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Münchner Philharmoniker:Bierbichler & Nigl

Nigl
(Foto: Koch Films Videodrome)

Von Reinhard J. Brembeck

Die Stimme des einen bohrt sich mit dem vertrauten hellen Tenorklang, dem drohend genuschelten Untertönen und der bayerischen Sprachfärbung leicht enervierend in den riesigen Raum. Die Stimme des anderen ist die zu Musik gewordene Verzweiflung, Trauer, Urangst. Josef Bierbichler ist ein Brachialschauspieler, der seine Botschaften direkt in seine Zuschauer hineinmeißelt. Georg Nigl arbeitet als Sänger, als Bariton, sehr viel eleganter als Bierbichler, er ist aber in seinem Kunstmachen genauso schonungslos gegen sich und andere, er betreibt ebenfalls immer Expression bis zum Äußersten. In dem Komponisten Bernd Alois Zimmermann, er wurde vor 100 Jahren geboren und hat sich 1970 umgebracht, findet das Leidensmännerduo Bierbichler & Nigl seinen Lehrmeister. In seiner letzten Komposition "Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne (Ekklesiastische Aktion)" für Orchester, Bariton und zwei Sprecher kombiniert Zimmermann Texte des biblischen Predigers Salomo, die Nigl singt, mit einer Passage aus den "Brüder Karamasow" von Fjodor Dostojewski, die Bierbichler spricht. Nihilismus trifft auf die Abrechnung des Großinquisitors, der dem Bösen und der Reaktion ergeben ist, mit - Jesus. Zimmermann hämmert dazu sein Erschrecken pathetisch, wütend, kreischend. Dennoch bleiben die Münchner Philharmoniker und Dirigent Valery Gergiev in der Gasteig-Philharmonie nur Handlanger für Bierbichler & Nigl. Der eine steht und predigt anklagend, der andere sitzt und unterfüttert das Gerede seines Großinquisitors mit einer Hinterfotzigkeit, die lächelnd daherkommt, aber nur verletzen will, demütigen, zerstören. Nigl ist einer der wenigen Sänger, die Leid nicht durch Äußerlichkeiten, Drücker oder gar Selbstmitleid aufmotzen. Sondern es aushärten, es nicht als persönlichen und letztlich sentimentalen Ausdruck, sondern als Weltenklage formulieren. Das ist auch Bierbichlers Methode. Der Verzicht aufs Individuelle, aufs Zufällige, ist aber kein Verlust. Er bedeutet die härtere Formulierung von Schmerz, Wut, Aussichtslosigkeit und Trauer. Die schonungslose Direktheit dieser Ästhetik wirkt unzeitgemäß. Trotzdem großer Beifall in der Philharmonie.

© SZ vom 22.09.2018

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