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Münchner Kammerspiele:Stadion der Träume

„Dieses olympische Gelände entwirft ja eine Gesellschaft, die das pure Gegenteil des Münchens von heute ist“: Matthias Lilienthal.

(Foto: Nicolas Freund)

24 Stunden Bolaño: Die Abschieds­inszenierung Matthias Lilienthals nach dem Roman "2666" fällt aus wegen Corona. Aufregend ist sie trotzdem.

Von Nicolas Freund

München kann eine Wüste sein. Wohnungsknappheit und gnadenlose Mietpreise sind für viele so bedrohlich, wie die mexikanische Sonne. Auch die von Donald Trump beschworene Grenze zwischen den USA und Mexiko kann man mit etwas gutem Willen metaphorisch durch die Gesellschaft der bayerischen Landeshauptstadt ziehen. Bei der Mordrate wird es aber schon schwierig. Was haben Tausende unaufgeklärter Frauenmorde in der amerikanisch-mexikanischen Grenzregion mit München zu tun? Doch wohl nichts, oder?

Diese Fragen stellten sich, als die Münchner Kammerspiele vergangenes Jahr ankündigten, zum Abschluss der Intendanz Matthias Lilienthals eine fast 24-stündige Inszenierung von Roberto Bolaños Roman "2666" mit Motiven der Olympischen Spiele 1972 in München zu verknüpfen, was auf den ersten Blick etwa so naheliegend ist wie, sagen wir, die Fußballweltmeisterschaft 1990 mit nach Motiven von, sagen wir, Ingeborg Bachmann auf die Bühne bringen zu wollen. Aber gut.

"2666" spielt sogar in München, wenn auch nur in einem Satz: Darin kauft sich eine der Hauptfiguren in der erfundenen Voralmstraße einen Roman des erfundenen Schriftstellers Benno von Archimboldi. Auf den restlichen 1182 Seiten geht es um eine Gruppe durchgeknallter Germanisten, einen afroamerikanischen Journalisten, der aus der Grenzregion berichtet, 450 Seiten lang um die unaufgeklärten Frauenmorde von Ciudad Juárez - der Stadt, die im Roman Santa Teresa heißt - und um das Leben Archimboldis, das fast das gesamte 20. Jahrhundert umfasst.

Wie bekommt man diesen Roman, der als die große Sensation des frühen 21. Jahrhunderts galt, mit den Olympischen Spielen in München zusammen? Und warum sollte man das wollen? Die geplante Inszenierung wurde wegen des Corona-Virus abgesagt, die Relevanz dieser ambitionierten Abschlussinszenierung bleibt aber, genauso wie die Frage, was die Absage eines solchen Riesenprojekts für Münchner Kammerspiele bedeutet.

Am besten fragt man den Chef selbst. Matthias Lilienthal und der Dramaturg Christoph Gurk kommen mit dem Rad zum Treffen im Olympiapark. Wegen akuter Virusgefahr gibt es im Café nur nasse Tische im Außenbereich, der Wind pfeift und im Hintergrund dudelt Radiopop, der nicht stören soll, aber genau das tut. Passt irgendwie zur Trauer um die abgesagte Rieseninszenierung. "Die Idee war, den Stadtplan von Santa Teresa über München zu legen", erklärt Gurk. Eigentlich waren mal zwei Stücke geplant, eine Art morbider Vergnügungspark an der stillgelegten S-Bahnstation beim Olympiagelände und eine Bühnenversion des Bolaño-Romans. Beides wucherte dann zusammen. "Das Stück geht von der Prämisse aus, die eigene Stadt als eine Fremde zu erfahren", fährt Gurk fort. "Und wenn man dann noch 24 Stunden wach ist, kommt man in eine ganz andere Wahrnehmung."

Busse sollten die Zuschauer bis zum Morgen durch die Stadt fahren. Wegen Corona war das ein Problem

Geplant waren zehn kleine Inszenierungen von zehn verschiedenen Regieteams nach Motiven des Romans. Lilienthal: "Wir hätten alle Regisseure und Regisseurinnen, Schauspielerinnen und Schauspieler von den Kammerspielen noch einmal in einem Projektversammelt." Mit drei Bussen sollten 200 Zuschauer von 12 Uhr mittags bis zum Morgen des nächsten Tages durch die Stadt gefahren werden. Wegen Corona sind vor allem diese Busfahrten zum Problem geworden.

Spielorte wären neben den Kammerspielen, dem Stadion, der Olympiaschießanlage und der Ruderanlage auch die Kantine des Waffenherstellers Krauss-Maffei und das Dreifaltigkeitskloster in Nymphenburg gewesen. Im Olympischen Dorf hätte die Gruppe Forensic Architecture die Entführung und mutmaßliche Ermordung der 42 seit 2014 vermissten mexikanischen Studenten rekonstruiert. Der chilenische Regisseur Marco Layera wollte den Roman mit den Unruhen in Chile verbinden. Regisseur Toshiki Okada wollte im VIP-Bereich des Stadions den Teil des Romans über einen Journalisten, der über die Morde berichten möchte, als Spiel verlorener Kinder inszenieren, die am Ende mit Bobbycars durch das riesige Stadion strampeln. Dieser Teil war fertig geprobt und praktisch aufführbereit. Möglicherweise will er etwas aus diesem Stück in der Inszenierung verwenden, die am Samstag im Olympiastadion die Spielzeit beenden soll.

Klingt alles spannend, aber was hat das alles mit München zu tun? "Dieses olympische Gelände entwirft ja eine Gesellschaft, die das pure Gegenteil des Münchens von heute ist", erklärt Lilienthal der schon 2015 zu Beginn seiner Intendanz den Stadtraum mit den improvisierten Shabby-Apartments aufmischen wollte. "Hier im Olympiapark gibt es eine offene, demokratische Architektur der Partizipation aller Schichten. 72 war auch der Traum einer liberalen und künstlerisch offenen Stadt. München heute ist eine wirtschaftlich höchst erfolgreiche und effiziente Stadt, keine Stadt für Künstler und Künstlerinnen. Die Metapher der Kids, die auf dem Olympiaberg sitzen und sich ein Konzert gratis anschauen, das steht nicht mehr für die Stadt."

Lilienthal und Gurk wollten das Attentat eher nicht zum Thema machen, Benjamin Foerster-Baldenius vom Raumlabor Berlin, der für die Koordination und die Suche nach den passenden Locations verantwortlich war, sieht dagegen den Anschlag als Wendepunkt: "Man sieht das Demokratische in der Architektur, bis das Attentat stattgefunden hat", sagt er am Telefon, "danach ist die Bewegung von Freiheit und Vielfalt in der Architektur gekippt. Die Angst vor so etwas wie diesem Attentat hat zu viel mehr Kontrolle geführt."

"Unsere Maqiladores sind die Schlachthöfe Deutschlands."

Wäre ein gigantisches Projekt wie Olympia mit seinem utopischen Anspruch überhaupt noch denkbar? Haben Globalisierung und Kapitalismus die Welt in dem halben Jahrhundert seit Olympia enger und nicht etwa weiter gemacht?

Die Tausende ermordeter Frauen im Norden Mexikos, von denen der Roman erzählt, arbeiten meisten in den Maquiladoras, Fabriken oft auch westlicher Firmen, die so billig wie möglich produzieren. Aus ganz Mexiko kommen die Arbeiterinnen hierher, in eine Region, die wegen der Macht der Drogenkartelle praktisch rechtsfreier Raum ist. Lilienthal sieht darin einen Bezug zu München: "Hier werden die Güter verbraucht, die in den Maquiladoras, den mexikanischen Fabriken mit den billigen Arbeitern produziert werden." Auch das Kokain, das tonnenweise über die Grenze geschmuggelt wird, spielt in Münchens Nacht- und Arbeitsleben keine unwesentliche Rolle. Dazu kommt, dass sich Deutschland ein nicht ganz unähnliches Wirtschaftssystem leistet, wenn auch ohne Drogenkartelle: "Unsere Maquiladoras sind die Schlachthöfe Deutschlands", meint Lilienthal in Anspielung auf den Schlachtbetrieb Tönnies. Und kriminelle Strukturen erkennt Christoph Gurk durchaus auch in Bayern: "Wie Geschäfte abgewickelt werden, die ganzen Seilschaften. Das ist ja das Gegenteil des olympischen Ideals."

Die Kammerspiele werden durch die Absage des Riesenprojekts nicht in wirtschaftliche Schwierigkeiten gebracht, und vielleicht passt sie auf tragische Weise zum überambitionierten, utopischen Ideal dieser Inszenierung, das von einem Einbruch der Wirklichkeit durchkreuzt wird. Benjamin Foerster-Baldenius beschreibt eine Kombination von Kontrollwahn und Kontrollverlust, womit er zwar die Welt von "2666" meinte, aber die Kombination passt ebenso auf die Corona-Gegenwart. Den letzten Teil der Inszenierungen in den frühen Morgenstunden hätte die Regisseurin Leonie Böhm in den Kammerspielen auf die Bühne bringen sollen.

An den Kammerspielen hat sie schon Friedrich Schillers "Die Räuber" zu feministischen Räuberinnen gemacht. Sie wollte einen sehr kryptischen Teil des Romans von Bolaño über eine Wahrsagerin inszenieren, die im Fernsehen auftritt und vorgibt, zu wissen, was es mit den Frauenmorden auf sich hat. Sie sah darin eine starke, feministische Figur, die zugleich aber vieles offen lässt. Das habe das Potenzial, um einer Stadt wie München begegnen zu können. "Beim Theatermachen passiert es manchmal, dass Dinge auf einen zukommen und Faktisches mit sich bringen, das man nur geahnt hatte", sagt sie im Telefongespräch. Sie glaubt nicht, dass sich von der Inszenierung etwas retten lässt.

Es gehört zum Wesen der Utopie, dass sie nicht realisiert werden kann. Das ist selbstverständlich kein Grund, es nicht doch manchmal zu versuchen.

© SZ vom 10.07.2020

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