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Museen im Sommer:Stau vor der Kunst

Endlich Zeit für einen Museumsbesuch, denken sich viele in den Ferien. Zu viele - da gleicht der Gang zur "Mona Lisa" einer Prozession. SZ-Autoren schildern, was so viel Andrang für Menschen und Bilder bedeutet.

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Louvre, Paris

Mona Lisa

Quelle: dpa

An der angenehmen Kühle allein kann es nicht liegen. Mehrreihig stauen sich die Louvre-Besucher im hohen klimatisierten Raum vor der kleinformatigen Mona Lisa. Selten stehen weniger als 80 Betrachter vor dem Bild. Wie die Fühler eines neugierigen Fabelwesens fahren aus der Schar abwechselnd Arme mit Fotokameras in die Höhe. Und trotz des dicken Panzerglases stehen fünf Aufseher neben dem berühmten Gemälde - weniger, um es zu schützen, als um die Besuchermassen zu kanalisieren.

Doch der Schein trügt. Von den jährlich gut 9 Millionen Besuchern des Louvre - davon fast 7 Millionen Ausländer - kommen im Sommer nicht mehr als in den übrigen Monaten. Das Besondere an den Sommergästen ist aber, dass sie den Louvre so besuchen wie den Eiffelturm oder den Montmartre, weswegen Gedränge nur auf den Hauptdurchgangsstrecken herrscht, aber gleich nebenan ziemliche Leere. Der Gang zur "Mona Lisa" in der ersten Etage des Denon-Flügels gleicht einer Prozession. An den griechischen und römischen Statuen vorbei führt der Weg die Prunktreppe hoch bis zur frisch restaurierten Nike von Samothrake, wo der Besucherfluss sich staut. Von dort geht es weiter durch die Saalflucht der italienischen Maler bis zum Quersaal, wo es dann eng wird. "Um das Bild von da Vinci wirklich zu sehen, sollten Sie im Winter wiederkommen", tröstet einer der jungen Aufseher die Leute. Es sind vorwiegend Studenten, die von der Museumsleitung im Sommer als Auskunftgeber vor den berühmtesten Exponaten platziert werden.

Besondere Sicherheitsvorkehrungen sind im Louvre für die Sommerzeit nicht nötig. Taschenkontrollen, Metalldetektorportale und Gepäckdurchleuchtung werden in Frankreich aufgrund des Maßnahmeplans gegen Terrorismus das ganze Jahr durch verwendet. So beginnt die Geduldsprobe für die Urlauber schon am Eingang vor der Glaspyramide, wo die Warteschlange sich manchmal bis hinunter zur Place du Carrousel zieht. Es ist der Preis für die vor dreißig Jahren gewählte Option eines prachtvollen Zentraleingangs fürs ganze Museum unter der Pyramide im Napoleon-Hof. Die Wartenden werden allerdings drinnen an vielen Kartenverkaufsschaltern zügig abgefertigt, auch bei Massenandrang, und auf die drei Museumsflügel verteilt in die Säle. Von denen etliche - ob Sommer oder Winter - wegen Personalmangel geschlossen sind.

Joseph Hanimann

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Louisiana, Kopenhagen

Visitors look at works of art by Henri Matisse at Louisiana Art Museum in Humlebaek, Denmark

Quelle: Reuters

Das Museum Louisiana am Öresund, dreißig Kilometer nördlich von Kopenhagen gelegen, ist viel mehr als der wichtigste Ort für moderne und zeitgenössische Kunst in Dänemark. In ein paar zum Meer hin abfallende Hänge eingebettet, ist das Museum zugleich ein Landschaftspark, eine Demonstration nordischer Architektur und skandinavischen Designs und eine Huldigung an die dänische Lebensart. Der Erfolg ist entsprechend: Mit rund 600 000 Besuchern pro Jahr zieht das Museum weit mehr Menschen an als etwa die Neue Nationalgalerie in Berlin. Die Kuratoren wissen das und widmen die großen Sommerausstellungen gerne den großen Volkshelden der heimatlichen Moderne: Gegenwärtig zeigen sie Ólafur Elíasson, im vergangenen Jahr ging es um Hilma af Klint, und zuvor galten die Ausstellungen Asger Jorn oder den großen nordischen Architekten.

Und so kommt es, dass sommerliche Regentage jedesmal zu Völkerwanderungen in dieses Museum führen, vor allem im Juli, dem traditionellen Urlaubsmonat: Dann verlassen die Menschen zuhauf ihre Häuser, fahren ihre Autos auf die schlecht befestigten Parkplätze des Museums, patschen in Gummistiefeln in das Eingangsgebäude, einem alten Herrenhaus, und füllen zu Tausenden die Räume. Die Luft steht dann warmfeucht in den Sälen, so dass es schwer wird zu atmen und man sich schon um die Exponate sorgt. Die großen Fenster, von denen man normalerweise den Park und den Öresund sieht, beschlagen, und auf den Holzböden bilden sich nasse Flecken. Am liebsten aber gehen sie in den Museumsshop, der auf drei Etagen auch eine große Auswahl des notorischen dänischen Designs anbietet. Umgeben von den Dingen, die sie selbst besitzen und die hier zum musealen Gegenstand veredelt erscheinen, wissen dann die Menschen, dass es eine bessere Heimat als diese auch an Regentagen gar nicht geben kann.

Thomas Steinfeld

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Museumsinsel, Berlin

Altarfries im Pergamonmuseum restauriert

Quelle: Wolfgang Kumm/dpa

Wer zur Berliner Museumsinsel geht, besichtigt immer beides: das, was da ist, und das, was hier entstehen soll. Er besucht eine Baustelle. Den Eingang zum Pergamonmuseum muss man derzeit etwas suchen. Er liegt nicht mehr im Ehrenhof der Dreiflügelanlage, sondern - Riesenpfeile weisen den Weg - hinter dem Neuen Museum. An diesem und der Alten Nationalgalerie vorbei, windet sich die Schlange der Besucher, bevor sie durch eine schmale Tür den Südflügel betreten. Ein Schild verkündet die zu erwartende Wartezeit: drei Stunden. Das sei ein böser Scherz, hat jemand in Touristenenglisch daneben gekrakelt. Doch ist in der Schlange von übler Laune wenig zu spüren. Es geht ruhiger, gesitteter zu, als man es in einer Stadt, die sich gern mit ihrer Ruppigkeit brüstet, für möglich gehalten hätte.

Wie wäre die angenehme Gelassenheit der Wartenden zu erklären? Liegt es an der Vorfreude auf die antiken Großarchitekturen, die hier wie sonst in keinem Museum angestaunt werden können? Mag sein, wahrscheinlich aber trägt auch der Ort das Seine dazu bei. Grün ist der Hof, den man durch Arkaden betritt. Hier gibt es viel zu sehen und noch mehr zu imaginieren. Auch die Westfassade des von David Chipperfield rekonstruierten Neuen Museums weckt mit Bauplastik und Fehlstellen die Vorstellung, all das sei gerade erst ausgegraben worden. Rechts reitet in romantischen Triumphalismus Friedrich Wilhelm IV. Und wer der Fassaden genug hat, der kann die Werke der Berliner Bildhauerschule anschauen, die den Hof zieren.

Vielleicht ist aber auch etwas anderes für die angenehme Stimmung in der Warteschlange verantwortlich: Wer hier wartet, kann wissen, dass er bald Zeitzeuge sein wird. Er besichtigt einen vorübergehenden Zustand. Ab dem 28. September wird der Saal mit dem Pergamonaltar geschlossen sein. Das Haus muss dringend saniert werden, die Zeit und weit über eine Millionen Besucher jährlich haben dem 1930 eröffneten Haus zugesetzt. Geöffnet bleiben wird dann nur noch der Südflügel, mit Ischtar-Tor, Prozessionsstraße, Markttor von Milet, dem Museum für Islamische Kunst. Bis 2020 etwa sollen die Arbeiten dauern. Und so weiß in der Herbstsonne jeder: wer jetzt nicht zum Altar geht, wird ihn lang nicht sehen.

Jens Bisky

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British Museum, Natural History Museum, London

Ancient Lives New Discoveries Exhibition at the British Museum

Quelle: Facundo Arrizabalaga/dpa

Britische Zeitungen fragten jüngst bang, ob die Londoner Museen durch Überfüllung "Opfer ihres eigenen Erfolges" zu werden drohten. Allein im British Museum schieben sich mittlerweile sechseinhalb Millionen Besucher pro Jahr durch den Great Court. Hier ist es sommers wie winters voll; im August steigen die Besucherzahlen aber auf bis zu 28 000 Menschen am Tag. Doch das - jüngst noch erweiterte - Gebäude ist so riesig, dass sich sogar solche Massen letztlich verlaufen. Natürlich sind manche Abteilungen stärker frequentiert als andere. Aber man kann dem Gedrängel stets entkommen, ohne das Museum verlassen zu müssen. Bei der Keramik zum Beispiel herrscht meist angenehme Ruhe. Zudem haben die frisch eröffneten Räumlichkeiten für Sonderschauen das British Museum entlastet. Verlängerte Öffnungszeiten für Großausstellungen entzerren den Andrang zusätzlich - ein vorbildliches Modell auch für andere Länder. Ähnlich verfährt die Tate Modern.

Die längsten Schlangen bilden sich in London ohnehin nicht vor einem der Kunstmuseen, sondern vor dem bei Kindern besonders beliebten Natural History Museum. Gerade in den Sommerferien ist der Familien-Ansturm hier enorm, zuweilen stehen die Wartenden auf der Rampe vor dem Haupteingang bis auf die Straße hinaus. Kenner nutzen daher den Nebeneingang an der Exhibition Road. Wenn man erst einmal drin ist, bedeutet das aber nicht, dass das Warten vorbei ist: Vor den Riesenskeletten und dem Tyrannosaurus Rex der Saurierabteilung heißt es fast immer noch einmal: anstehen.

Alexander Menden

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Prado, Madrid

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Quelle: Angel Navarrete/AFP

Gleich gegenüber der Schlange vor den Kassen an der Außenseite des Prados steht Margarita Teresa, die Infantin von Spanien. Genauer gesagt ein Gestell mit blonder Perücke, roten Papierblumen im Haar, und einem weiten beigen Krinolinenkleid, ganz wie auf dem berühmten Bild von Diego Velázquez. Anstelle des Kopfes ist eine ovale Öffnung ausgespart, hier dürfen nun Touristen für drei Euro ihre eigenen Köpfe durchstecken und sich fotografieren lassen. Das Geschäft geht gut. Auch im Museum ist die fünfjährige Margarita Teresa das begehrteste Fotoobjekt und macht damit den Museumsleuten nicht wenig Sorgen. Denn im Sommer kommen die Wächter kaum nach, die Besucher anzuherrschen, dass Fotoblitze den Bildern schaden.

Doch nur vor den "Meninas", wie die Szene mit Hofnarr, Hofdame und Hofmaler sowie dem Königspaar auf einem Gemälde im Hintergrund auf Spanisch heißt, stauen sich gelegentlich die Museumsbesucher. Sie verteilen sich auf die vielen Säle, die angesichts der brütenden Hitze in der Innenstadt auch kühle Oasen sind. Es herrscht eine gedämpfte, geradezu besinnliche Stimmung, es gibt kein lautes Rufen, kein Laufen durch die Gänge, schon gar kein Gedränge. Das Museum ist für die stolzen Madrileños das Herz ihrer Hauptstadt, die im Gegensatz zu den meisten anderen Metropolen keine weltweit sofort als Marke erkennbaren Gebäude besitzt.

In der Hitliste der Besucher folgen mit großem Abstand hinter der von Velázquez verewigten Prinzessin noch andere Favoriten: die beiden "Majas", nämlich die nackte und die bekleidete, von Francisco Goya, eine hübsche junge Frau, die er zweimal in derselben Pose auf einem Kissen ruhend gemalt hat. Und der "Garten der Lüste" von Hieronymus Bosch, der auch einer der Bestseller im Museumsshop ist. Doch auch hier hängt die Infantin Margarita Maria die Konkurrenz ab: Es gibt sie als Lesezeichen, auf Kaffeetassen, Umhängetaschen und T-Shirts.

Thomas Urban

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Uffizien, Florenz

UFFIZIEN FLORENZ WIEDERER"FFNET

Quelle: dpa

Die Uffizien in Florenz sind kein Großbetrieb wie die Vatikanischen Museen in Rom, die National Gallery in London oder das Kunsthistorische Museum in Wien. Aber sie sind eines der traditionsreichsten Kunsthäuser Europas und eines der schönsten dazu, so wie sie sich in die Lücke zwischen Piazza della Signoria und Arno schmiegen. Der Architekt und Kunstschriftsteller Giorgio Vasari errichtete in der Spätrenaissance zudem einen Korridor, der von der Galerie aus über die Brücke Ponte Vecchio führt und so beide Ufer der Stadt in einem geschützten Raum verbindet. Für die Besucher ist er gesperrt, mangels Fluchtwege. Das ist auch gut, denn in dem Andrang, der besonders zur Sommerzeit in den Uffizien herrscht, würde man in einem engen Korridor zerquetscht werden.

Die Leute stehen stundenlang Schlange, manchmal sogar dann, wenn sie im Internet Karten vorbestellt haben. Viele kommen wegen Botticelli und Michelangelo, aber auch die anderen Säle sind gut besucht. Bis vor Kurzem wurden die Gäste durch feuchte Katakomben und verwinkelte Gänge geschickt, bevor sie im lichten Obergeschoss ankamen. Inzwischen sind die Uffizien weitestgehend saniert worden. Die weniger populäre, aber sehr florenztypische manieristische Kunst hat eigene Räume bekommen. Hier hat man immer noch seine Ruhe und kann Stunden im Zwiegespräch mit den gemalten Herrschaften des 16. Jahrhunderts verbringen. Vor Botticellis "Venus" und "Primavera" aber gilt: Ohrenstöpsel rein, Bauch einziehen und nicht beirren lassen von Unseresgleichen.

Kia Vahland

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Neuschwanstein

Besucherrekord auf Schloss Neuschwanstein

Quelle: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Ein Augusttag am Alpenrand. Schwer und grau hängt der Himmel herab, so tief, dass die höchsten Spitztürmchen des Schlosses an ihm zu kratzen scheinen. Heute wird das nichts mit diesem Foto, das alle im Kopf haben, die hierher kommen: gleißend weißes Märchenschloss vor Alpenpanorama vor bayerisch-blauem Sommerhimmel. Trotzdem wälzt sich schicksalsergeben eine bunte Schlange aus Regencapes und Outdoor-Jacken den Hang hinauf, dazwischen zuckeln Pferdekutschen mit chinesischen Familien. Schloss Neuschwanstein geht immer, egal, wie das Wetter ist. Im Jahr 2013 waren 1,5 Millionen Menschen hier, der 60-millionste Besucher kam letzten Juni. Jetzt, im Sommer, ist Hochsaison. Das heißt: 8000 Menschen, jeden Tag. Drehkreuze lassen 60 Leute rein, dann ist Schluss. Fünf Minuten später kommen die nächsten 60. Dann geht es zügig, innerhalb einer halben Stunde, durchs ganze Schloss. Wer länger als vorgesehen den königlichen Waschtisch betrachtet, wird von der folgenden Gruppe aus dem Schlafgemach gescheucht.

Neuschwanstein war für eine einzige Person gemacht: Ludwig II. Besuch empfing er selten, einen Hofstaat gab es nicht. Der bayerische König hatte nur zwölf Diener - und selbst vor deren Anblick befahl er, verschont zu werden. Eine Eremitage, verkleidet als Märchenschloss. Und nun diese Massen. Das Problem: Gerade an Regentagen tragen die Besucher Feuchtigkeit ins Schloss. In die holzvertäfelten Zimmer, zwischen die Wandmalereien, auf die Prunkstoffe und Schnitzereien. Hinter den Wandverkleidungen sind deshalb Luftentfeuchter versteckt. Wann immer es geht, öffnen die Schlossführer die Fenster und lassen frische Luft in die Zimmer und Säle. Am Ende des Rundgangs ist man eingelullt vom sorgsam eingehegten Gang durch all die Schönheit - und überraschenderweise fast gar nicht gestresst. Neuschwanstein ist nur eben kein Single-Wochenendhaus mehr, sondern eines für Millionen.

Kathleen Hildebrand

© SZ vom 26.08.2014/tgl
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