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"Mulan" bei Disney Plus:Sei ein Mann

Mulan Disney

Die Grazie und Anmut, die ihre Eltern sich von ihr als Braut erhoffen, entfaltet Mulan (Liu Yifei) auf dem Schlachtfeld.

(Foto: Disney)

Disney hat den Emanzipationsklassiker "Mulan" neu verfilmt - mit mehr Feminismus, aber weniger Humor.

Von Kathleen Hildebrand

Am Anfang von Niki Caros opulentem Realfilm "Mulan" - der von diesem Donnerstag an wegen Corona statt in den Kinos auf der Streamingplattform Disney Plus zu sehen ist - springt Mulan einem ausgebüxten Huhn hinterher aufs Dach ihres Hauses und wieder hinunter mit Bewegungen, die eines Parkour-Sportlers würdig wären. Kleider werden beschmutzt, Gefäße gehen zu Bruch, und mit ihnen die Hoffnung ihrer Eltern, dass aus ihrer Tochter doch noch eine anständige, demütige chinesische Braut werden könnte. Für ihr Umfeld ist Mulan eine Enttäuschung. Für ihr Land aber wird sie am Ende des Films zur Heldin geworden sein.

Aus der pastellfarbenen Reihe der Disney-Prinzessinnen hat Mulan schon immer herausgeragt. Zuerst einmal, weil sie keine Prinzessin war, sondern als Tochter eines Kriegshelden in der Provinz eher obere Mittelschicht. Mehr noch aber, weil Mulan selbst die Heldin ihrer Geschichte war. Nicht liebesschmachtend und aufopfernd (Arielle, die Meerjungfrau), nicht die Erlöserin des Mannes (Belle in "Die Schöne und das Biest"), nicht die durch Heirat Erlöste (Cinderella) und auch nicht der vom Mann zu erringende Preis (Jasmin in "Aladdin"). Mulan brauchte keinen Mann. Sie wurde sozusagen selbst einer.

Wie in dem 1500 Jahre alten chinesischen Gedicht über Hua Mulan, auf dem auch schon der Zeichentrickklassiker von 1998 beruhte, zieht die junge Frau als Soldat verkleidet in den Krieg, weil es sonst ihr altersschwacher Vater tun müsste. Jede Familie hat die Pflicht, einen Mann zu stellen, um Reich und Kaiser zu verteidigen. Sie begibt sich damit doppelt in Gefahr. Mulan könnte im Kampf vom Feind getötet werden - oder von den eigenen Leuten. In der chinesischen Armee stünde auf ihr Frausein die Todesstrafe.

Die wunderbar charmante Zeichentrickfassung von 1998 musste aus dieser Gleichzeitigkeit von Misogynie und Emanzipation eine disneytypisch optimistische Heldenreise formen. Schon sie war so voller Geschlechterthemen, dass man Gender-Studies-Habilitationsschriften über den Film verfassen könnte. Allein die Gesangseinlage "Sei ein Mann", die im Trickfilm zu einer Bootcamp-Montage erklingt, stellt den Essentialismus von klassischer Männlichkeit ziemlich lässig infrage. Mit dem richtigen Training, das zeigt die Verbindung aus Bildern und Lied, kann eine Frau ebenso "zum Mann" werden wie ihre schluffigen Kameraden.

Jetzt, 22 Jahre und sehr viel Emanzipationsgeschichte später, muss "Mulan" noch mehr feministisches Reflektionsvermögen zeigen. Die neuseeländische Regisseurin Niki Caro und die Drehbuchautoren haben also einiges am Plot geändert. Die Liebesgeschichte zwischen Mulan und ihrem Kommandanten, die im Trickfilm subtil mitlief, wurde gestrichen - nach "Me Too" soll Disney bei einer so asymmetrischen Romanze nicht mehr ganz wohl gewesen sein. Stattdessen funkt es ein wenig (wirklich nur ein ganz klein wenig) mit einem hübschen Kameraden. An Heirat ist aber bis zum Schluss nicht zu denken, die neue Mulan ist eine Kriegernonne. Was möglicherweise feministischer ist, aber für einen Disney-Publikumsfilm vielleicht auch ein bisschen schade.

Gibt es einen Platz für Frauen, die nicht ins Rollenbild passen, nur auf der dunklen Seite der Macht?

Interessanter ist eine andere Veränderung: Dem düsteren Feind der Chinesen, Bori Khan, wurde eine Hexe zur Seite gestellt. Sie kann jede Form annehmen, verwandelt sich in einen Adler oder in diverse Männer, wie es ihr passt, ihr wahres Ich ist aber eine Frau. In einer Schlüsselszene versucht sie, Mulan auf ihre Seite zu ziehen - ihre Kameraden würden eine Frau nie akzeptieren, sagt sie zu ihr, es gebe keinen Platz für Frauen, die nicht ins Rollenbild passen. Höchstens auf ihrer, der dunklen Seite der Macht. Dass die reine, treue Mulan in diesem Moment keine Sekunde zögert, ist nicht nur erzähltechnisch enttäuschend. Es zeigt, woran die Realverfilmungen von Disneys Trickfilmklassikern kranken: Echte Schauspieler suggerieren, dass es auch um echte Konflikte, echte Emotionen gehen könnte, mit Ambivalenz und Tiefe. Die Figuren bleiben aber trotzdem meist im klaren Gut-Böse-Schema von Kinderfilmen verhaftet.

Außerdem fehlt den Realfilmen ein entscheidendes Element. Die Trickfilme hatten immer Witz und Musical-Einlagen, um ihren Geschichten eine weitere, nämlich heitere Ebene zu verleihen. Den Neuauflagen bleibt meist nur das Pathos großer Action, das ständig Gefahr läuft, hohl zu wirken, wenn die Geschichte es nicht ausreichend trägt. Die Trickfilm-Mulan hatte ihre kleinen, lustigen Begleiter, den tollpatschigen Drachen Mushu (gesprochen von Otto) und die Glücksgrille, die mit in Tinte getunkten Füßen Briefe in chinesischen Schriftzeichen schreiben konnte. Die Realfilm-Mulan hat das stoisch bis ausdruckslose Gesicht von Schauspielerin Liu Yifei und, das muss man sagen, wirklich beeindruckende Actionszenen. Doch heiliger Ernst tut nicht jeder Geschichte gut.

Im Fall von "Mulan" verweist dieser Ernst auf den anderen Spagat, den die neue "Mulan" schaffen soll. Der Film soll das klassische westliche Hollywood-Publikum genauso begeistern wie China, den größten Kinomarkt der Welt. Im Erzählen chinesischer Geschichten liegt natürlich ein gewaltiges Potenzial, aber auch ein Risiko. Das Land, aus dessen Literatur die Geschichte von Hua Mulan ursprünglich stammt, ist heute wesentlich selbstbewusster als noch 1998 und blickt deshalb kritischer auf Adaptionen seines Kulturguts. Als Disney den Trailer veröffentlichte, gab es Häme in China: Die Rundbauten, in denen Mulans Dorfgemeinschaft wohnt, sind typisch für den Süden Chinas, statt für den Norden, wo Mulan der Legende nach herkam - und sie entstanden rund tausend Jahre nach Mulans Zeit.

Westliche Zuschauer dürften mit etwas anderem hadern: Die für Mulans Geschichte wesentlichen Tugenden wie Ehre, Pflicht, Loyalität und Familie sind nicht unbedingt das, womit sie sich identifizieren. Auch in den meisten Hollywood-Produktionen sind sie höchstens Hilfstugenden für den Individualismus. Hier aber stehen sie für sich selbst und das ist ganz schön irritierend. Als der Kaiser Mulan am Ende zur Generälin machen will, lehnt sie ab: Sie empfindet es als ihre Pflicht, zu ihrer Familie zurückzukehren. Mit solcher Bescheidenheit enden Hollywoods Heldengeschichten sonst eher nicht.

Mulan - USA 2020. Regie: Niki Caro, Buch: Rick Jaffa u.a., Kamera: Mandy Walker. Mit: Liu Yifei, Donnie Yen, Gong Li. Disney Plus, 115 Minuten.

© SZ vom 04.09.2020/khil
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