Münchner Volkstheater Krachledern

Christian Stückl liebt seinen Shakespeare. Also entfacht er einen gewaltigen Wirbel zu Beginn seiner Inszenierung von dessen "Sturm". Der Inselherrscher Prospero ist ziemlich jung, die Scherze sind reichlich derb: Shit happens!

Von Christine Dössel

Donner und Doria, das geht ja sauber los! Das Sturmgetöse, das Christian Stückl da im Münchner Volkstheater entfacht, ist derart wild und krachert, dass sich die Balken biegen und einem die Schreie nur so um die Ohren fliegen. Wehende Segel, knarzende Planken, Kerle, die fluchend an Seilen ziehen: Selten ist in Zeiten von Hightech und Multimedia im Theater noch so ein handgemachter, simpelsten Kinderfantasien entsprechender Schiffbruch zu sehen. Wenn sich das heute noch einer traut, dann Christian Stückl, der gelernte Holzbildhauer aus Oberammergau, der mal wieder aus allen Rohren feuernde Kindskopfregisseur.

Stückl begreift das Theater seit je als einen großen Abenteuerspielplatz, und wie ein solcher schaut die Bühne für seine Inszenierung von Shakespeares "Sturm" auch aus. Stefan Hageneier hat einen wüsten Bretterverhau aus Latten, Holzstegen und einem gebrochenen Mast zusammengeklammert, das gekenterte Schiff symbolisierend, mit dem der König von Neapel und seine Entourage auf einer fernen Insel gestrandet sind. Diese Insel wird von Prospero regiert, dem entmachteten Herzog von Mailand, der vor zwölf Jahren von seinem Fieslingsbruder Antonio schnöde verraten und samt seiner kleinen Tochter Miranda auf dem Meer ausgesetzt wurde. Prospero hat überlebt und sich auf seiner Exoteninsel zu einem mächtigen Magier entwickelt. Er ist es, der den Sturm entfachte, als er die italienische Mischpoke vorbeisegeln sah - Zeit, Rache zu nehmen. Dass er dies am Ende doch nicht tut, sondern verzeiht und seinen Zauberkräften entsagt, ist das humane Wunder und Güte-Siegel dieses späten Shakespeare-Werks. Uraufgeführt wurde "Der Sturm" just zu Allerheiligen, am 1. November 1611.

Am Münchner Volkstheater spielt Pascal Fligg den Prospero, mit seinen 33 Jahren eine ungewöhnlich junge Besetzung für diese Alterstraumrolle eines jeden großen Mimen. Fligg hat sich einen Hipster-Bart wachsen lassen und die Haare kurz geschoren, so dass er ein wenig an den Apple-Gründer Steve Jobs erinnert, er hat auch so etwas asketisch Guruhaftes wie dieser, trägt Nickelbrille und ein langes Priestergewand. Streng ist er, dieser Prospero, kalt, ernst und zielstrebig, ein Unsympath, auch gegenüber seiner Tochter kein lieber Daddy. Man nimmt ihm seine Rachegelüste unbedingt ab. Das, was dieser Insel-Gott nach Anschwemmung der Schiffbrüchigen auf der Holzhaufenbühne entfacht, hat allerdings weniger mit bezirzender Magie und Poesie zu tun als mit handfestem Bretterbudenzauber.

Wie immer, wenn Christian Stückl Shakespeare inszeniert, geht der Volkstheaterwüterich mit ihm durch. Es ist ein wahrer Polterabend, und die oft benutzte Axt auf der Bühne ersetzt den Regisseur als Zimmermann. Da rumpelt und knarzt es also gewaltig im Gebälk. Die Schiffbrüchigen, eine Männerrunde von eitlen Gecken, tragen hohe Samtzylinder und geschlechtsteilbetonende Gemächt-Latze. Entweder sie schreien, stolpern und machen abgeschmackte Witze. Oder sie sind, gerade von Prospero betäubt, so träge und apathisch, dass gleich die ganze Inszenierung erlahmt. Welche in den Liebesanbahnungsszenen zwischen dem Hohlkasperl Ferdinand (Jonathan Müller) und der Schnepfe Miranda (Carolin Hartmann) dann aber wieder schrecklich auf- und durchdreht. Muss man mögen, diesen krachledernen Ich-geh-dir-an-die-Wäsche-Humor.

Stückls Faible fürs Laientheater schlägt sich an diesem disparaten Abend vor allem in der Besetzung des Luftgeistes Ariel mit einem 14-jährigen Schüler nieder. Der ist faszinierend anzusehen in seiner Gollum-Maske, den halbnackten Jungskörper in Latex verpackt. Aber wenn er den Mund aufmacht, dieser noch unverbildete Kindsgeist, dann ist es eben, nun ja, Schülertheater.

Der autochthone Caliban, Prosperos zweiter Inselsklave, ist bei Timocin Ziegler ein roher, strammer Bursche mit dreckverschmiertem Vorzeigekörper. Beim Sprechen fremdelt "das Monster" mit der zwangserlernten Sprache und ist auch sonst hübsch befremdlich. Wenn dieser Caliban mit dem Säufer-Duo Stephano und Trinculo ein Mordkomplott gegen Prospero schmiedet und mit stampfenden Füßen einen ungelenken Freiheitstanz hinlegt, das ist eine der besten Szenen des Abends, so anarchistisch und ekstatisch, so unerwartet bretterbodenüberwindend. Das Allerbeste aber sind die Trinkerszenen, die hat man so süffig und hochprozentig komisch lange nicht gesehen. Jacob Gessner (als Trinculo) und vor allem der grandios spillerige Jean-Luc Bubert (Stephano) kalauern, rülpsen und reimen sich durch den herrlichsten Volltrottelrausch, hängen schon mal tumb im Gebälk ("Das ist ein Mast, du Spast!") und ziehen in ihrer kuriosen Strampelhosenaufmachung eine große, derbe Witzbold-Nummernshow ab. Aus dem Jauchebad, in das Ariel die beiden Säufer lockt, kommen sie am Ende tatsächlich monsterhaft kotverschmiert. Nicht, dass ihnen das die Laune verderben würde. Fäkalien-Witze machen ja schließlich auch Spaß, und der Begriff "Scheiße" ist ein weites Wortfeld.

So grob gezimmert Stückls Inszenierung ist, das Ende kriegt er gut hin. Er treibt dem Harmonie-Schluss das allzu Versöhnliche aus, lässt die Menschen menscheln und zweifeln. Und wenn sich Prospero für die berühmten Schlussworte an die Rampe setzt, seine Brille abnimmt und im warmen Licht vom Publikum sehr direkt und persönlich Nachsicht erfleht, spendet man die ihm und dem Abend gerne. Trinculo und Stephano würden resümieren: "Shit happens."