Politisches Theater:Im Textgewitter

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Da tobt ein Sprachsturm über die Bühne: Svetlana Belesova (oben), Katharina Bach (links) und Thomas Schmauser ringen mit dem Text. (Foto: Judith Buss)

An den Münchner Kammerspielen inszeniert Felicitas Brucker "Die Politiker" von Wolfram Lotz.

Von Christiane Lutz

Ein paar Tage nachdem Annalena Baerbock in einen Empörungssturm der Plagiatsvorwürfe geriet, fegt ein gigantisches Sprachdonnerwetter durch die Münchner Kammerspiele. In etwas mehr als einer Stunde schütten Thomas Schmauser, Katharina Bach und Svetlana Belesova das Theatergedicht "Die Politiker" über dem Publikum aus, getrieben, als sei ein Querdenker-Mob hinter ihnen her. Im besten Sinne verantwortlich für diese fulminante Großwetterlage ist Felicitas Brucker, die den Text von Wolfram Lotz inszeniert hat.

"Die Politiker" ist für sich genommen schon ein Ereignis. In lyrischen Sätzen, Reimen, Assoziationsketten skizziert Lotz ein Bild der "Politiker": "Die Politiker gehen durch die Nacht, sie tragen ihre Haare so ordentlich, wie es in diesen Stürmen möglich ist." Es geht um Sozialneid, um die kleinen Leute, immer wieder blitzt ein Ich-Erzähler namens Wolfram auf. Brucker aber interessiert sich weniger für eine Typbeschreibung denn für die Macht des Sprechakts an sich, die Macht der Worte, über die Politiker verfügen. Wie schwer es ist, damit umzugehen, das zeigt nicht erst das Beispiel Baerbock.

In drei Boxen, die erst wie Zimmer aussehen, dann mit Videoprojektionen überflutet werden (Bühne und Kostüme: Viva Schudt, Video: Luis August Krawen), liefern die drei Spieler atemlos den Text ab. Es ist Rap, Sprechgesang, lyrischer Vortrag, dann polyphones Gebrabbel, aus dem immer wieder eine Stimme (dank Mikroport) hervortritt. Bei Thomas Schmauser klingt es wie Tourette, wenn er in Endlosschleife "die Politikka, die Politikka" hervorpresst. Satzwiederholungen, Wortwiederholungen, synchron ist das nie.

Die drei sind Textspuckautomaten und doch lebendig bis in den kleinen Zeh. Eilig klettert Katharina Bach von Kubus zu Kubus, Belesova zieht sich aus, um, sie schmieren sich mit Farbe und Schokopudding ein, beißen in Blumensträuße, zünden Kerzen an, blasen sie aus, schleudern Textblätter von sich, geraten außer sich. Mit beeindruckender Wucht bahnt sich der Text seinen Weg durch diese Körper nach draußen. Einmal geht das Saallicht an und Schmauser fragt ins Publikum: "Gibt's Fragen bis hier her?" Gelächter. Wer diese Figuren sind, ist so rätselhaft wie egal. Denn psychologisch motivierbar ist sowieso keine dieser Handlungen. Einzig der Drang, die Worte loszuwerden, treibt diese Figuren an.

An einer Stelle hängt die sich völlig verausgabende Katharina Bach kopfüber von der Decke des obersten Kubus und spuckt keuchend: "Adolf Hitler Adolf Hitler Adolf Hitler. Ich ess einen Apfel, ich ess einen Apfel, ich ess eine Birne", schneller und schneller, bis der "Adolf Hitler" mit dem "Apfel" zu einem Wort verschmilzt. Der Sound verbindet, nicht der Inhalt. Man stellt sich Lotz vor, wie er drauflos schreibt, phonetisch weiter assoziiert, bis ein neues Thema da ist. Das erinnert an dadaistische Lyrik, an Gedichte wie Ernst Jandls "Schtzngrmm".

Der Text wird hier zur völlig kruden politischen Ansprache

Lotz' eigentümliche Poesie ist jedenfalls einnehmend: "Das Herz des Wals ist hundert Kilogramm schwer, und was die Politiker immer wieder tun, ist Tun, immer nur Tun!", schreibt er. Dann: "Die Politiker sind der Nebel, der am Morgen einfällt über dem Gelände von Buchenwald. Die Politiker sind das Gras, das wächst auf den Wiesen der Leipziger Völkerschlacht. Das Gras ist struppig und grün, so wie Gras eben ist."

Wolfram Lotz, einer der wichtigsten deutschen Gegenwartsdramatiker, zog 2017 mit seiner Familie ins Elsass und begann, wie verrückt Tagebuch zu schreiben. Alles nahm er darin auf, die streunende Katze, die Weinberge. Nach einem Jahr vernichtete er fast alle der rund 2000 Seiten. "Die Politiker" ist parallel dazu entstanden und dürfte Elemente des Tagebuchs geerbt haben (die Katze!), ein Produkt der Isolation und der Selbstüberforderung, sozusagen. "Die Politiker" wurde 2019 uraufgeführt, Sebastian Hartmann montierte den Text am Deutschen Theater Berlin hinten an eine Inszenierung von "King Lear", 2021 inszenierte ihn Charlotte Sprenger digital am Thalia-Theater. Auch wenn es also so schön passend aussieht, "Die Politiker" ist kein Text zur Bundestagswahl. Gut gesetzt ist er von den Kammerspielen jetzt natürlich trotzdem.

Man kann das Stück als Satire auf den Politikbetrieb lesen, für Brucker aber ist er das nicht, sie spart sich naheliegende Gags wie Politikergesten und O-Töne. Der Text wird bei ihr, frei von Ironie, selbst zur völlig kruden politischen Ansprache, die, zur Not mit absurdesten Verrenkungen, beim Volk ankommen muss. So löst Brucker die Inszenierung wiederum vom Inhalt der gesprochenen Worte los. Hier ist jedes! Wort! Gleich! Wichtig! Aber wenn alle Wörter gleich wichtig sind, ist dann keines mehr wichtig? Denn wer zu laut tönt, wird möglicherweise irgendwann nicht mehr gehört.

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