bedeckt München

Lockdown-Regeln für Museen:Weder Luxus noch Freizeitspaß

Museumsareal in München, 2014

Das Quartier um die Alte Pinakothek (hinten), die Pinakothek der Moderne (links) und die Sammlung Brandhorst müssen bald wieder geschlossen bleiben.

(Foto: Stephan Rumpf)

Bis Donnerstag wussten die Museen nicht, ob sie geöffnet bleiben dürfen. Dann kam doch eine Ansage der Bundesregierung. Und für die braucht man etwas Humor.

Von Catrin Lorch

Man kann sich vorstellen, was am Donnerstagmittag - so gegen halb zwei - der Direktor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Bernhard Maaz, getan hat. Das gleiche vermutlich wie Matthias Mühling, der Direktor des Münchner Lenbachhauses. Und Achim Hochdörfer, der das Museum Brandhorst leitet, und Maurin Dietrich vom Kunstverein in München. Sie alle werden einen Live-Stream der Bayerischen Landesregierung verfolgt haben, in dem Ministerpräsident Markus Söder gemeinsam mit seinem Wissenschaftsminister und dem Leiter der Staatskanzlei erklärte, mit welchen Maßnahmen man in Bayern der Pandemie begegnen wird ab November. Denn im Statement der Kanzlerin tauchten die Museen nicht auf. Offenhalten oder Zumachen? "Für die Museen war es so etwas wie ein Strohhalm, an dem sich alle festgehalten haben so lange es ging", sagt Sylvia Willkomm, Sprecherin des Deutschen Museumsbundes in Berlin. Womöglich, so hoffte man im Dachverband der deutschen Museen noch am Nachmittag, war das kein Lapsus der Informationspolitik, sondern ein Anlass zur Hoffnung, die Möglichkeit für die Bundesländer , Museen doch offen zu halten.

Wer in solchen Tagen ein großes Haus zu leiten hat, der hofft auf interpretativen Spielraum. Ulrike Groos beispielsweise, die Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart. Sie sagt, sie habe nach der Erklärung der Bundesregierung angefangen im Internet nach Hinweisen zu suchen - bis dann in der Sendung "Brennpunkt" am Abend auch Museen genannt wurden. Aber als sie am Morgen ins Büro kam, hatte sie keine Anhaltspunkte, ob sie den Sicherheitsdienst vorsorglich ab nächster Woche abbestellen soll - oder geöffnet bleiben kann. Es gab auch keine Mitteilung von Behörden oder Kulturpolitikern. Bis irgendwann eine grafisch mit viel Orange gestaltete Info-Seite der Bundesregierung an sie weiter geleitet wurde, auf der dann Museen - gemeinsam mit Theatern und Konzerthäusern - unter "Freizeit-Einrichtungen" gelistet sind, die geschlossen gehören.

Ulrike Groos ist nicht die einzige unter Deutschlands Museumsdirektoren, die unter der Informationspolitik leidet - "erst taucht man überhaupt nicht auf, dann steht man als Museum kurz vor dem Zoo", sagt sie der SZ. "Dabei sind wir weder ein Luxus noch ein Freizeitspaß. Wir sind Bildungseinrichtungen." Und so können sich Kollegen wie Yilmaz Dziewior, Direktor des Kölner Museums Ludwig, vielleicht noch freuen, dass der Ministerpräsident seines Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, die Museen wenigstens rhetorisch mit Theatern und Opern koppelt. Im Kulturstaat Bayern kommen sie bei der Aufzählung der zu schließenden Institutionen lange überhaupt nicht vor - erst kurz vor Ende der Liste, nach den Kosmetikstudios, den Bordellen und den Spaßbädern.

Auf der Liste Bayerns stehen die Museen hinter den Kosmetikstudios und Bordellen

Man sollte diese Reihung nicht als Zufall abtun, nicht in Zeiten, in denen Entscheidungen der Pandemie-Bekämpfung auch kulturpolitische Ansagen sind. In den Büros des Deutschen Museumsbundes, wo der Vorstand um Stellungnahmen zu den politischen Entscheidungen ringt, streicht man nach dem Auftritt von Markus Söder auch Bayern von der Liste der Länder, die einen anderen Weg gehen - allein Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern blieben noch übrig. In der Pressemitteilung konnte der Dachverband jedenfalls nur einen Wunsch formulieren: "Museen sind wichtige Erlebnis- und Bildungsorte", heißt es da, "die entsprechend unterstützt werden müssen, ohne durch immer neue Kürzungsrunden weiter geschwächt zu werden."

Wenn man Museumsleute fragt, warum ausgerechnet in Bayern, das sich Kulturstaat nennt, die Museen unter ferner liefen rangieren, halten das die wenigsten für einen Zufall, der nur der Dramatik der Situation geschuldet ist: "In der mangelnden Wahrnehmung spiegelt sich die tatsächliche Wertschätzung der bildenden Kunst hierzulande, die im Verhältnis zu Opernhäusern beispielsweise geradezu stiefmütterlich finanziert wird."

© SZ vom 30.10.2020
Auf den Punkt Podcast

SZ-Podcast "Auf den Punkt"
:Corona und Kultur: "Der Mensch lebt nicht vom Brot alleine"

Von den strengen Coronamaßnahmen sind besonders Kulturschaffende betroffen. Ein Gespräch mit dem Intendanten des Münchner Volkstheaters Christian Stückl.

Jean-Marie Magro

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite