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Restitutionsdebatte:Versprechen oder Versprecher?

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Gedenkkopf einer Königinmutter (Iyoba), eine der Benin-Bronzen, die ursprünglich im Berliner Humboldt-Forum gezeigt werden sollte.

(Foto: Ethnologisches Museum der Staatlichen Museen zu Berlin)

Er "erwarte" die Rückgabe der Benin-Bronzen noch in diesem Jahr, sagte Hartmut Dorgerloh vom Humboldt-Forum. Nur: Wer entscheidet das?

Von Jörg Häntzschel

War das der Schabowski-Moment der Restitutionsdebatte? In einem harmlosen Gespräch mit ein paar Journalisten, in dem es vor allem um die coronabedingt verzögerte Eröffnung des Humboldt-Forums und um eine neue Publikation gehen sollte, sagte Hartmut Dorgerloh, der Generalintendant, einen etwas umständlichen Satz: Er "erwarte, dass es bis September eine Entscheidung geben wird, was die Rückgabe der als Benin-Bronzen bekannten Skulpturen und Reliefs aus Berlins Ethnologischem Museum betrifft". Wie diese "Entscheidung" nach Dorgerlohs Erwartung ausfallen werde, daran ließ er keinen Zweifel: Die Bronzen, zumindest deren größter Teil, sollen restituiert werden.

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Als die SZ das am Montagabend meldete, brach unter Wissenschaftlern und Aktivisten, die die Rückgabe seit Jahren fordern, Jubel aus. Dorgerlohs Ankündigung wird weltweit als Meilenstein gefeiert. Deutschland wäre das erste Land, das die ikonischen Bronzen zurückgäbe.

Was in der Freude allerdings beinahe unterging, ist, dass weder Dorgerloh noch die Berliner Museen, aus deren Sammlungen das Humboldt-Forum bestückt wird, über die Rückgaben entscheiden können. Dafür ist das Einverständnis mehrerer Bundesministerien nötig. Vor allem aber die Zustimmung des Stiftungsrats der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Und weil in diesem Gremium auch die Länder sitzen, wären Rückgaben aus Berlin kaum denkbar, ohne dass auch die Benin-Bronzen aus den ethnologischen Museen der Länder restituiert werden, den Museen in Hamburg, Stuttgart oder Leipzig. Und spielte Dorgerloh mit seiner Formulierung, er "erwarte" trotz all dieser Komplikationen den Beschluss zur Restitution, nicht auch mit der Doppeldeutigkeit des Worts? Sprach er hier eine Prognose aus - oder war es eine Forderung?

Dennoch wird es Bund und Ländern nach Dorgerlohs wohlkalkulierten Äußerung noch schwerer fallen, die Restitution aufzuhalten. Und auch im Ausland wird nun auf Deutschlands mögliche Vorbildrolle verwiesen: "Wenn Deutschland wahr macht mit diesen Plänen, dann verliert jedes europäische Land, das Benin-Bronzen besitzt, den moralischen Boden unter den Füßen", zitiert der Guardian den nigerianischen Künstler Victor Ehikhamenor.

Schon länger war klar: Das Humboldt-Forum kann nicht mit den gestohlenen Bronzen eröffnen

Die Bronzen gehören zu den bedeutendsten und wertvollsten afrikanischen Kunstwerken. In den vergangenen Jahren sind sie außerdem zu Symbolen der Debatte um den Umgang mit kolonialer Raubkunst geworden, nicht zuletzt, weil ihre Herkunft im Gegensatz zu der vieler anderer Werke aus den ehemaligen Kolonien unstrittig ist: Die allermeisten der mehreren tausend Stücke wurden 1897 bei einer britischen Strafexpedition in Benin City im heutigen Nigeria geplündert und von London aus an europäische Museen verkauft. 25 deutsche Museen besitzen Benin-Bronzen. Die mit rund 440 Stücken größte deutsche Sammlung gehört dem Ethnologischen Museum in Berlin.

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Dass das wegen seiner bislang ungeklärten Haltung zu Kolonialismus und kolonialer Raubkunst seit Jahren in der Kritik stehende Humboldt-Forum nicht mit gestohlenen Benin-Bronzen eröffnen kann, ist allen Verantwortlichen seit langem klar. Doch in den vergangenen Monaten und dann noch einmal in den vergangenen Tagen ist der Druck, sich endlich mit einer klaren Ansage zu positionieren, erheblich gestiegen.

Es begann im Dezember, als der nigerianische Botschafter erneut auf seine Forderung an die deutsche Regierung nach Rückgabe der Bronzen aufmerksam machte. Und als Jan Böhmermann dem Raubkunst-Problem im Humboldt-Forum eine ganze Ausgabe seines ZDF Magazin Royale widmete. Die virtuelle Eröffnung des Humboldt-Forums Tage später kam aus Böhmermanns Schatten nicht mehr heraus. Es folgte ein SZ-Interview mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters Anfang März, die eingestand, dass der Umgang des Humboldt-Forums mit den Benin-Bronzen "zum Prüfstein des Ganzen" geworden sei. "Mit Sicherheit", so kündigte sie an, werde es Restitutionen geben; "Leerstellen" in den Sälen seien vielleicht sogar zu begrüßen. Sie könnten "den Besucherinnen und Besuchern diesen bisher vernachlässigten Teil unserer Geschichte vor Augen führen", sagte sie in einem anderen Interview. Das Humboldt-Forum kündigte am Dienstag bereits an, seinen Benin-Saal nun neu zu planen.

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In der vergangenen Woche wuchs die Not bei den Verantwortlichen weiter: In ihrem eben erschienenen Buch "Afrikas Kampf um seine Kunst" berichtet die prominenteste Kritikerin des Humboldt-Forums, Bénédicte Savoy, dass viele afrikanische Länder schon in den Sechziger- und Siebzigerjahren die Rückgabe ihres gestohlenen Kulturguts verlangten. Savoy schildert, wie sich die Direktoren der europäischen und besonders der deutschen Museen gegen die als Bittsteller behandelten Afrikaner verschworen, wie sie diese trickreich abblitzen ließen und alles taten, um eigene, fortschrittlicher denkende Kollegen zu entmachten.

Deutschland versucht offenbar, ein eigenes Abkommen auszuhandeln

Die Berliner Kunsthistorikerin weist nicht nur die Fadenscheinigkeit der damals von den Museumschefs vorgebrachten Einwände gegen Rückgaben nach. Es sind, so zeigt sich, auch genau dieselben, die deren Nachfolger wieder bemühten, seit Savoy 2017 mit ihrem SZ-Interview die Restitutionsdebatte in Deutschland auslöste. Sie belegt damit eine Kontinuität institutioneller Arroganz, von der sich um Fortschrittlichkeit bemühte Museumsleiter wie Dorgerloh nun eilends zu distanzieren versuchen. Gegenüber der SZ sagte sie am Dienstag: "Schön, wenn es jetzt passiert. Aber die Forderung nach Rückgaben steht seit 1972 im Raum. Das hätte man schon damals machen können."

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So soll das geplante Edo Museum of West African Art in Nigeria des Architekten David Adjaye aussehen.

(Foto: Adjaye Associates)

Indessen gibt es offenbar auch neue diplomatische Durchbrüche: In den vergangenen Tagen traf sich Andreas Görgen, der Kulturchef des Auswärtigen Amts, mit Godwin Obaseki, dem Gouverneur des nigerianischen Bundesstaats Edo, um über die Rückgaben zu verhandeln. Das nigerianische Magazin Punch berichtet, Nigeria wolle einen regierungsunabhängigen Trust gründen, in dessen Obhut die restituierten Bronzen gelegt würden. Geplant ist, die Bronzen in dem vom Londoner Architekten David Adjaye entworfenen Edo Museum of West African Art zu zeigen, das demnächst in Benin City gebaut werden soll.

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Schon seit Jahren bemüht sich die Benin Dialogue Group, ein aus europäischen und nigerianischen Museumsleuten zusammengesetztes Gremium, um eine gemeinsame Lösung für die Bronzen aus Europas Museen. Doch die Diskussionen kommen nur schleppend voran. Wenn Deutschland mit Nigerias Regierung nun rechtzeitig zur Eröffnung des Humboldt-Forums ein eigenes Abkommen aushandelt, wäre das international wegweisend. Aber in Deutschlands neuem Paradeprojekt warten noch Tausende andere Fälle von Raubkunst.

© SZ/khil