Museen:Abhängen!

Amerika amüsiert sich über Protestkundgebungen gegen die Gemälde von Pierre-Auguste Renoir. Es ist zwar nur eine merkwürdige kleine Gruppe, die seine Kunstwerke hasst, sie stellt aber eine gute Frage: Wie bildet sich eigentlich Geschmack?

Von Peter Richter

Diesen Montag standen sie in Chicago vorm Art Institute. Vergangene Woche war das Metropolitan Museum in New York dran, davor das Kunstmuseum von Boston, und auf ihren Schildern steht in jeder Stadt das Gleiche: "Renoir sucks", "ReNOir" oder "God Hates Renoir". In New York immerhin hatten sich ihnen auch ein paar Verteidiger des französischen Impressionisten entgegengestellt. Auf deren Schildern stand dann sinngemäß: Ihr könnt die Renoirs von den Wänden holen, aber nur über unsere Leichen.

Lustig? Sicher - wenn man zum ersten Mal davon hört. Seit das Renoir-Bashing aber zum schmunzeligen Dauerthema geworden ist, ist die Sache erstens ein bisschen lästig und zweitens komplexer, als sie auf den ersten Blick aussieht. Es ist schon schwer genug zu sagen, wo das Phänomen eigentlich am greifbarsten ist, im Internet, auf der Straße, im Museum oder in den traditionellen Medien. Angefangen hat es mit einem Instagram-Account, der unter dem Stichwort "#RenoirSucksAtPainting" - prüde übersetzt: Pierre-Auguste Renoir konnte wirklich nicht malen - höhnisch kommentierte Belegbilder für diese These auflistete. Initiiert war das von einem gewissen Max Geller, einem jungen Mann aus Brooklyn, der dank seines Hipstervollbärtchens bezeichnenderweise exakt so aussieht wie, tja: der späte Renoir. Er hat auf Twitter, Stand Dienstag, eine vergleichsweise schüttere Follower-Zahl von 260. Das sind immerhin mehr als die 15 Leute, die im April die Petition unterzeichnet haben, mit der Geller auf der Website des Weißen Hauses Präsident Obama aufforderte, "all die buchstäblich grauenerregenden Renoir-Gemälde, die in der National Gallery von Washington hängen, entfernen zu lassen". Und auf Instagram hat er schon beinahe 3000 Sympathisanten. Aber das sind alles nicht die Art von Zahlen, mit denen man es als virale Sensation auf den Radar von Zeitungen und Magazinen schafft. Dazu mussten Geller und ein halbes Dutzend Gleichgesinnte erst vor die Museen ziehen. Aber auch die sogenannten Flashmobs, an die diese Aktionen denken lassen, lebten immer von wesentlich größeren Teilnehmerzahlen. In den Touristenmassen vor dem Metropolitan Museum gehen sechs Leute mit Anti-Renoir-Schildern unter.

Ein bisschen Avantgarde, etwas Campus-Jargon und dabei sehr merkwürdig: die Renoir-Hasser

Es waren schon eher die klassischen Zeitungen und Radiostationen, die das Thema zum Thema machten. Und was Geller denen in die Mikrofone diktierte, klang zunächst einmal eher nach gut gelaunter Krawallmacherei als nach besonders tiefen Reflexionen: Renoir sei "der überbewertetste Künstler östlich, westlich, nördlich und südlich der Seine", Bäume seien bei ihm eine "Ansammlung von widerwärtigem grünen Geschnörkel", Augen "wie mit dem Edding gemalt", seine Kunst sei "öde, albtraumhaft und angefüllt mit Kadavern, fahler Haut und Chauvinismus" sowie natürlich "süßlich", in den Museen befänden sich bereits genug "tote, weiße Männer mit ihrem männlichen Blick, da brauchst du nicht noch die abseitige, feige Mittelmäßigkeit von Renoir." Und so weiter. Als eine Nachfahrin des geschmähten Malers auf Gellers Instagram-Seite anmerkte, dass der freie Markt da aber etwas anderes sage (für Renoirs werden zweistellige Millionensummen gezahlt), bellte Geller entrüstetet zurück, der freie Markt sage gar nichts über Qualität, der freie Markt habe außer Renoir auch den Klimawandel hervorgebracht. In einem Radiointerview wiederholte er dieses Argument gegen den Markt am Montag noch einmal und ergänzte es kurzerhand noch um den militärisch-industriellen Komplex und den Zionismus.

In den Museen werden solche Ausfälligkeiten offensichtlich als "pranks" betrachtet, nicht ernsthaft ernst zu nehmende Bubenstreiche; es lässt sich da jedenfalls niemand herab, auf Presseanfragen hin Kommentare dazu abzugeben. Aber die Presse kommentiert, und im Idealfall kommentiert die Presse auch noch die Pressekommentare: Auf der Website des Atlantic Monthly stellt Kriston Capps fest, dass fast alle Gellers Benehmen pubertär finden, aber kaum jemand Renoir wirklich in Schutz nehmen mag. Den meisten kämen die Gemälde Renoirs nämlich selber recht zuckerwattig vor, und bestenfalls erklärt Peter Schjeldahl im New Yorker altväterlich, dass sich die ihm aus seiner eigenen Jugend vertraute Phase des Renoir-Hassens wieder lege, wenn man im Alter keine Furcht mehr habe, ähnliche Dinge hübsch zu finden wie die eigene Oma. Die Schlussfolgerung des Atlantic Monthly: Absolut jeder hasse heimlich Renoir, und zwar immer schon. Und außerdem treffe es nicht den Falschen, denn Renoir habe nicht nur in der Dreyfus-Affäre auf Seiten der Antisemiten gestanden.

Wenn man nun in dritter Potenz auch diese Reaktion auf die Reaktionen zu kommentieren hat, dann kommt man an der Einsicht nicht vorbei, dass Geller mit seiner Gaudi-Kampagne ein paar neuralgische Punkte berührt. Sie ist sowohl eine Referenz an die Bilderstürmerei der klassischen Avantgarde-Bewegungen als auch an den radikalen Jargon auf dem Universitäts-Campus von heute. Sie erinnert daran, dass Geschmacksurteile grundsätzlich etwas Apodiktisches haben und im Notfall aber oft auch moralisch munitioniert werden können. Sie stellt damit vor allem die Frage, wie sich ein Geschmackswandel eigentlich sonst artikuliert und schließlich an Museumswänden niederschlägt. Denn dass Museen nicht nur Geschmack bilden, sondern darauf auch reagieren, zeigt die Geschichte ihrer Neusortierungen. Museen dürfen sich, wie es aussieht, tatsächlich darauf gefasst machen, dass da in Zukunft einiges an plebiszitärem Eingriffsverlangen in ihre Kanonisierungshoheit auf sie zukommt - mit geschmäcklerischen oder handfest moralischen, politischen, feministischen Argumenten. Das betrifft dann aber nicht nur diejenigen, die Bilder von Renoir hängen haben. Und das sind schon eine ganze Menge.

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