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Münchner Philharmoniker:Viel Harmonie

Valery Gergiev bleibt Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, Intendant Paul Müller wird am 1. März zehn Jahre im Amt sein - und nun lockt auch noch das 360°-Festival

Von Egbert Tholl

Nun ist offiziell, was man bereits seit einigen Wochen wusste: In seiner gestrigen Sitzung entschied der Münchner Stadtrat die Verlängerung des Vertrags von Valery Gergiev als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Seit 2015 hat er diese Position inne, nun läuft sein Vertrag bis 2025. Dazu Matthias Ambrosius, Sprecher des Orchestervorstands: "Die ganz große Mehrheit des Orchesters hat sich die Fortführung der Zusammenarbeit mit Valery Gergiev gewünscht. Er steht für Kontinuität in der künstlerischen Arbeit auf höchstem Niveau." Die Kontinuität, so könnte man ergänzen, erfährt allerdings eine ganz neue Anreicherung, wenn von 2020 an im Ausweichquartier musiziert wird. Schon allein deswegen, wegen des Gasteigumbaus und der damit verbundenen Schwierigkeiten, behält man einen Chef, den man kennt und mit dem es läuft.

Erst einmal feiern das die Philharmoniker, eine wundersame Koinzidenz: Von 22. bis 25. Februar findet wieder das "MPhil 360°"-Festival statt, in der Philharmonie und in der Muffathalle. Muffathalle zunächst einmal deshalb, weil im Vorfeld der Jubiläums-Saison - im Herbst 2018 feiern die Philharmoniker ihren 125. Geburtstag - kein Festival in der laufenden Saison geplant war. Doch Gergiev überraschte den Intendanten Paul Müller mit dem Wunsch, jedes Jahr ein Festival zu machen. Da war dann nur noch die Muffathalle frei, von der sich Müller allerdings erhofft, dass das Orchester neue Publikumsschichten erreiche. Tatsächlich endet der Piazzolla/Strawinsky-Abend am Freitag in der Muffathalle in Party mit Band, während am Samstag das Ballett des Mariinsky-Theaters in der Philharmonie zu "Petrouchka" tanzt. Am Sonntag spielt dann noch das Kammerorchester der Philharmoniker zusammen mit dem Mariinsky Stradivarius Ensemble unter der Leitung von Gergiev und Lorenz Nasturica-Herschcowici. Gerade für die beiden Konzerte in der Muffathalle gibt es kostenlose Schüler- und Studentenkarten.

Philharmoniker 360 Grad Petrouchka

Das Ballett des Mariinsky-Theaters ist zu Gast in der Münchner Philharmoniker.

(Foto: State Academic Mariinsky Theatre)

Die Jubiläumssaison beginnt dann im September 2018 mit Bernd Alois Zimmermanns "Ekklesiastischer Aktion" mit Gergiev und Bariton Georg Nigl und viel Bruckner, auch weil die Aufnahme-Sessions in St. Florian dann fortgesetzt werden. Der zweite wichtige Aspekt wird Mahler sein, von dem drei Werke einst von den Philharmonikern, respektive dem Kaim-Orchester, wie es damals hieß, uraufgeführt worden waren. Auftakt: Am 13. Oktober dirigiert Gergiev Mahlers Achte. Mit der reisen die Philharmoniker auch in die Elbphilharmonie, wo das Riesenwerk dann im Januar zum ersten Mal erklingt.

Paul Müller freut sich darüber hinaus über einige Werke aus dem 20. Jahrhundert von Penderecki, Messiaen oder Dutilleux, auf Dirigenten wie Krzystof Urbanski ("wird vom Orchester geliebt") und Barbara Hannigan. Die hat auch wirklich einen Draht zu den Philharmonikern gefunden, dirigiert (und singt) ein Schönberg-Mozart-Nono-Berg-Programm im März 2019, Bartók, Ligeti und Kurtág im Mai und leitet eine konzertante Aufführung von Strawinskys "Rake's Progress" mit Musikern der von ihr ins Leben gerufenen Sängerakademie Equilibrium. Und: Im März 2019 dirigiert Gergiev ein Auftragswerk von Wolfgang Rihm. Fragt man Paul Müller, wann er als Intendant zufrieden sein wird mit der Qualität der Gastdirigenten und deren Repertoire, so kommt ein "nie" als Antwort, das man in seiner Dimension auch historisch verstehen muss.

Philharmoniker Gergiev

Valery Gergievs Vertrag wird verlängert.

(Foto: Landeshauptstadt München, Michael Nagy)

Am 1. März wird Paul Müller zehn Jahre im Amt sein, sein Vertrag wurde übrigens schon vor geraumer Zeit verlängert, bis 2023. Er kam, als Christian Thielemann bereits da war. Oder anders: Er rauschte hinein in den Konflikt zwischen Teilen des Orchesters und seinem Chefdirigenten. Bereits im Februar 2007 nahm der damalige Orchestervorstand Kontakt mit Müller auf. Der war zu dieser Zeit (seit 2002) als Intendant der Bamberger Symphoniker enorm erfolgreich, nun suchte der Vorstand einen neuen Intendanten, der mit Thielemann zurecht käme, bessere Gastdirigenten engagieren und die Münchner Philharmoniker im internationalen Musikgeschäft präsenter machen könne.

Zu diesem Zeitpunkt war Müller in Bamberg "glücklich und zufrieden", als er dann dennoch 2008 nach München kam, wirkte er schnell so, als bräche jeden Tag ein neues Magengeschwür auf. Weder konnte er den Konflikt zwischen Orchester und Thielemann befrieden, noch die Dirigenten holen, die er in Bamberg oft an Anfang von deren Karriere entdeckt hatte und die inzwischen einen Namen und viele Termine hatten. Doch, wie Müller sagt: Die Münchner Philharmoniker seien immer von ihren Chefs geprägt worden. Unter Celibidache warteten die Musiker tatsächlich auf einen Fingerzeig vom Guru und interessierten sich nicht für andere Dirigenten. Aber eigentlich wolle er über diese Zeit gar nicht reden, sagt Müller.

Philharmoniker Paul Müller

Intendant Paul Müller kann zufrieden sein.

(Foto: Wildundleise)

Nach wie vor ist er der Meinung, in der Nachfolge sei dann "Maazel das idealste gewesen, was passieren konnte". Entscheidend sei das Votum des Orchesters gewesen und "das Schiff auf Kurs zu halten". Nur war eigentlich nach Thielemanns Nichtverlängerung überhaupt kein Kurs klar. Doch, in einer Hinsicht schon: Die eine Asientournee mit Maazel im April 2013 habe "die Reputation des Orchesters total verändert". Eine zweite mit Maazel kam nicht mehr zustande, er starb im Juli 2014. Spätestens zu diesem Zeitpunkt kam zu tragen, was Paul Müller "Freundschaft" nennt, die zu Valery Gergiev. Kennengelernt hatten sie sich, als das NDR-Symphonieorchester mit seinem Intendanten Paul Müller 2000 auf Hanse-Tour war. Müller war von Anfang an "total beeindruckt", reiste später mit den Bambergern zwei Mal zu Gergievs "Weiße Nächte"-Festival, mit den Philharmonikern und Thielemann zu Gergievs neuem Konzertsaal in St. Petersburg (2009). Schon in der cheflosen Saison nach Thielemann (2011/12) war Gergiev dann mit seinem Schostakowitsch-Zyklus bei den Philharmonikern präsent.

Das Lustige ist heute nun: In seiner vollkommenen Überzeugung, Gergievs Weg mit den Philharmonikern sei der richtige - und da will man derzeit überhaupt nicht widersprechen -, antwortet Müller auf Fragen oft mit Gergievs Worten. Etwa darauf, ob man wirklich 30 Millionen für ein Ausweichquartier ausgeben müsse. Müller sagt, ja, das sei viel Geld. Gergiev sagt: Wenn man nicht so viel ausgibt, hält man nicht fünf Jahre durch. Die Interimszeit ist in Müllergergievs Worten eine Riesenchance, auch auf neues Publikum. Nur müsse man es halt gescheit machen.

Bleibt ein Punkt. Was sagt der Intendant, der auf Tourneen bei Gergiev im Hotel wohnt und nicht beim Orchester, der ihn besser kennt als jeder andere hier, wenn der Chef mal wieder Murks macht und die Sonne spielt, in deren Glanz sich Putin sonnt, was in Deutschland mitunter Befremden auslöst? "Freundschaft beruht auf Vertrauen und Loyalität. Das heißt nicht, dass ich mit seinen Überzeugungen übereinstimmen muss." Und: "Ich bin dafür bekannt, dass man mir sowieso an der Nasenspitze ansieht, was ich gerade denke." Da scheint er sich nicht immer wohl zu fühlen, aber er weiß halt auch, dass in Russland andere Gesetze gelten als bei uns.

© SZ vom 22.02.2018
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