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Murray Shanahans Buch "Die technologische Singularität":In Gegenwart einer gewaltigen Kreatur

Wird die künstliche Intelligenz der Zukunft einen Körper haben? Als KI-Forscher Murray Shanahan Berater für den KI-Thriller "Ex Machina" war, jubelte er dem Film einige Wittgenstein-Anspielungen unter, hier etwa Gustav Klimts Bild von Wittgensteins Schwester.

(Foto: Universal Pictures)

Das Buch "Die technologische Singularität" des britischen KI-Forschers Murray Shanahan ist das Grundlagenwerk für die Zukunft.

Von Andrian Kreye

Die technologische Singularität ist seit einiger Zeit so etwas wie die Offenbarung des Johannes für Informatiker. Es geht dabei um den Moment, an dem künstliche Intelligenz (KI) den Menschen auf allen Gebieten intellektueller Betätigung übertrumpft. Ob KI dann zur Apokalypse oder zur Erweckung wird, ist bisher noch eine Frage der Interpretation. Glaubt man Untergangspropheten wie dem Milliardär und Tesla-Chef Elon Musk, dann sollten wir uns auf alle Fälle bald einen Platz auf einer der Marsfähren seiner Firma Space-X sichern und auf den roten Planeten umsiedeln. Glaubt man dem Apostel der digitalen Erweckung Ray Kurzweil, werden wir unser Gehirn mithilfe eines Neurolinks an die globale Wolke des Weltwissens anschließen und über einen Intelligenzquotienten von viertausend verfügen.

Nun wird das mit dem Leben auf dem Mars nichts werden, weil den meisten Menschen schon auf der Reise dorthin so übel würde, dass sie nie wieder zu etwas zu gebrauchen wären. Und wie eine Menschheit einen viertstelligen IQ psychologisch verarbeiten soll, die schon mit einem Jahr Hausarrest nicht klarkommt, ist auch noch nicht ganz zu Ende gedacht. Weswegen es zum Glück das Buch "Die technologische Singularität" von Murray Shanahan gibt.

Shanahan ist Professor für Kognitive Robotik am Imperial College in London und kennt sich mit künstlicher Intelligenz so gut aus, dass der Hollywood-Regisseur Alex Garland ihn als Berater für seinen KI-Thriller "Ex Machina" aus dem Jahr 2015 engagierte. Der wiederum unter KI-Wissenschaftlern neben Kubricks "2001" als einer der wenigen Filme gilt, der das Prinzip der künstlichen Intelligenz richtig vermittelt.

Künstliche Intelligenz gehört zu den exotischen Bewusstseinsformen

Shanahan brachte in dem Film auch ein paar Anspielungen auf den Philosophen Ludwig Wittgenstein unter, dessen Denken viele Menschen ähnlich überfordert wie die Vorstellung, dass eine Maschinenintelligenz die Intelligenz des Menschen übertreffen könnte. Bei einem Auftritt in London schaffte Shanahan es sogar einmal, mit Wittgenstein in wenigen Minuten die Möglichkeit eines Maschinenbewusstseins zu skizzieren. Er stellte damals klar, dass sich der Mensch von der Idee lösen muss, dass eine Maschine ein menschenähnliches Bewusstsein entwickeln könne, man sich aber trotzdem damit auseinandersetzen sollte. Wittgenstein habe nicht nur als einer der Ersten die Frage gestellt, ob Maschinen denken können. Er habe vor allem beschrieben, wie man sich angesichts anderer, exotischer Bewusstseins- und Wesenszustände wie den von Tieren, Pflanzen, Gesteinen oder Planeten als Mensch verändere. Künstliche Intelligenz gehöre in diese Reihe der exotischen Bewusstseinsformen, sagte er. "Wir sind in Gegenwart einer gewaltigen Kreatur."

Auch in seinem Buch zitiert er Wittgenstein, um diese neuen Wesensformen am Beispiel der Kommunikation zu zeigen. Menschliche Sprache, so sagt er, sei ein verrauschtes und mit nur geringer Bandbreite ausgestattetes Medium. Ein Team von KIs aber könne Inhalt ohne solche Beschränkungen einander klar und direkt vermitteln. Nur müsse man sich, um solche Vorgänge zu konstruieren, vom Vorbild des biologischen Gehirns lösen. Das ist bei ihm zunächst ein Problem der Technik, dann der Rezeption und dann der Philosophie. Wobei man Shanahan hoch anrechnen muss, dass er seine Gedankengerüste als Autor in einfacher Sprache vermittelt und die Lesenden mit Verweisen auf populäre Filme und Bücher immer wieder auf vertraute Wissensgebiete holt.

Murray Shanahan: Die technologische Singularität. Aus dem Englischen von Nadine Miller. Matthes & Seitz, Berlin 2021. 253 Seiten, 20 Euro.

Vieles von dem, was Murray in "Die technologische Singulariät" beschreibt, wird Theorie oder Utopie bleiben. Aber im Spannungsfeld zwischen Philosophie und Informatik arbeitet er nicht nur die Möglichkeiten, sondern auch die Metaphern der KI-Forschung heraus. Weil die Automatisierung oder gar die Erzeugung von eigenständigen intellektuellen Leistungen die Einzigartigkeit des menschlichen Geistes infrage stellt. Er schreibt dabei dezidiert gegen einen "Biozentrismus" an, gegen die Weigerung, die Existenz andersartiger Intelligenzformen zu akzeptieren. "Meat Chauvinism" nennen das seine Kollegen aus der weiteren Kognitionsforschung wie Steven Pinker und Daniel Dennett.

Freundliches Dienerwesen oder zerstörerische Kraft?

Vieles bereitet in seinen extremen Gedankenspielen aber auch die Herausforderungen vor, die die Automatisierung von Entscheidungsprozessen schon seit einiger Zeit mit sich bringt. Denn es ist ja keineswegs sicher, wie sich künstliche Intelligenz entwickeln und auswirken wird. Immer wieder steht im Buch die Grundfrage im Raum, ob eine KI sich als freundliches Dienerwesen wie Siri im Smartphone oder als zerstörerische Kraft wie Hal aus Stanley Kubricks Film "2001" manifestiert.

Es spricht für die Grundsätzlichkeit des Buches, dass es im englischen Original schon 2015 erschien und auf Deutsch erst jetzt. Nichts daran ist veraltet. Außer dass manche technologischen Schritte, die bei Shanahan noch als Gedankenspiele vorkommen, in der Realität inzwischen vollzogen sind. Ein Neurolink zum Beispiel, der es erlaubt, eine physische Verbindung zwischen einem biologischen Hirn und einem Rechner herzustellen, wurde schon von mehreren Firmen entwickelt. Und das Experiment, Daten-Bits auf einem DNA-Strang abzuspeichern und wieder abzurufen, hätte man vor fünf Jahren noch als Hirngespinst abgetan. Die Bostoner Firma Catalog hat allerdings vor anderthalb Jahren schon den gesamten Inhalt der Wikipedia auf so ein Erbgut geschrieben. Und der Genwissenschaftler George Church hat ausgerechnet, dass ein DNA-Würfel mit einer Seitenlänge von einem Meter ausreichen würde, um den Speicherbedarf der gesamten Menschheit für ein Jahr zu decken. Dann kommt noch das 5G-Netzwerk dazu, Superanabolika für das Internet. Und hat inzwischen alle Welt schon die tanzenden Roboter von Boston Dynamics gesehen? Die relativieren Shanahans Einschränkung, dass KI weitgehend körperlos bleiben wird.

Wer sich für die Zukunft interessiert, kann "Die technische Singularität" also getrost als Grundlagenwerk betrachten. Denn es wird noch lange interessant bleiben, Murray Shanahans Gedankengängen zu folgen. Zumal er bei all seiner Begeisterung für die Möglichkeiten der KI, bei aller Offenheit für Gedankenexperimente, doch immer Agnostiker bleibt. Die Offenbarungen überlässt er anderen.

© SZ/crab
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