Süddeutsche Zeitung

Münster:Eisenman-Brunnen

Von Till Briegleb

Es gibt wenige Stadtmöbel, die auf Menschen und Tiere so anziehend wirken wie Brunnen. Besonders wenn die Wasserfläche so niedrig ist, dass nicht nur Vögel etwas von dem Nass haben. Und so standen um das flache Becken mit fünf Riesen von Nicole Eisenman, das 2017 auf dem Festival für Kunst im öffentlichen Raum, den Skulptur.Projekten in Münster, installiert wurde, nicht nur täglich bis zu 2500 Erwachsene amüsiert zusammen. Es plantschten Kinder, Hunde und Punker in dem Bodenbrunnen, nebenan, wo die Wiese nicht zu matschig war, setzten sich Grüppchen zum Trinken und Lärmen zusammen. Und vielleicht litt auch der traditionelle Schwulentreffpunkt am Buddenturm nicht unter der neuen Massenattraktion, denn der Brunnen bot der Kontaktaufnahme neuen Schutz aufgeklärter Öffentlichkeit, wo Versteckspiel nicht mehr nötig schien.

Das fanden allerdings nicht alle toll. Die träumerischen Brunnenfiguren aus Bronze und Gips, die in Luft und Wasser stierten, ins Becken seichten oder ein Dosengetränk hielten, erregten Hasscharaktere zu Akten der Zerstörungswut. Die vagabundenhaften Typen, Gegenmodelle zu jeder heroischen oder folkoristischen Brunnengestaltung, wie sie sonst Ausdruck der Stadtgemeinschaft ist, entsprachen nicht dem beschränktem Weltbild von Hitler-Fans. Also wurden Hakenkreuze und Penisse auf die Körper gesprüht und Köpfe abgetreten. Dass die New Yorker Künstlerin mit dem Brunnen fünf ihrer jüdischen Vorfahren darstellte, die vor den Nazis aus Europa fliehen mussten, war da noch gar nicht bekannt, aber vielleicht klar spürbar für die Dumpfbirnen.

Dass dieses kommunikative Kunstwerk, das so viel Sympathie und Hass auslösen konnte, nach Ende des Festivals verschwand, das wollten viele Münsteraner nicht hinnehmen. Ein Verein wurde gegründet, der hundertausende Euro Spenden- und Fördergelder sammelte, und als Nicole Eisenman auf ihr Honorar verzichtete, kam die Rückholaktion so richtig in Fahrt. Ende Juni hatte die stolze Initiative ihr Ziel schließlich erreicht. Der Brunnen wird noch dieses Jahr am originalen Standort und in trittfesten Materialien neu errichtet. Als Quelle der Freundschaft und Jungbrunnen einer humanen Stadtgesellschaft. Prost Dosenbier.

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Quelle:
SZ vom 04.07.2020
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