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Musée des Confluences in Lyon:Wunder gewünscht, Fiasko bekommen

Für Feuilleton 20.12.2014

Wo Rhône und Saône in Lyon ineinanderfließen, ist nach Plänen von Coop Himmelb(l)au das Musée des Confluences errichtet worden.

(Foto: Coop Himmelb(l)au)

Deutschland hat den Berliner Flughafen, Frankreich das Musée des Confluences: Das neue Museum in Lyon sollte 2005 eröffnet werden. Für 60 Millionen Euro. Jetzt ist der Bau endlich fertig - für 300 Millionen. Nun ist es der schönste Skandal der Welt.

Von Gerhard Matzig, Lyon

Verrückt, an dieser Stelle ein Selfie machen zu wollen. Aber das Museum muss mit drauf, von der Seite. Und zwar jetzt. Jetzt, da unter dem bleigrauen Himmel, der auf Lyon lastet an diesem Dezembertag, als wäre er an den Kirchturmspitzen angebunden, ein schüchterner Lichtstrahl hervorkriecht und die imposante Stahlhaut des Musée des Confluences für einen Augenblick silbrig schimmern lässt.

Hätte man Pech, so zeigte das Selfie nicht nur das Museum im Hintergrund, sondern auch einen heranrasenden Truck in Großaufnahme. Wolf Prix hat Glück.

Immer schon eigentlich.

Wild hupend weicht der Fahrer eines Euro-Sattelschleppers aus. Hinter der Windschutzscheibe ein Schild. "Alain" also. Er verfügt über ein gutes Reaktionsvermögen. Prix aber hat gute Nerven. Und sein Selfie hat er auch. "Das ist für Steven, der hat heute Geburtstag. Das schicke ich ihm jetzt. Ein richtiges Ätsch-Foto." Klick.

Das Selfie vom Ätsch!-Museum

Ätsch? Ein Selfie, für Steven Holl. Das ist ein bekannter amerikanischer Architekt - und ein Freund des bekannten österreichischen Architekten Wolf Prix, 72, der sich als Mastermind der Architektur sowie als Chef des Wiener Büros Coop Himmelb(l)au außer auf die wahre Baukunst - und zudem sogar auf die Ware "Baukunst" - auch auf die Kunst des Wiener Schmähs versteht, charmant boshaft.

Im Februar 2001 ist Holl zusammen mit anderen namhaften Größen der internationalen Architekturszene im Wettbewerb um den Neubau des Musée des Confluences ausgeschieden. Prix hat damals gewonnen. Jetzt kriegt Holl das Bild vom fertigen Museum. Das Ätsch-Selfie, das in gewisser Weise auch ein Ätsch-Museum zeigt.

Für Feuilleton 20.12.2014

Im gläsernen Foyer des Museumsneubaus, das die Architekten als "Kristall" bezeichnen, formiert die Stahlkonstruktion einen räumlichen Wirbel.

(Foto: Duccio Malagamba)

Am Rand der Autobahn, die Marseille mit Paris verbindet liegt es in Lyon. Dort, wo sich die Flüsse Rhône und Saône treffen, weshalb das Science-Museum auch einen angemessen zeichenhaften Namen trägt: "Confluence", Zusammenfluss. Alles fließt. Wasser, Wissen - Raum.

Ein hässlicher Brei mit Wohnregalen und Büroburgen

Die Stadt fließt nicht. Die zerfließt an dieser Stelle eher zu einem hässlichen Brei aus Infrastruktur, Wohnregalen, Büroburgen und Billighotels: Unmittelbar neben der Lyoner Stadtautobahn und im einst zu Industriezwecken aufgeschütteten Delta zwischen Rhône und Saône erwehrt sich der neue Wissenstempel, der viel sein möchte, aber ganz gewiss kein Tempel, der unablässig heranrollenden Brandung aus Sattelschleppern, Pendlerverkehr und suburbaner Tristesse. Erfolgreich.

Die 500 000-Einwohnerstadt Lyon, drittgrößte Kernstadt des Landes nach Paris und Marseille, wollte hier nach dem Vorbild von Frank Gehrys Guggenheim-Dependance in Bilbao stadträumliche und volkswirtschaftliche Schubkraft initiieren: durch ein Museum einerseits und mit Hilfe einer zur massenhaft besuchten, folglich gewinnträchtigen Touristenattraktion tauglichen Architektur andererseits.

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