Münchner Kammerspiele "Wow, wir sind die ersten - nicht Berlin!"

Die serbische Sängerin und Schauspielerin Jelena Kuljić hatte Vorstellung an jenem Abend und betrachtete die Ereignisse mit den Augen derjenigen, die echte Bombenerfahrung mitbringt - oder, na ja, zumindest fühlte sie sich bemüßigt, diese Rolle einzunehmen: die der Serbin mit Kriegstrauma. Niels Bormann malte sich bereits aus, wie seine französischen Freunde auf Facebook den Satz "Je suis Munich" posten würden. Und Wiebke Puls sagt, ihr erster Gedanke sei gewesen: "Wow, wir sind die ersten - nicht Berlin!"

Der Performer spielt einen Toten - und beschwert sich dann, dass er keinen Text hatte

Ihr zweiter Gedanke galt dann sofort ihrer Rolle als Schauspielerin, denn auch Wiebke Puls war am 22. Juli im Theater, allerdings nicht, wie es einer stolzen Diva wie ihr bei so einem Ereignis angestanden hätte, auf der Bühne ("Rampe, Mitte!"), sondern als Zuschauerin im Parkett, gemeinsam mit ihren Kindern, denen sie nun "Gaia, Mama, Madonna, eine nie versiegende Quelle lebensspendender Kraft" sein wollte - für Puls "die herausforderndste Rolle, die ich je hatte." Sie habe sich immer wieder gefragt: "Wie würde mein Charakter reagieren in dieser Situation?"

Das selbstreferenzielle Spiel mit der eigenen Rolle hat Charme und Verve und macht - über das allgemeine Angstverhalten in Zeiten von Handykameras und sozialen Medien hinaus - das Theater selbst zum Thema: das Theater als Gefühlsmanipulationsraum, in dem professionell gelitten, geweint und gestorben und dann wieder aufgestanden und um die beste Rolle, den tiefsten Ausdruck gerungen wird. In der dritten Szene, im Textbuch überschrieben mit "Choreography of dying", wird auf den abschüssigen Bühnenboden ein Video vom Anschlagsplatz projiziert. Wie in einem Traum, in zeitlupenhaften Bewegungen, denken und fühlen sich die Schauspieler in einzelne Menschen aus dem Video ein, Lebende wie Tote.

Wie anmaßend, denkt man. Und wird gleichzeitig darauf gestoßen, wie anmaßend Theater in seiner ganzen Anlage doch ist. Der Australier Damian Rebgetz (der Englisch spricht) spielt einen Mann aus Eritrea, der als vermeintlicher Attentäter angeschossen und von einem Mob erschlagen wird - es handelt sich um den realen Fall des Havtom Zarhorn, der 2015 in Israel bei einem Bus-Anschlag fälschlicherweise für den Täter gehalten wurde. Danach steht Rebgetz auf und beklagt sich, dass er als Todesopfer keinen Text hatte - typisch Schauspieler eben. Wobei sich Rebgetz gar nicht als Schauspieler begreift, sondern als Performer - auch um solche Dinge geht es in dem Stück. Leider hält der Abend aller Selbstironie, Sangeskunst und Spiellust zum Trotz der eigenen steilen Vorlage im späteren Verlauf nicht mehr wirklich stand. Politische Überkorrektheit und diskursive Beliebigkeit erzeugen so eine wohlfeile Workshop-Atmosphäre. Da muss dann ein Folterbericht verlesen und die Verantwortung des Schauspielers diskutiert werden. Da muss Dejan Bućin Statistiken auflisten zum Beweis dafür, dass viel mehr Menschen an Hundebissen und Depression sterben als an Terror. Und im Schlussbild wird der "Fortschritt" der Menschheit als Rückfall in einen Urzustand beschrieben. Verkleidet als komische Paradiesvögel mit Masken und Federröckchen gruppiert sich das Ensemble um ein Fleckchen Restnatur auf der Bühne. Niels Bormann darf, verbrämt als geflügelte Worte seiner Zahnärztin, Walter Benjamins "Engel der Geschichte" zitieren - als letzter Zahn der Weisheit sozusagen. Aua. Begeisterter Applaus.

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