Museen-Plünderungen Geschichte in Trümmern

Die ersten Bestandsaufnahmen der Schäden im Irakischen Nationalmuseum zeigen, dass die Plünderer gut vorbereitet waren und mit System zu Werk gegangen sind.

Von HEIKO FLOTTAU

Eine knappe Woche, nachdem die größte Plünderungswelle der neueren Geschichte verebbt ist, sind sie gekommen - jene, welche dem Irak mit Raketen, Bomben und Panzern eine neue Ordnung und vor allem Demokratie beibringen wollen. In ihrer fast obszön wirkenden Brutalität stehen sie da auf dem Gelände des Irakischen Nationalmuseums - vier amerikanische Abrams-Panzer und vier gepanzerte Militärjeeps. Tagelang war das Museum offen gewesen - offen für marodierende Diebe. Nun darf keiner mehr hinein in eines der wertvollsten und berühmtesten Museen nicht nur des Nahen Ostens. Zu sehen wäre auch wenig - außer Spuren sinnloser Zerstörungswut. Wer einen der Wissenschaftler des Museums sprechen will, der ist hier vor den Toren des im Zentrum Bagdads liegenden weitläufigen Gebäudekomplexes fehl am Platze. Horden von Berichterstattern, welche vorher von der Existenz der Kunstschätze eben so wenig Kenntnis hatten wie die amerikanischen Invasoren, wollen plötzlich hinein ins Allerheiligste der mehrtausendjährigen mesopotamischen Geschichte. Die Angestellten des Museums müssen sich durch Mengen von Kamera- und Tonleuten sowie Soldaten ihren Weg bahnen, um zur Stätte einer der größten kulturhistorischen Katastrophen der letzten Jahrhunderte zu gelangen.

Mann am Eingang des National Museums in Bagdad.

(Foto: / SZ v. 19.04.2003)

Einer der führenden irakischen Archäologen ist Dr. Mouajad Damerji. Damerji hat in Heidelberg, Berlin und München Archäologie studiert. Er spricht fließend deutsch. Während des Überfalls auf die israelischen Sportler bei den Olympischen Spielen in München war Damerji Vorsitzender des Arabischen Studentenbundes in Berlin. Seine Wohnung wurde nach dem Attentat durchsucht. Bis vor kurzem war er Generaldirektor der irakischen Antikenverwaltung, danach, bis zum Ausbruch des Krieges am 20.März, Berater des Kulturministers. Damerji hat sich bereit erklärt, mit drei Journalisten in der Abgeschiedenheit ihres Hotels über die Plünderung des Museums zu sprechen. Man solle, sagt Damerji, nicht die einfachen amerikanischen Soldaten dafür verantwortlich machen, dass das Museum nicht geschützt wurde. "Die Verantwortung liegt beim Hauptquartier in Katar." General Tommy Franks und sein Stab hatten allerdings Anderes im Sinn, als die dicht bevölkerten Wohnviertel Bagdads oder gar Kunstschätze zu schützen. Und die Menschen, die sonst im Museum arbeiten, hatten keinen Zugang zu ihrem Arbeitsplatz, sie waren gefangen in ihren Wohnvierteln - wie etwa der Chef des Museums, Dschaber Khalil Ibrahim. Er wohnt im Stadtteil Dora, einem umkämpften Viertel. Oder auch Damerji selbst, der im Westen der Hauptstadt wohnt.

Den genauen zeitlichen Ablauf des Grauens müssen Damerji und seine Mitarbeiter erst mühsam rekonstruieren. Das Wenige, was sie wissen, sieht so aus: Das weite Gelände um das Museum herum war Kampfzone. Die dort üblicherweise patrouillierenden irakischen Polizisten waren entweder zu Hause oder hatten zumindest ihre Uniformen ausgezogen, um nicht Zielscheibe amerikanischer Schützen zu werden. Irgendwann nach der Einnahme Bagdads am 9. April kamen die Plünderer. Ein Mann, der in der Nähe wohnte, lief auf amerikanische Soldaten zu und rief im gebrochenen Englisch "Thieves, Museum, Babylon". Doch ein Plünderer ging auf die Soldaten zu und sagte, der Mann, der die Soldaten um Hilfe rufe, sei ein Mitglied der "Fedayiin Saddam". Daraufhin musste sich der mutige Hilferufer aus dem Staube machen. Denn erschossen werden wollte er auch nicht. "Eine Flagge der Unesco oder der UN auf dem Dach des Museums", sagt Damerji heute, "hätte die Soldaten womöglich zum Eingreifen bewegt." Immerhin haben die Soldaten geantwortet, sie könnten nicht helfen, sie hätten keine Befehle.

Viel später, als das Museum schon ausgeraubt war, hat sich einer der Mitarbeiter zum Hauptquartier der Amerikaner im Hotel Palästina durchgeschlagen und abermals um Hilfe gebeten. Man versprach ihm, beim Central Command in Katar nachzufragen. Man habe verhindern wollen, sagt Damerji, dass nach den Plünderungen das Museum auch noch in Brand gesteckt werde. Die vier mächtigen Abrams-Panzer und die gepanzerten Militärjeeps kamen aber erst am 16. April - eine knappe Woche nach dem Beginn der Plünderungen.

Was der 61-jährige Damerji bei seinem ersten Besuch am Beginn dieser Woche mit eigenen Augen sah, wird, wie er sagt, das "Trauma" seines Lebens bleiben. Dennoch versucht er eine erste, notwendigerweise recht oberflächliche Bestandsaufnahme: Viele, wenn nicht alle in den letzten Jahrzehnten erarbeiteten Dokumente der mesopotamischen Geschichte sind verbrannt. Alle Diapositive, Zehntausende von archäologischen Dokumenten sind zerstört. Viele Skulpturen wurden aus dem Museum entwendet. Große Statuen, welche zum Abtransport zu schwer waren, wurden zertrümmert. Die Diebe haben dann nur die Köpfe mitgenommen. Es fehlen etwa sechs bis sieben ganze, mittelgroße Statuen aus der Zeit der Sumerer (3. Jahrtausend v.Chr.). Eine kleine Statue aus Hatra (Nordirak, hellenistische Periode) ist ebenso verschwunden wie Statuen aus Uruk (Südirak). Weiter wird eine Bronzestatue mit einer Inschrift des akkadischen Königs Naaramsin vermisst (2250 v.Chr.). Diese Statue, sagt Damerji, habe einen besonderen Wert, weil sie, sozusagen, die griechische Klassik reflektiere, obwohl sie schon etwa 1800 Jahre vorher entstanden sei. Das Standbild sei besonders schwer gewesen und habe im Obergeschoss des Museums gestanden. Vermutlich seien drei bis vier Leute notwendig gewesen, um es abzutransportieren. Bei vielen anderenSkulpturen, etwa Apollo-Standbildern, fehlen die Köpfe. Vermisst werden auch Statuetten aus der hellenistischen Periode.

Mouajad Damerji vermutet, dass nicht nur ein unwissender plündernder Mob ins Museum eingedrungen sei. Unter den Räubern müssen auch Leute gewesen sein, die genau wussten, was sie stehlen - und was sie nicht stehlen wollten. So hätten die Diebe etwa eine Hammurabi Statue und den "Schwarzen Obelisken" stehen lassen - weil die Originale dieser Kunstwerke in Paris und in London stehen. Manche Diebe hätten ganz gezielt gesucht. Sie seien im Fundus im Keller gewesen und hätten dort viele wertvolle Keramikgegenstände zertreten. "Mit einem Brecheisen haben sie eine schwere Metalltüre geöffnet." Auch seien sie in ein Außengebäude eingedrungen, in dem weitere wertvolle Kunstgegenstände gelagert haben. Im zweiten Stockwerk des Museums haben die Plünderer eine Lagerhalle von mindestens 2000 Quadratmetern mit allen Regalen zerstört. Im Hatra-Saal haben sie eine Wand durchbrochen und, um Licht zu bekommen, Dokumente verbrannt.

Nicht nur das Irakische Museum wurde geplündert. Zerstört oder stark beschädigt wurden auch die Akademie der Schönen Künste der Universität Bagdad, die Nationalbibliothek, die Bibliothek des Ministeriums für Religiöse Stiftungen (Awqaf), die Galerie für Moderne Kunst, das Staatsarchiv und das "Beit al-Iraqi" (Irakisches Haus) an der Raschidstrasse, wo die Bagdader Bürgerin Amal al-Khodeiri die Geschichte ihrer Familie dokumentiert und alte irakische Kunstgegenstände ausgestellt hat. Im Fernsehsender Al-Dschasira klagte Prinz Hassan von Jordanien, dass wertvolle Unterlagen seiner haschemitischen Königsfamilie verloren seien.

Und die Motive der Plünderer? Niemand weiß wirklich, was in einer Stunde, in der jede gesellschaftliche und staatliche Ordnung zusammenbricht, die Menschen dazu bringt, sich von allen gut begründeten Verhaltensweisen und Konventionen zu verabschieden. Es ist zu vermuten, dass die Plünderer überwiegend Schiiten sind - Schiiten aus den Dörfern, die keine große Schulbildung haben, denen städtisches Leben und städtische Kultur fremd sind. Selbstverständlich wehre sich die gebildete schiitische Geistlichkeit gegen solchen Vandalismus, sagt Damerji. Aber die kleinen Geistlichen auf dem Lande seien womöglich schon einmal dazu bereit, Kunst, die nichts mit dem Islam zu tun habe, zu verbannen. In einer solchen Stunde Null könne es, sagt Damerji, aber auch sein, dass alles geplündert und zerstört werde, was irgendwie mit der alten, gestürzten Regierung in Zusammenhang gebracht werde.

Hat man dieses Unheil nicht befürchten müssen? "Wir haben", sagt Damerji, "nur an Bombenschäden gedacht." Deshalb habe man einige besonders gefährdete Vitrinen vorher in Sicherheit gebracht. Hätte er die Katastrophe vorausgesehen, fügt Damerji hinzu, wäre er für die Zeit des Krieges mit einem Gewehr ins Museum umgezogen und hätte jeden Plünderer erschossen - "selbst wenn ich dabei gestorben wäre". Immerhin, es hatte Warnungen gegeben - etwa von Professor Gibson vom Oriental Institute der Universität Chicago. Gibson, berichtet Damerji, habe die amerikanische Regierung vor dem Krieg darauf hingewiesen, dass der Irak die Geburtsstätte der Zivilisation sei, dass viele einzigartige archäologische Schätze zu schützen seien und dass irakische Archäologen hochqualifizierte Wissenschaftler seien.

Wie soll es nun weitergehen? Wie fast ganz Bagdad hat auch das Irakische Nationmalmuseum derzeit kaum elektrischen Strom. Eine erste einigermaßen umfassende Schadensaufnahme scheitert also vorerst am Energiemangel. Zunächst wolle man in der Umgebung des Museums suchen, in Moscheen und Häusern schauen, ob Gegenstände auftauchen, sagt Damerji. Dann sei ein Appell der Unesco an die Kunsthändler der Welt notwendig, dass archäologische Stücke aus dem Irak nicht mehr gekauft werden. Auch seien strengere Gesetze gegen den Schmuggel gestohlener Kunst erforderlich - etwa in der Europäischen Union. Sei ein gestohlener und geschmuggelter Gegenstand erst einmal in der EU, könne er leider ungehindert von Land zu Land weiterverkauft werden, klagt Damerji. Im übrigen hoffe man, dass unter der Schirmherrschaft der Unesco bald europäische und amerikanische Wissenschaftler nach Bagdad kommen, um den irakischen Kollegen zu helfen.

Die Plünderungen vom April 2003 sind die größte kulturelle Katastrophe, die seit der Zerstörung Bagdads im Mongolensturm 1258 über das Zweistromland kam. Damals wurde Bagdad, die Hauptstadt des islamischen Weltreiches, vollkommen zerstört - und ausgeplündert. Das Gedächtnis einer ganzen Epoche wurde ausgelöscht. Der Schaden, der in den vergangenen Wochen entstand, ist wahrscheinlich noch größer: Dokumente der vielen Stadtkulturen, welche jahrtausendelang das Zweistromland geprägt haben, wurden vernichtet.

Die Plünderorgien vom April 2003 sind nicht die ersten schweren Heimsuchungen in der Kulturlandschaft des Irak. Nach dem Golfkrieg von 1991 ist das Museum der nordirakischen Stadt Kirkuk ausgeraubt worden. In den Wirren der Jahre nach dem ersten Golfkrieg ist es zu weiteren Plünderungen und zu illegalen Grabungen gekommen. Damals, sagt Damerji, habe er sein erstes Trauma erlitten. Und er fügt hinzu, dass die Iraker nach ihrem Einmarsch in Kuwait 1990 trotz gegenteiliger amerikanischer Propaganda korrekt gehandelt hätten: Sie hätten das Kuwaitische Museum und das Islamische Museum geschont, die Gegenstände katalogisiert, alles sicher verpackt nach Bagdad gebracht, den gesamten Vorgang der Unesco gemeldet - und alle Gegenstände nach dem Golfkrieg an Kuwait zurück gegeben.

Die Plünderer Bagdads werden kaum zu fassen sein. Man muss also nach denen fragen, welche die Plünderungen zugelassen haben. Die irakischen Wissenschaftler hoffen auf Hilfe aus Europa - und aus Amerika. Schließlich ist das Irakische Nationalmuseum auch ein Stück westlicher Kolonialgeschichte. Als die Briten im Ersten Weltkrieg 1917 nach Bagdad kamen, reiste in ihrem Tross auch die Abenteurerin und Arabienkennerin Gertrude Bell mit. Gertrude Bell starb 1927 in Bagdad; ihr Grab ist dort noch heute auf dem protestantischen Friedhof zu sehen. Eines der letzten Projekte von Gertrude Bell war das Sammeln von archäologischen Funden aus dem Zweistromland: Gertrude Bell wollte den Grundstock für ein Irakisches Nationalmuseum legen.