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Münchner Philharmoniker:Pausbäckig

Mit aller Pracht in die neue Saison: Chefdirigent Valery Gergiev und den Münchner Philharmonikern gerät die Spielzeiteröffnung allzu sehr ins Klangsaftige und -kräftige. Etwas mehr Feinheit und Raffinesse hätten gut getan.

Von Reinhard J. Brembeck

Es ist die Viertelstunde des Lorenz Nasturica-Herschcowici. Der wallende Lockenkopf des Konzertmeisters der Münchner Philharmoniker ist dem Publikum in der Philharmonie wohlvertraut. Meist hat er in den Konzerten nur kurze Soli zu bewältigen, im "Heldenleben" von Richard Strauss aber darf er gleich eine Viertelstunde mit den aberwitzigsten Kapriolen - Doppelgriffen, Vertracktrhythmen, Rasantläufen - brillieren und so ein Porträt von des "Helden Gefährtin" liefern. Diese Dame ist in Nasturicas Deutung eine üppige Urgewalt, weniger zart als draufgängerisch, fordernd und ganz ihren Launen ergeben.

Nasturicas Musikerkollegen und Chefdirigent Valery Gergiev begleiten ihn dabei hingerissen von seinem kapriziösem Spiel, das Publikum staunt ob dieses Zickenporträts zum Spielzeitbeginn. Auch das Rest-"Heldenleben" gibt sich üppig ausladend in all seiner bajuwarisch-barocken Pracht. Das Kriegsbild lärmt als ein modernes Schlachtengemetzel, der Widersacher kläfft keifend kleinlich, und der Held, offenbar ein blonder Siegfried, lässt selbstzufrieden seinen Bizeps prangen. Klang ist hier alles und der ist schön und prall und selbstbewusst. Das ergibt einen musikantisch mitreißenden Strauss, ähnlich wie zuvor dessen "Don Juan" und der dazwischen geschaltete V. Akt aus "Les Troyens" von Hector Berlioz.

Allerdings kann das mitreißend Musikantische der Aufführung nicht ganz vergessen machen, dass es durchaus auch einen anderen Strauss gibt, den derzeit gerade jüngere Dirigenten ans Tageslicht bringen. Deren Strauss ist als pastoser Klangbastler unverkennbar ein Zeitgenosse Debussys und Puccinis, als intellektueller Konstruktivist ein Konkurrent Schönbergs und Mahlers, als artistischer Stimmenmonteur ein Nachfolger von Johann Sebastian Bach. Das Barocke, Süffige, Bajuwarische hat in diesen Deutungen durchaus seinen Platz, es ist aber nicht so ausschließlich zentral wie bei den Philharmonikern, deren selbstbewusst ausgespielte Einseitigkeit ein wenig altbacken wirkt.

Schade, dass Gergiev, hingerissen vom enthemmten Furor seiner Musiker, da nicht ein bisschen gegensteuert. Schade auch, dass er Berlioz dann nicht viel anders aufzäumt als Strauss, und dass seine vom Petersburger Mariinsky-Theater, Gergievs Hauptarbeitgeber, entliehene Sänger-Crew auch recht vollmundig direkt zu Werke geht. Mehr Feinheit und Raffinesse hätte auch dieser Partitur durchaus gut angestanden.

© SZ vom 16.09.2016

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