigentlich vor allem daran, dass die origamiartig gefaltete Fassade des Folk Art Museums nun leider fehlt, weil sie von einem schwarzen Loch verschluckt wurde, das natürlich nicht wirklich ein Loch ist, sondern gut gesichertes Glas. Von innen dagegen irritiert, dass man beim Rausschauen aus dem schwarzen Glas immer die Stützpfeiler des Wohnhochhauses im Blick hat, das der französische Architekt Jean Nouvel oben drüber errichtet hat.

Das Museum wurde zum Kunstkeller des Luxuswohnturms

Geld verdient man in New York immer noch am eindrucksvollsten mit Höhenmetern. Man kann die über dem eigenen Haus zum Beispiel gut an andere Bauherren verkaufen. Die wiederum finden immer Käufer, die ihnen gern ebenfalls schwindelerregende Summen für Wohnungen überweisen, aus deren Fenstern die Welt aussieht wie ein Miniaturenpark. Es ist nicht der erste Wohnturm, der sich deswegen über dem Komplex des MoMA erhebt. Aber dieser hier macht das Museum praktisch und atmosphärisch zu seinem Kunstkeller. Die Käufer der Apartments da droben erwerben immer gleichzeitig auch eine MoMA-Mitgliedschaft, die ihnen freien Zugang sichert. Andere Luxus-Wohntürme New Yorks bieten der Eigentümergemeinschaft Zugang zu einem hauseigenen Schwimmbad oder Fitnessstudio. Dieses hier außerdem zu einer recht ansehnlichen Sammlung von Monets und Pollocks, die hier nun auch noch so vorbildlich divers durchmischt sind, dass auch die kritischen jungen Leute aus Brooklyn oder der Bronx oder woher die immer so kommen, nichts zu meckern haben sollten.

Haben sie aber. Und so gesehen hätte deren recht radikal klingender Vorschlag zur Grundsatzumstrukturierung des MoMA wiederum auch seinen Reiz: Es wäre dann der erste New Yorker Luxuswohnturm mit einem soziokulturellen Stadtteilzentrum in der Lobby.

© SZ/eye
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